Flinker Mörder in Größe 38

Von Dieter A. Graber

HANAU. Mindestens drei Personen könnten den Mörder des Hanauer Unternehmers Jürgen Volke in der Nacht zum 8. September 2013 gesehen oder gehört haben, als er sich schnellen Schrittes durch die Gallienstraße bewegte. Eine von ihnen ist Coralie C., 29 Jahre. Sie wohnt in Haus Nr. 12. Sie ist eine schmale Frau mit Konfektionsgröße 34, was im Laufe der Verhandlung noch eine Rolle spielen wird.

Frau C. war zwischen 23 und 23.30 Uhr von einem Kinobesuch nach Hause gekommen. Genauer kann sie’s nicht mehr sagen. Kurz darauf hörte sie Knallgeräusche. „Jeweils zwei kurz hintereinander. Erst dachte ich nicht an Schüsse“, sagt sie im Zeugenstand. „Aus dem Dachfenster meines Zimmers schaute ich dann auf die Straße und sah jemanden wegrennen. Er war ganz in Schwarz gekleidet und hatte die Kapuze seines Pullis über den Kopf gezogen. Er lief in Richtung Friedrichstraße. Einmal blickte er im Laufen über die linke Schulter zurück. Dabei hielt er die Kapuze fest.“ Nein, vom Gesicht habe sie nichts erkennen können, und auch nicht, ob es ein Mann gewesen sei. Das betont sie jetzt. Also vielleicht eine Frau? Hier tritt das Dilemma dieses Verfahrens zutage, dass es nämlich schon mal begonnen hatte und die Zeugen ihre Aussagen dem aktuellen Stand – mit nunmehr auch einer Frau unter Tatverdacht – anpassen könnten, wohl nicht mit Absicht, aber doch von dem Bewusstsein getragen, der Wahrheitsfindung nicht im Wege stehen zu wollen. Polizeibeamten gegenüber, die sie am Tag nach dem Mord befragten, hatte Frau C. nämlich von einem Mann gesprochen, nicht über dreißig, sehr sportlich, etwa einsfünfundsiebzig groß. Woran sie dies damals festgemacht habe, fragt Richter Peter Graßmück. „An seiner Flinkheit“, sagt sie nun. Aber wenn sie es recht überlege, gäbe es natürlich auch Frauen, die so schnell laufen können.

Der Verteidiger von Lutz H., der Mannheimer Strafrechtler Edgar Gärtner, erkundigt sich bei der Zeugin nach der geschätzten Konfektionsgröße des (oder der) Flüchtenden. „Etwa meine?“ fragt er, seine Robe lüpfend, was Erheiterung im Saal auslöst. Nein, meint Frau C., Servicekraft von Beruf und im Taxieren von Kleidergrößen offenbar nicht ganz ungeübt, das sei ja mindestens 40, etwas kleiner schon, aber wiederum größer als ihre eigene. 36 bis 38 vielleicht … Nun ist Frau C. aber so kurzsichtig, dass sie Schwierigkeiten hat, die Straßennamen der Google Earth-Karte, die auf den riesigen Gerichtsmonitoren den Tatort und die Umgebung zeigt, vom Zeugentisch aus zu lesen. Es werden etwa sechs Meter dazwischen liegen. Andächtig und mit zusammengekniffenen Augen studiert sie das Gewirr aus roten Dächern, grauem Asphalt und grünem Bewuchs, das der Satellit aus 680 Kilometer Entfernung aufgenommen hat. Damals jedoch, also vor dreieinhalb Jahren, beeilt sie sich zu versichern, sei ihre Sehkraft noch einwandfrei gewesen.

Eigentlich hätte sich Frau C. ja um ihren Zeugenauftritt am liebsten gedrückt, vor lauter Aufregung, aber nun hat sie doch so einiges parat. Und erzählen kann sie prima. Auch die Geschichte mit dem BMW, der kurz vor der Tat in der Feuerwehreinfahrt an ihrem Haus parkte, besetzt mit drei Männern, vermutlich türkischer Herkunft, von denen einer telefonierte. Und dass seinerzeit viele Fremde in der Gallienstraße aufgetaucht seien. Im Lichte der Ereignisse wächst nachträglich so manches Detail über sich hinaus …

In der Tatnacht hatte auch Manuel N. (21), der bei seinen Eltern in der Gallienstraße wohnt, „mehrere Schüsse gehört“, wie er an einem der ersten Verhandlungstage aussagte. Er äußerte sich damals etwas präziser: „Durch unser Badezimmerfenster sah ich dann auf der Straße jemanden weglaufen. Ein blonder junger Mann. Er trug eine helle Kapuzenjacke.“ In seiner Tasche habe er „irgendetwas Schwarzes“ gehabt. Die Waffe? Manuel N. wird am Donnerstag noch einmal gehört, und zwar am Ort des Geschehens selbst: Die 1. Große Strafkammer hat einen neuen Lokaltermin anberaumt. Frau C. war davon recht angetan. Begeistert schlug sie vor: „Dann sollten Sie sich die Straße auch mal von meinem Fenster aus ansehen!“