Fluchttrieb hinterm Steuer

Von Dieter A. Graber

GELNHAUSEN. Vielleicht ist es ein Instinkt, der Unfallbeteiligte dazu be­wegt, sich aus dem Staub zu machen. Nichts wie weg! Archaisches Verhal­ten also, eine Art Fluchttrieb, der auch Frau R. an jenem Novembertag ver­gange­nen Jahres veranlasste, nach ei­ner leichten Kollision mitten in Schlüch­tern rasch um die nächste Ecke zu biegen, um sich „der Fest­stellung [ihrer] Person, [ihres] Fahr­zeugs und der Art [ihrer] Beteiligung“ zu entziehen, wie es in Paragraph 142 StGB heißt. „Unfall­flucht!“ sagt der Volksmund. Darauf steht Geld- oder Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren.

Andrea R. muss sich dafür nun vor dem Gelnhäuser Amtsgericht verant­worten. Frau R. ist 26 Jahre und Wis­senschaftlerin an einer renommierten deutschen Universität. Biologie. Die Hanauer Oberamtsanwältin Hoff­mann verliest die Anklage. Danach streifte Frau R. mit ihrem Fiat Qubo einen am Fahrbahnrand geparkten Ford Focus, „flüchtete“ in eine nahe Seitenstraße, begutachtete den Scha­den am rechten Außenspiegel, setzte zurück – und ihren Weg fort.

Um es gleich zu sagen: Es handelte sich um eine Lappalie. Es waren 300 Euro Schaden entstanden am Ford. Bei klarem Verstand hätte Frau R. die Angelegenheit mit einem Anruf bei der Polizei erledigen können. Dass sie es nicht tat, mag diesem verflixten Fluchttrieb geschuldet sein, und dass sie jetzt auch noch die Anklagebank drücken muss, ihrem Rechtsanwalt. Und das ist die eigentliche Geschichte hinter dieser kleinen Karambolage …

Nichts zu sagen mag eine probate Verteidigungstaktik im Gerichtssaal sein; alles zu leugnen eher nicht. Frau R. weist die Vorwürfe von sich – ob­wohl sie doch beobachtet wurde. Von Lars K. zum Beispiel. Er war mit sei­ner Familie unterwegs gewesen an je­nem Abend. „Wir hörten den Schlag, es flogen die Teile, der rote Kastenwa­gen sauste davon.“ Er lief noch ein Stück hinterher und sah, „wie eine Person ausstieg“.  Frau R. sagt: „Von einem Unfall habe ich nichts bemerkt. Ich wollte nur meinen eingeklappten Spiegel richten.“

Und nun schlägt die Stunde des Ad­vokaten. Er stellt Anträge. Nein, keine einfachen Beweiserhebungen, son­dern einen Wust von Forderungen an das Gericht. Er formuliert sie aus dem Stehgreif, was sich ein wenig anhört wie der Wallenstein einer Laienspiel­schar, der seinen Text vergessen hat und nun hektisch im Reclamheft blättert. Gutachter sollen beauftragt werden mit zahlreichen Untersuchun­gen, so zum Zustand der Außenspiegel – vor und nach dem Unfall –, dem der Straße, den sichtbaren Abnutzungser­scheinungen eines häufig auf Feldwe­gen gefahrenen Kleintrans­porters ita­lienischer Bauart …

Amtsrichter Wolfgang Ott versucht, etwas Ordnung in das Wirrwarr zu bringen. Es handelt sich um mindes­tens fünf Aufträge an Kfz-Sachver­ständige. Vorsichtig fragt er nach: „Sie wissen, was das kostet?“ So ein Gut­achten kann immerhin mit mehreren Tausend Euro zu Buche schlagen. Der Verteidiger winkt gelassen ab: „Spielt keine Rolle, wir sind rechtsschutzver­sichert!“ Vielleicht ist das ja der sprin­gende Punkt in diesem Verfah­ren – und in manch anderen –, näm­lich die Abwälzung von Kosten auf Dritte. Doch wo das bewährte Sprich­wort: Wer die Musik bestellt, muss sie auch bezahlen! nicht mehr gilt, wird Maß­losigkeit zum Programm. Und Spitz­findigkeit zum Handwerkszeug.

Dann läuft der Verteidiger zur Hoch­form auf. Er löchert den Zeugen mit einem ganzen Fragenkatalog. „Wohin ging Ihr Blick?“ „Wie viele Fahrzeuge sahen Sie in der Straße?“ Es geht dann noch um die Anatomie eines Knalls und die Fähigkeit des menschlichen Gehirns, ihn mit einem visuellen Ge­schehen in Verbindung zu bringen. Auch dazu soll ein Gutachten her. Eine Knallexpertise, sozusagen! Und so weiter … Doch, um bei Schiller zu bleiben: „Ersparen Sie's, uns aus dem Zeitungsblatt / Zu mel­den, was wir schaudernd selbst er­lebt“ (Wallenstein, Kap. 6). Nur noch so viel: Der Zeuge K. schlägt sich bravourös, und Richter Ott meint trocken zur Angeklagten: „Ich möchte Ihnen die Beweisanträge Ihres Vertei­digers nicht zur Last legen.“ Kleinlaut bequemt sich Frau R. schließlich doch zu einem Hauch von Geständnis. Amts­anwäl­tin Hoff­mann hält ihr da­für ein „Augenblicks­versagen zugute“, und so wird das Verfahren eingestellt, jedoch muss die Angeklagte 600 Euro an den Tier­schutzverein zahlen. 

Übrigens: Laut Auto Club Europa (ACE) entziehen sich jedes Jahr min­des­tens 500.000 Unfallverursacher ih­rer Verantwortung. Meist sind es Ba­ga­tellen; zerbeultes Blech auf Park­plät­zen, Schrammen beim Abbie­gen in engen Gassen. Wegen des Flucht­ins­tinkts hat der Gesetzgeber dem Un­fallflüchtigen eine „goldene Brücke“ gebaut, wenn er sich inner­halb von 24 Stunden freiwillig meldet. Allemal besser, als es auf ein Straf­verfahren ankommen zu lassen.