Frau D. spricht

Von Dieter A. Graber

HANAU. Frau D. spricht. Die Sätze kommen zögerlich. Sie hat sich Notizen gemacht, die sie nun holprig abliest. Das Talent zur freien Rede ist ihr nicht gegeben. Bisher hat sie geschwiegen als Angeklagte in diesem Verfahren. Nun also äußert sie sich zum ersten Mal. Sie erzählt aus ihrem Leben.

Banu D. ist 32 Jahre alt. Mehr als vierzehn Monate davon verbrachte sie zwischenzeitlich in Untersuchungshaft. Sie hat ein hübsches, lebendiges Ge­sicht mit großen Augen und eine angenehme, melodiöse Stimme, die bisweilen zitternd versagt und dann in ein kurzes Schluchzen abgleitet. Zum Bei­spiel, wenn sie von ihrem „Nenn-Opa“ erzählt.

Als Banu D. ein kleines Mäd­chen war, so fünf, sechs Jahre, hat er sich um sie gekümmert. Eigentlich war er ein fremder, älterer Herr. Ihre Mutter hatte seine schwerkranke Frau bis zum Tod gepflegt, und dann war er ganz einfach in die Fa­milie aufgenommen worden. Ein sozialer Großvater würde man heute sagen. Eine Wahl­verwandtschaft.

Die Eltern, erinnert sich Banu D., hätten wenig Zeit gehabt für sie. Immer am Malochen. Der Vater ist bei einem Metall­bauunterneh­men, die Mutter macht ein paar Jobs gleichzei­tig. Sie schieben „das Nesthäk­chen“ und seine ältere Schwester für ein paar Jahre in ihre Heimat ab, die Türkei, zur Großmutter oder Groß-Tante, so genau wird das nicht klar, und nach ihrer Rückkehr also ist der Nenn-Opa ihr wichtigs­ter Bezugspunkt. Es würde kaum verwundern, wären diese häuslichen Verhältnisse nicht der Schlüssel für ihr Pech mit Männern. Ältere Männer wie Lutz H., enttäuschende Männer wie ihr Ex. Aber das ist Stoff für Psychologen.

Banu D. absolviert eine Ausbildung zur Arzthelferin, zieht oft um, fast fluchtartig, heiratet mit neunzehn, wird zweimal Mutter. Nach dem zweiten Kind erst ge­steht ihr der Ehemann, schon lange bisexuell zu sein. Sie sagt nun, sich „verarscht“ ge­fühlt zu haben. Erniedrigt. „Er sagte: ,Ich dachte, wenn ich mit einer tollen Frau verheiratet bin, gibt sich das von selbst.‘“

Die Scheidung gerät zum erbit­terten Kleinkrieg um Sorgerecht, Geld, Inventar. Sie kämpft wie eine Löwin. Sie ist eine gute Mutter. Sie versucht, dem türki­schen Kulturkreis zu entfliehen. Sie nimmt einen Job an im Café „Schöne Aussicht“ in Nastätten. Dort verkehrt auch gelegentlich Lutz H., der im Nachbarort lebt und in der hü­geligen Wald- und Wiesenland­schaft des Hintertau­nus dem Weidwerk nachgeht. Er ist 22 Jahre älter als sie. Ein gut­aus­sehender Herr „in den besten Jahren“. Weltmann, Großwild­jä­ger, Arzt, Spross einer Industriel­lenfamilie, Mitglied in der Lands­mannschaft Tyrolia … Über Nacht nimmt er die hüb­sche Serviererin mit in seine Jagdhütte. Am nächsten Morgen taucht die Ehe­frau auf und macht die klassische Szene. Er, ganz cooler Daddy, fertigt sie ab: „Schleich dich!“

Es darf als gesichert gelten, dass Banu D. nichts hinterfragt hat, was diesen neuen Mann an ihrer Seite betraf. Seine Ver­mögens­verhältnisse nicht, die sie, dem äußeren Anschein nach, für so­lide erachtet haben muss, seinen Doktortitel eben­so wenig wie die Ernsthaf­tig­keit, mit der er die Partner­schaft gestaltet. Erst vor Gericht muss sie erfahren, dass nicht einmal ihre Verlobung et­was wert ist: Lutz H. ist noch immer verheiratet, und zwar seit über zwölf Jahren.

Es ist ein kurioses Verhältnis, wie mitgeschnittene Telefo­nate der beiden dokumentie­ren. Er liebt es, nach Art eines Oberleh­rers zu dozieren: „Langsam reden und überlegen, was man sagt. Nicht einfach losplappern“, herrscht er sie einmal streng an. Oder: „Begreifst du eigentlich ir­gendwas? Nee!“ Er demütigt sie gern, etwa, wenn er sich ewig über eine ihrer unbedarften Äu­ßerungen lustig macht. Dann fügt sie sich, kleinlaut wie eine ge­maßregelte Schülerin, und be­schränkt ihren Konversati­onsbei­trag auf Floskeln wie „Meine Güte“ oder „Nicht zu fassen“. Gleichwohl bleibt sie bei ihm, erstarrt in einer schwer nachvollziehbaren Unterwürfigkeit. Erst in der U-Haft kommt sie von ihm los.

Nein, die Ausführungen der Banu D. haben nicht zur Wahr­heitsfindung beigetragen, was si­cherlich auch kaum die Intention ihrer Anwälte Torsten Fuchs (Frankfurt) und Axel Küster (Wiesbaden) gewesen sein mag. Vielmehr wird es ihnen auf die Frage angekommen sein: Ist diese Angeklagte fähig, einen Mord derart raffiniert zu planen und eiskalt in die Tat umzusetzen?

Alles andere als „höchst unwahrscheinlich“ kann die Antwort nicht sein.