Frau schlägt Mann und umgekehrt

Fischen, jagen, trinken - da hatte Papa H. seinen Spaß dran

Von Dieter A. Graber

HANAU. Es gibt im Herzen von Hanau ein nettes Lokal, so eine „Cantina y Bar“, da ist die Karibik zu Hause, da würde Papa Hemingway seinen Moji­to trinken, so kubanisch geht’s da zu, aber der konnte ja auch einen Stiefel vertragen. Im Gegensatz zu Ema­nuel S., der mit 1,97 Promille ausras­tete vor der „Cantina y Bar“ und eine junge Frau ziemlich übel verletzte.

Die Geschichte wird jetzt vor dem Hanauer Amtsgericht verhandelt. Passiert ist sie beim Lamboyfest 2013. Vor dem Restau­rant drängten sich die Besucher. Es war prächtiges Wetter. Die Rettungs­sanitäterin Julia Z. (33) hatte im Geschiebe ihre Clique verloren. Sie rief einen von ihnen mit dem Mobiltelefon an. Vielleicht war sie dabei ein bisschen laut. Handygespräche haben ja oft mehr etwas mit Schreien zu tun. Emanuel S. fühlte sich davon gestört. Er beschwerte sich. Ein Wort gab das andere. Frau Z. ist auch nicht auf den Mund gefallen. Schon gar nicht schüchtern. Er langte sie an. Sie haute ihm eine runter. Er schlug zurück. Sie ging bewusstlos zu Boden.

Der Angeklagte ist so ein Zwei-Meter-Mann, schlank, der Blick hart und wachsam, die dunklen Haare, streng zurück gebürstet, kleben am Kopf, dass man meinen könnte, er hätte Kleister verwendet. Er ist 35 Jahre alt, hat aber bisher nicht viel auf die Reihe ge­kriegt in seinem Leben, wenn man von den beiden Kindern mal absieht: Die Lehre als Tischler abgebrochen, arbeitslos, Hartz IV. Er wohnt bei sei­ner Mutter. Der Alkohol ist sein bester Freund. Er lässt seine Pflichtverteidigerin, die brillante Frankfurter Strafrechtlerin Michaela Roth, eine Erklärung abge­ben: „Mein Mandant hat die Frau nicht in sexueller Absicht berührt.“ Das ist ihm wichtig. Hinten in Saal 22 verfolgen seine Leute den Prozess, die ganze Sippe hat sich da versam­melt. Nein, ein schmutziger Grab­scher will er nicht sein, auch nicht im Suff! Dann erzählt er seine Version der Geschichte: „Die Frau war sehr ag­gressiv. Sie hat mir eine ge­patscht. Ins Gesicht. Ich wollte nur ihre Hand festhalten. Da knallte sie mir noch eine.“ Ja, den Schlag gegen ihre Kopf­seite gibt er zu. „Ich bin selbst über mich erschrocken.“

Auch Frau Z. hatte was intus. Es war kurz nach Mitternacht. Es gab viele Zeugen. Zum Beispiel Julie, eine junge Studentin. „Ich hörte eine laut­starke Konversation“ – vermutlich studiert sie Kulturgeschichte – „und dachte erst, das sei ein Beziehungs­streit. Die Frau hielt den Mann fest, fummelte ihm mit dem Zeigefinger vorm Gesicht herum, schubste und schlug ihn. Dann holte er mit der rechten Hand aus …“ Den Rest des Satzes bleibt sie erst mal schuldig. „Was passierte dann?“ drängt Richterin Bhanja. „Sie fiel sofort um!“ erinnert sich die Zeugin.

Für Julia Z. hatte der Vorfall schlimme Folgen. Sie tritt heute als Nebenklä­gerin auf, fordert auch ein Schmer­zensgeld. Auf dem rechten Ohr ist sie seither taub. Riss der Membrana tympani. Irreparabel! „Ich kann nicht mehr schwimmen gehen“, sagt sie. Oft habe sie „ganz fiese Schmerzen“. Mit Tränen in den Augen erzählt sie ihre Leidensgeschichte. Zwei­mal wurde sie operiert, es gab eine Ent­zündung, das Ersatztrommelfell wuchs nicht richtig an. „Ich möchte mich entschuldigen“, lässt sich Ema­nuel kleinlaut vernehmen. „Akzep­tiert, aber ich werde bis an mein Le­bensende behindert sein“, entgegnet sie verbittert. Anwältin Roth bietet 500 Euro an, in Raten. „Mehr kann er unmöglich aufbringen.“ Frau Z. ist jetzt richtig in Fahrt: „So läuft das nicht. Ein paar Euro – und alles ist erledigt? Nein!“ Von hinten, aus dem Zuschauerraum, kommen spitze Be­merkungen. Richterin Bhanja droht mit Ordnungsgeld. Oberamtsanwältin Christa Breideband sagt: „Da sind sich zwei Betrunkene in die Haare gera­ten. Keiner hat dem anderen was ge­schenkt. Dass es so enden musste, ist bedau­erlich.“

Aber Emanuel S. hat noch ei­niges mehr auf dem Kerbholz. So fuhr er, 1,63 Promille im Blut, mit einem Opel Omega in Schlangenlinie durch Lan­genselbold, ein andermal wurde er in der Langstaße unter Drogenein­fluss am Steuer eines Fiat Punto ge­stoppt. Einen Führerschein besitzt er nicht. Er hat nie einen gehabt. 13 Ein­tra­gungen sind in seinem Strafregis­ter verzeichnet. Körperverletzung, Trun­kenheitsdelikte, auch Fahren ohne Fahrerlaubnis. Nein, da ist Nachsicht kaum drin. Und so verur­teilt ihn Rich­terin Bhanja wegen des Schlages und der beiden Autofahrten zu zehn Monaten auf Bewährung, drei Jahre lang muss er Frau Z. mo­natlich 25 Euro zahlen und obendrein eine Alkoholtherapie ma­chen. Er nimmt das Urteil an.

„A man does not exist until he is drunk“, witzelte Hemingway, der alte Schwerenöter. Er bekam den Litera­turnobelpreis. Er wurde nur 61 Jahre alt. Depressiv und leberkrank setzte er seinem Leben selbst ein Ende.