Frau A. und ihre „Liebhaber“

Von Dieter A. Graber

HANAU. Das Gegenteil von Ehre ist Schande. Die war über Familie A. gekommen, als Ramia sich in einen anderen Mann verliebte. Sie hatte ihn auf der Flucht in Ägypten kennengelernt. Ein Mann mit Vermögen. Als „Zuhälter“ sei er in einer Vernehmung der Brüder A. mal bezeichnet worden, erinnert sich der ermittelnde Kommissar  im Zeugen­stand. Dass arabische Männer die Not von Flüchtlingsfrauen ausnutzen, ist be­kannt. In deren Welt gelten Syrerinnen als weibliches Ideal: helle Haut, zierlich, fleißig, gehorsam. Schon vor dem Bürgerkrieg verkauf­ten sich syrische Frauen aus dem ländlichen und armen Süden im Libanon und in Jordanien.

Ramia und Ayman hatten sich 2011, kurz vor ihrer Auswanderung, in Aqrab vermählt. Sie waren beide Mitte zwanzig und schon ein­mal ver­heiratet gewesen. Mit der Eheschlie­ßung wurde sie Stiefmutter eines heute sechsjährigen Jungen. Aber nachdem die im Verlauf ihrer Odyssee durch den Mittleren Osten und Südeuropa getrennten Eheleute schließlich in Hanau wieder zu­sam­mengekom­men waren, es ist nun Mai 2015, stellten sie ernüchtert fest, sich auseinander­gelebt zu ha­ben. Viel­leicht, weil Ramia ihre alte Wertewelt über Bord geworfen hatte. Sie suchte sich Freunde. „Liebhaber“ heißt es in der Verhandlung immer wieder abfäl­lig. Und dann die Sache mit den Ero­tik-Clips. 81 solcher Filmchen soll sie verschickt haben. In Ayman reift der Entschluss zur Scheidung. Seine Welt liegt in Scherben. Aber so etwas will im Familienrat be­sprochen wer­den.

7. Januar 2016. Ayman bittet seinen Schwager Mohammad zur Ausspra­che, Ramia beordert ihren Bruder Mostafa dazu. In der Wohnung des Ehepaars gibt es einen Disput. Vor­dergründig geht es darum, dass Ramia ihren Stief­sohn schlecht behandelt haben soll. „Ay­man beschimpfte uns“, lässt Mos­tafa seinen Verteidiger, den Hanauer Strafrechtler Gordian Ha­blizel, vor­tragen. „Er sagte, unsere Familie habe keine Ehre. Wir sollten Ramia sofort mitnehmen.“ Die Brüder, offenbar von dem Problem überfordert, be­sprechen sich mit ihrer na­hebei woh­nenden Schwester Fatmea. Vermut­lich erfah­ren sie dort, was in der Fa­milie schon länger für Ge­sprächs­stoff sorgt. Zum Beispiel die Sache mit den 200 Dollar, die Ramia ihrem Mann aus Ägypten ge­schickt hatte. Woher nimmt eine at­traktive, aber  arbeits­lose junge Frau so viel Geld in einem Land, wo das durch­schnittliche Mo­natseinkommen ge­rade mal 216 Dol­lar beträgt? Mostafa und Mo­hammad werden da ihre (fal­schen?) Schlüsse ge­zogen haben.

Die Fortsetzung des Gesprächs in der Freigerichtstraße eska­liert: Erst Geschrei, sehr laut, ein Handgemenge im Flur, dann die Blut­tat im Treppenhaus. Mos­tafa tötet seine Schwester mit fünfzehn wohlgesetzten Mes­serstichen. Die Tat­waffe stammte aus ihrer Küche. Aus­gerech­net Mostafa, den das Opfer zuvor selbst herbestellt hatte in der Hoffnung, bei ihm Un­terstützung, vielleicht sogar Verständnis zu finden. (Er gibt nun an, im Af­fekt gehandelt zu haben.) Hinterher wäscht er seine blutigen Hände in ei­ner Pfütze vor dem Haus. Die beiden flüchten dann 253 Kilometer mit einem Taxi nach Trier. Dort wer­den sie festgenom­men. Ein Nachbar, bei dem sich Ay­man in seiner To­des­angst versteckt hatte, sagt aus, die Brüder seien drei Minuten nach dem Verbre­chen die Treppe vom Tatort herunter ge­kommen. Und zwar ge­meinsam! Das könnte wichtig sein für den weite­ren Pro­zessverlauf, beteuert Mostafa doch, er allein habe es getan, Mohammad sei erst später hinzu ge­kommen.

Es gibt Fotos von Mostafa in den Ak­ten. Es waren seine Profilbilder bei Facebook und WhatsApp. Darauf ist er schwer bewaffnet zu sehen. Ein Macho, in dessen Welt die Frau ge­horcht und demütig zu sein hat, erst recht, wenn sie seine Schwester ist. Mostafa bestreitet, dass Ramias „Be­strafung“ in der Familie beschlos­sen worden sei. Der Prozess wird fortgesetzt.