Freispruch fürs Jungchen

Besuche im Daddelparadies können mit Risiken und Nebenwirkungen verbunden sein – für Ihren Kontostand und Ihre Gesundheit. Werbung für das berühmte „Golden Nuggett“, Las Vegas, 50er Jahre

Von Dieter A. Graber

HANAU. Ein Zeuge, der nichts sagt, und einer, der nicht kommt – kein guter Tag für Staatsanwalt Voigt, der eigentlich heute mit seiner An­klage den vorläufigen juristischen Schluss­strich ziehen wollte unter eine Serie von Raubüberfällen, die im ver­gange­nen Jahr in Gelnhausen und Umge­bung für Aufsehen sorgte.

Gianluca ist ein schmales Jungchen von 21 Jahren, 1,87 Meter groß und kaum 75 Kilo schwer; er hat ein Kin­dergesicht mit weichen Zügen und dunklen, freund­li­chen Augen. Gian­luca sieht aus, als habe er Skrupel, eine Fliegen­patsche in Betrieb zu nehmen – wie soll so ei­ner bewaffnet in eine Spielo­thek stür­men und 3.500 Euro ab­greifen? Pas­siert ist es am 4. März 2015. Tat­ort: Hailer-Meerholz, Westspange 7. Es war 2.45 Uhr, kurz vor Feierabend.  Małgorzata W. will ge­rade klar Schiff machen in dem Spielsalon; ein einsa­mer Gast steht noch oben im ersten Stock am Dad­delautomat und ver­sucht, seine letz­ten Euro loszuwerden. Frau W. ist 50. Seit sieben Jahren ar­beitet sie in dem Etablissement, das um diese Zeit der einsamste Ort weit und breit ist, gele­gen zwi­schen Kauf­land, einem Hun­defut­ter­laden und ei­ner Hamburger­bra­te­rei, die um dieses Zeit geschlos­sen hat.

In Saal 215 des Landgerichts lässt Richterin Susanne Wetzel die Auf­nahmen der Überwachungskame­ras ablaufen. Ruckelige, un­scharfe Video­bilder. Erste Szene: Zwei Maskierte rauschen her­ein, vorweg ein baum­langer Kerl, of­fenbar der Spi­ri­tus Rec­tor des Über­falls, hinterdrein ein un­tersetzter Kom­plize, beide in dunklen Bomberja­cken, mit Kapuzen überm Kopf, Masken vorm Gesicht. Der Lange hält Małgorzata W. die Knarre an den Kopf. Er schreit: „Geld! Geld! Geld!“ Sie muss mit ihm nach oben. Er verlangt eine Geldkarte aus dem Tresor; sie soll das Gutha­ben am Au­tomaten „ab­he­ben“. Sie­bentausend Euro sind drauf. Was er nicht weiß: Die Ma­schine spuckt höchstens 500 Euro aus und macht dann erst mal Pause. Frau W. hat Angst. Sie zit­tert. Sie schafft es nicht, den Code für den Safe richtig einzu­geben. Das Ganze zieht sich hin. Der letzte Spieler steht derweil nebenan und hält brav den Kopf ge­senkt, wie be­fohlen. Der Film ist ein Doku­ment der Rücksichtslosig­keit: Zwei skrupellose Gangster be­drohen eine verschüch­terte, hilflose Frau. Es ist einfach nur gemein. Nächs­te Szene: Der Unter­setzte plün­dert die Kasse im Erdge­schoss. Und weg sind sie. Aber war Gian­luca der Große mit der Waffe?

Rückblick: Es gab da eine Clique, junge Männer aus Geln­hausen und Umgebung, die meisten türkischer Herkunft. Sie verbrachten ihre Zeit mit abhängen, Party machen, zocken. Gemeinsam zogen sie sich ihre Joints rein. Und gemeinsam planten und begingen sie Überfälle. Ei­ner von ih­nen wurde im vergangenen März  vom Landgericht zu acht Jahren verur­teilt: Resul K. soll ei­nen Rewe-Markt, zwei Tankstellen und das besagte Ca­sino ausge­raubt haben. Resul K. be­lastete Javus A., auch so ein Schmal­spurga­nove, mitgemacht zu haben bei eini­gen Coups. Javus A. wiederum belas­tete Gianluca, der Lange aus der Spielothek gewesen zu sein. Tja, da waltete ein gegensei­ti­ges Verpfeifen, dass es den Fahndern eine Freude war. Aber wie ernst konnte man das neh­men?

Gianlucas Zentralregister zufolge wäre er durchaus ein Kandidat für das Ding von Meerholz: Mit fünfzehn erstmals straffällig geworden (Fahren ohne Fahrerlaubnis), beging er anschlie­ßend Dieb­stähle, Sachbeschädigung, Drogendelikte, Betrügereien. Die ei­gene Mut­ter zeigte ihn an, nachdem er ihr die EC-Karte gemopst hatte, viel­leicht, weil die alleinerziehende Frau mit dem Bengel überfordert war und hoffte, das Gericht könne ihr ein biss­chen Er­ziehungsarbeit abnehmen. Aber es scheint, als habe er die Kurve gekriegt: „Ich mache jetzt eine Aus­bil­dung zum Maschinen- und Anla­gen­führer“, sagt er, und das klingt ein bisschen stolz. Darf es auch, hat er doch nicht mal einen Schulab­schluss.

Resul K. hat Revision eingelegt gegen sein Urteil. Er sagt: „Ich mache Ge­brauch von meinem Zeugnisverweige­rungsrecht.“ Das geht in Ordnung, ju­ristisch gesehen. Javus A., der Haupt­belas­tungszeuge, erscheint erst gar nicht. Und Frau W. hat so ihre Zweifel … Nachdem Gianluca eine Sprech­probe abgeliefert hat – „Geld! Geld! Geld!“ – ist sie sicher: „Nein, er war es nicht.“ Bestimmt nicht, fügt sie hinzu. Sie kannte ihn ja schon vorher, als gelegent­lichen Gast. „Ein netter, lie­ber Junge. Er machte nie Schwierig­keiten …“

Sein Verteidiger, der Strafrechtler Volker Augst aus Bruchköbel, sagt: „Völlig undenkbar, dass ein schwerer Junge meinem Mandanten bei einem Raubüberfall hinterher laufen würde …“ Nein, das ist wirklich kaum vor­stellbar, und so wird Gianluca schließlich freige­sprochen.

Übrigens: Frau W. leidet heute noch unter dem Schock. „Traumatische Belastungsstörung“, sagen die Ärzte. Sie hat keine Arbeit mehr. Sie kann einem wirklich leidtun.

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