Freispruch liegt in der Luft

Die Matte im Gesicht war bei bösen Buben schon immer en vogue. In diesem Fall aber könnte der Bart ein Beweis für die Unschuld des Angeklagten sein. ©Ehmck Film/ZDF

Von Dieter A. Graber

HANAU. Jetzt lehnen wir uns mal ganz weit aus dem Fenster und sagen: Da liegt Frei­spruch in der Luft! Und zwar einer mit klingendem Spiel. Nach fünf Verhandlungstagen stellen sich die Vorwürfe gegen Inan Ö., 28, als nicht beweisbar heraus, vielleicht sogar als Int­rige einer jungen Mutter im Kampf um das Sorgerecht für ihr Kind. Die Geschichte des Inan Ö. zeigt zudem, wie leicht sich der Ruf ei­nes Menschen ruinieren lässt.

Die Zeugin, erinnert sich etwa Herr H., Polizeioberkom­missar, habe in ihrer Verneh­mung „profunde Angaben“ gemacht: „Sie trug alles flüssig und überlegt vor.“ Überdies halte er sie, weil Sachbearbei­terin bei einer großen deut­schen Versicherung, für beson­ders glaubwürdig.

Melissa, 28, hatte Inan Ö., ihren Ex und Va­ter einer gemeinsamen Toch­ter, heute 4, des versuchten Raubüberfalls auf Anneliese W., 86, in Hanau bezichtigt. Und mehr noch: Auch Einbrü­che in südhessischen Shisha-Bars gingen angeblich auf sein Konto. Tatsächlich gab es ent­sprechende Ermittlungen der Darmstädter Kripo und in der Folge eine Wohnungsdurchsu­chung bei Inan Ö. – Ergebnis: nichts! Gleichwohl galt der be­rufslose Gelegenheitsgastro­nom fortan als schwerer Junge, der wegen Warenbetrugs, Diebstahl, Körperverletzung und Raub polizeilich in Erscheinung getreten sein soll.

Nun las Richter Andreas Weiß das Strafregister des Angeklag­ten vor. Es wird von einer ein­zigen Eintragung verunziert: Ein Strafbefehl über 500 Euro we­gen Betrugs. Er soll im März 2015, also gut ein Jahr nach dem Überfall auf die alte Dame, einen Satz Alufelgen auf E-Bay für 68 Euro „verkauft“, aber nicht geliefert haben. Zeugin der An­klage? Sie ahnen es: die Ex. Es war übrigens ihr E-Bay-Konto. Herr Ö. sagt, er wisse gar nichts von der Sache, auch nicht, wer die Strafe bezahlt habe.

Es gibt ein dickes Aktenkonvo­lut über den Sorgerechtsstreit des jungen Paares. Es liegt der 5. Großen Strafkammer vor. Es ist eine Dokumentation der Wut, des Hasses, der Boshaf­tigkeit. Die Mutter musste vor Gericht eine Reihe von Schlap­pen hinnehmen. Im vergange­nen Jahr wurden ihr Teile der elterlichen Sorge entzogen. Mittlerweile steht ihre Erziehungsfähig­keit in Frage. Bei den Ermittlungen gegen Inan Ö. blieb dieser Hinter­grund unbeachtet, ebenso die Tatsache, dass Melissa inzwischen mit einem rechts­kräftig verurteilten Betrüger li­iert ist. Er sitzt gerade eine 27-monatige Haftstrafe ab. Die beiden hatten versucht, Inan Ö. mit anonymen Anrufen bei der Familie von Anneliese W. zu denunzieren.

Melissa gibt vor, Inan Ö. für seine Bar Hayal in der Hanauer Schnurstraße seinerzeit 35.000 Euro vorgestreckt zu haben. Im Zeugenstand sagt jetzt Hasan Ö., 53, der Vater des Angeklag­ten: „Das Geld für die Einrich­tung des Lokals stammt von mir. Ich habe auch alles selbst reno­viert.“ Aber bereits im Januar 2014 wurde der Betrieb beim Hanauer Ordnungsamt wieder abgemeldet. Es kann also auch nicht sein, wie die Zeugin behauptet, dass Inan Ö. wenige Tage vor der Tat zu­sammen mit ihrem Bruder Robin nach Ladenschluss am Haus der Fa­milie W. vorbeigefahren ist. Dabei sei ihm die Idee mit dem Überfall gekommen.

Aber heute geht es nochmal um den Bart des Angeklagten. Die Matte von Inan Ö. könnte ei­nen Pinselfabrikanten interes­sieren: Pechschwarz, dicht wie ein Fell und getrimmt wie ein Airedaleterrier. „Er hatte im­mer einen Bart“, sagt der Va­ter, „mal länger, mal kürzer.“ Na ja, immer … Zumindest seit Ende der Pubertät mag das so gewesen sein. Die Entwicklung seines Gesichtsbewuchses wird auch von einer Reihe amtli­cher Papiere dokumentiert – Führerschein, Personalausweis, Reisepass. Überall Fotos mit Bart. Verteidigerin Gabriele Daube hat noch ein paar Fami­lienbilder ausgegraben, die sie nun dem Gericht präsentiert. Ihr Mandant ist da stets bärtig zu sehen. Von einer solchen Manneszierde aber hatten we­der Anneliese W. noch ihre Schwiegertochter, die dem Tä­ter auf seiner Flucht durchs Treppenhaus begegnet war, etwas bemerkt.

Schließlich verliest Richter Weiß noch das Ergebnis der Fingerabdruck- und DNA-Gut­achten. „Dem Tatverdächtigen konnte keine der gesicherten Spuren zugeordnet werden.“ Und dann fügt er lapidar hinzu, das Gericht sehe keine Veranlas­sung, sich mit den persönlichen Verhältnissen von Inan Ö. zu beschäftigen.

Vor dem Justizgebäude riecht es heute bereits zaghaft nach Frühling – drinnen in Saal 215, wie gesagt, mächtig nach Freispruch.