Friedhof der Schicksale

Geplatzte Träume hinter Glas und Lebenswege, die hier zusammenfinden, für ein paar Tage zumindest. Foto: Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU. Im wirklichen Leben werden sich Frau K. und Herr H. nie begegnet sein. Nun hängen ihre Schicksale ne­beneinander, zwei Dokumente auf billigem Behördenpapier mit Stempel und Unterschrift und Geschäftszei­chen und „Rechtsbehelfsbelehrung“. Das Ende eines Daseins, das zur Nachlasssache wurde. Zwei Schicksale hinter Glas.

Frau K. und Herr H. haben zueinan­der gefunden im Aushang des Amtsge­richts. Der ist dreiunddreißig Schritte lang, also gut 25 Meter, und bedeckt die Wand eines schmalen Ganges im Erdgeschoss. Eigentlich trifft das Wort Aushang die wahre Bedeutung dieser unscheinbaren Glaskästen nicht, hin­ter denen ein Wust von Aktenstü­cken, mit Pinnna­deln und Reißzwecken befestigt, öf­fentlicher Einsicht harrt. Friedhof wäre vielleicht richtiger: eine letzte Ruhestätte für Lebenswege, für Träume, ein Gräberfeld der Hoffnun­gen. Es dürfte wenig Zweifel daran geben, dass Frau K., Jahrgang 1886, und Herr H., 1908 geboren, längst das Zeitliche gesegnet haben. Aber auch der Tod muss behördlicherseits fest­gestellt werden, andernfalls einer noch lebt, offiziell zumindest, selbst wenn er seit Jahrzehnten verschollen ist. Frau K. wäre also jetzt 130, und da man in diesem Alter getrost tot sein darf, soll sie nun auch dafür erklärt werden. Nach Paragraph 19 des Ver­schollenengesetzes ist dies ihre letzte Chance, sich beim Amtsge­richt zu melden, andernfalls … –  wie gesagt!

Es sind Fundstücke gelebter Ge­schichte, die sich da hinter den gro­ßen Scheiben finden. Das letzte Le­benszei­chen von Frau K. stammt aus dem Jahre 1939. Da wurde ihre polnische Hei­mat­stadt am Ufer der Prosna von der Wehrmacht besetzt, knapp sechs Jahre später von der Roten Ar­mee. Vielleicht machte Herr H. aus Nie­derissigheim ja als Soldat den Po­len­feldzug mit. Wäre es also denkbar, dass sie sich trafen? Und unter wel­chen Umständen? Doch hinter den Daten der Historiker verblassen indi­viduelle Schicksale. Der Aushang im Amtsgericht lässt nur Spekulatio­nen zu. „Die Geschichte ist ein Ro­man, der war; der Roman eine Ge­schichte, die hätte sein können“, heißt es bei den Brüdern Goncourt.

Das erste Drittel des Schaufensters ist den geplatzten Illusionen vorbehal­ten. Zwangsversteigerungen. Da findet sich das Foto eines sichtlich leicht herun­terge­kommenen Einfamilien­hauses in Lan­genselbold, Baujahr 1963, das sich schamhaft hinter einer Ligusterhecke zu verstecken scheint. Taxwert: opti­mistische 262.000 Euro. Nebenan die Eigentumswohnung im Dachgeschoss eines vom Zahn der Zeit benagten Mietshauses. Es schlie­ßen sich Termine für Zwangsver­stei­gerungen von Wertsa­chen an. Das be­deutet zwar, die „Katze im Sack“ zu kaufen, aber es könnte eine Perser­katze sein. Schließ­lich das dickste Ding: Die Gebäude und Flä­chen eines ehemaligen Auto­hauses, deren Wert mit über drei Mil­lionen Euro angege­ben wird, sollen unter den Hammer kommen. Das riesige Areal in ei­nem Dörnigheimer Gewerbege­biet sieht hier neuer Nutzung entgegen.

Ein Kehraus einstiger Prospe­rität ist da in Vitrinen ausgebreitet. Es sind die Geschichten kleiner und großer Bruchlandungen, deren letztes Kapitel nun der Auktio­nator schreibt. Auch zwischen­menschliche übrigens, nur ein paar Schritte weiter: Larysa N., 48 Jahre, aus der Ukraine wird per öf­fentlichem Aus­hang mitgeteilt, sie sei nunmehr ge­schieden. Und Herr M. aus Nidderau erfährt auf diesem Wege, dass er den Prozess gegen sei­nen Energieversorger verloren hat. Er wird das Urteil gar nicht erst ab­ge­wartet haben. „Öffentliche Zustel­lung“ heißt das dann. Die Zivilprozessord­nung regelt es unter dem Paragra­phen 181, zum Beispiel, wenn „der Aufent­haltsort einer Person unbe­kannt und eine Zustellung an einen Vertreter oder Zustellungsbevoll­mächtigten nicht möglich ist“. Das geht übrigens auch bei Strafsachen.

Und dann, neben der Tür zur „Ser­viceeinheit Betreuungsabteilung“, ziemlich weit hinten im Flur, nach dem Aushang einer Hanauer Anwalts­boutique, die Rechtsreferendare sucht, verstecken sich die Attraktionen für schmale Börsen. Die Staatsanwaltschaft kündigt da eine „Versteigerung von Fundsa­chen“ an. Schätze aus der Asserva­tenkam­mer, meistbietend gegen bar: Ein­bruchswerkzeuge, die beschlag­nahmt wurden, Diebesgut, das kei­nem mehr gehört, Fundstü­cke, auf die niemand Anspruch er­hebt. Teures billig: Man­ches Mindestgebot liegt bei einem Euro. Alles muss raus!

Ganz am Ende des Schaukastens lädt der Gerichtsvollzieher an den Bärensee, wo er auf dem Camping­platz größere Objekte mobiler Art, die sein Pfandsiegel zieren, endlich zu Geld machen will. Was hat es da nicht schon alles gegeben! Sogar Sportwa­gen gingen hier für kleines Geld in neue Hände über. Diesmal ist es aber nicht so dolle: zwei umgebaute Wohnwagen, Mindestgebot 250 Euro, stehen auf dem Programm. Vielleicht was für Bastler …

Es sind die Zeittotschläger, die das Publikum vor dieser Bühne des Le­bens bilden: Menschen, die auf ihren Gerichtstermin warten und zwi­schen­durch einen gelangweilten Blick in den Aushang werfen. Aber auch die ausgebufften Schnäppchenjäger mi­schen sich bisweilen darunter. Die Jä­ger der verlorenen Schätze. Allesamt könnte man sie auch Friedhofsbesu­cher nennen. Und „Friedhofsbesu­che“, schrieb der große Thomas Bern­hard, „sind die nütz­lichsten, sie die­nen wie nichts der Be­lehrung und der Beruhigung.“