Garant oder nicht Garant

… fragt der Boulevard: Die Online-Ausgabe von Deutschlands größter Zeitung über den tragischen Fall des Toten vor der Schule.

Von Dieter A. Graber

HANAU. Der Fall des jungen Mannes, der vor der Kreisreal­schule in Gelnhausen starb, ist eine menschliche Tragödie und eine juristisch knifflige Angele­genheit. In ihrem letzten Wort sprachen nun alle fünf Ange­klagten ihr tiefes Bedauern aus. „Es tut mir leid. Ich schäme mich und bereue es, keinen Kranken­wagen gerufen zu haben“, sagt etwa Halil, zur Zeit des Vorfalls 18 Jahre. Es klingt aufrichtig. Oberstaatsanwalt Dominik Mies fordert Jugend­strafen zur Bewäh­rung für die vier jungen Bur­schen, die „nur“ wegen unterlas­sener Hilfeleis­tung angeklagt sind. Kevin hin­gegen soll wegen Totschlags durch Unterlassen und besonders schwerem Dieb­stahl vier Jahre und neun Monate ins Gefängnis (wobei allerdings ein älteres Ur­teil eingerechnet ist).

Bei Kevin geht es um die Frage der Garantenstellung aus voran­gegangenem Tun. Eine kompli­zierte Rechtsmaterie. Kurz ge­sagt: Wer eine Gefahr schafft, muss sie auch beseitigen. Er trägt eine be­sondere Verantwortung. Das gilt etwa bei Unfällen im Straßenver­kehr. Aber auch für einen weiter­gereichten Joint in fröhlicher Kifferrunde? Hier greift der ein­zig eindeutige Satz der Jurispru­denz: Es kommt drauf an! Staats­anwalt Mies sagt: „In diesem Fall ja!“ Zumindest nachdem Hugo, wie sie ihn alle in Gelnhausen nannten, zusam­mengebrochen war, wäre Kevin in einer Garan­tenstellung gewe­sen. Er hatte Hugo die mit Spice, also syntheti­schem Cannabinoid, gestopfte „Tüte“ schließlich ge­geben.

Beate Düring, Kevins Verteidige­rin aus Linsengericht, sieht es anders: „Mein Mandant konnte nicht ahnen, dass der Joint so ge­fährlich war, schon gar nicht wusste er von der fatalen Wir­kung der Droge zusammen mit Alkohol.“ Hier gehe es vielmehr um Ei­genverantwortung. Rechts­kun­dige sprechen da von „freier Selbstgefährdung“. Schließlich hatte Hugo ja selbst um ein paar Züge an der Drogenzigarette ge­beten und Kevins Bedenken mit der flapsigen Bemerkung „Kin­dergarten“ weggewischt.

So etwas kann, juristisch gese­hen, eine Garantenstellung unter Umständen aufheben – letztlich aber, wie es die Anklage in die­sem Fall annimmt, womöglich aber auch nur unterbrechen. Denn selbst wenn Hugo an der lebensgefährlichen Lage, in die er durch den Drogenkon­sum ge­riet, selbst schuld war, so hätte sich Kevin spätes­tens nach des­sen Kollaps beson­ders um ihn bemühen müssen.

Wie gesagt, es ist eine juristische Auslegungssache. Da braucht selbst die Jugendstrafkammer ei­nige Zeit für ihre Entscheidung.