Gemetzel im Bergwinkel

Abgetaucht hinterm Aktendeckel: Dawit W. mit seinem Verteidiger Ulrich Will. Foto: Dieter Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU/SCHLÜCHTERN. Am 7. Oktober vergangenen Jahres, ein Freitag, hörte Frau K., die im dritten Stock wohnt, Schmerzensschreie durchs Haus gellen. „Erst leiser, dann immer lauter. Jemand rief ,Hör auf! Hör auf!‘ Da alarmierte ich die Poli­zei.“ Es ist ein Eckhaus an der Ober­torstraße in Schlüchtern, 26 Mietpar­teien, ruhige Leute allesamt; den jun­gen Mann – sie vermeidet es, zur An­klagebank hinüber zu blicken – habe sie nur vom Sehen gekannt. Ein un­auffälliger Bursche, der sie stets freundlich grüßte im Treppenhaus.

Warum Dawit W., vermutlich zwanzig Jahre alt, vielleicht aber auch älter, diese unfassbare Bluttat beging an je­nem Abend, stellt viele vor ein Rätsel – die Polizei und Staatsanwaltschaft, das Gericht, vermutlich sogar seinen Verteidiger, den erfahrenen Straf­rechtler Ulrich Will aus Bruchköbel: Dawit W. stach seinem Freund zwei Messer in den Hals, biss ihm Teile der Ohrmuscheln ab, zerfetzte ihm beide Augenlider und bohrte ihm dann noch einen Kugelschreiber in die Aug­äpfel. Die Polizisten mussten den Ra­senden von seinem Opfer herunter zerren, das er noch immer würgte, als sie in seine Wohnung stürmten.

Dawit schweigt. Es ist ein verstocktes Schweigen, und selbst, nachdem ihm Susanne Wetzel, die Vorsitzende der Jugendkammer, erklärt hat, dass der Tathergang selbst ja keine weiteren Fragen aufwerfe und nur seine Be­weggründe strafmildernd wirken könnten, bleibt er stumm. Ein hager junger Mann mit schwarzem Wu­schelkopf, dünnem Oberlippenbe­wuchs und einem milden Lächeln im schmalen Gesicht.

Erzählt wird heute in Saal 215 eine Flüchtlingsgeschichte, die wie viele Flüchtlingsgeschichten mehrere Seiten aufweist. Einmal unterstellt, es ist wahr, was er dem Hanauer Jugend­psychiater Jörg Lüders-Heckmann berichtete, wurde Dawit W. 2012 in seiner Heimatstadt Debarwa, ein Pro­vinznest an der Handelsroute vom Roten Meer ins Landesinnere, von der Polizei unter einem Vorwand festge­nommen. Man muss nicht unbedingt etwas verbrochen haben in Eritrea, um im Gefängnis zu landen. Krieg gibt es in dem Land im nordöstlichen Af­rika zwar schon seit fünfzehn Jah­ren nicht mehr, aber es herrscht per­ma­nente Mobilmachung. Die Armee re­krutiert ihre Soldaten gern in den Haftanstalten, wo Menschen ver­schwinden, um nie mehr aufzutau­chen.

Das Entkommen aus einem Gefange­nentransporter, seine abenteuerliche Flucht in den Sudan und  weiter auf schaukelndem Lastwagen durch die Sahara bis Tripolis, dann die Über­fahrt nach Lampedusa auf einem klei­nen Boot bei Lebensgefahr, sein „Hundeleben“, wie er es nennt, als Tomatenpflücker in Italien – man kann es glauben, muss man aber nicht. Tatsache ist, dass die Familie weder politisch oder religiös verfolgt noch durch Bomben oder marodie­rende Söldner bedroht wurde. Tatsa­che ist aber auch, dass bei einer Ein­wohnerzahl von 5,2 Millionen bereits mehr als fünf Prozent der Bevölke­rung aus dem „Ein-Mann-Staat“, der nordkoreanische Züge trägt, des ehe­maligen Rebellenführers Isaias Afewerki getürmt sind. Der Vater starb angeblich kurz nach Dawits Ge­burt im Krieg mit Äthiopien. Die Mutter zahlte den Schleuser nach Europa. Tatsache Nummer drei: Die Polizei fand ein auf einen anderen Namen ausgestelltes Ausweisdokument in Dawits Wohnung, wo­nach er vier Jahre älter ist. Hat dieser seltsame  junge Mann noch weitere Identitäten?

Im Kinder- und Jugendheim Schloß Hausen, eine Betreuungstätte für unbegleitete minderjährige Flücht­linge, wo er landete, nachdem er von Mailand mit dem Zug in Frankfurt angekommen war, traf er Mustafa. Der ist achtzehn, stammt aus Somalia. Sie freundeten sich an. Eine Schick­salsgemeinschaft. Die beiden ver­schlug es schließlich nach Schlüch­tern, wo Dawit eine eigene Bleibe zu­gewiesen bekam. „Betreutes Wohnen“ für Flüchtlinge. Es gibt Bil­der von sei­nem Zimmer, wo viel Blut zu sehen ist und der schwer verletzte Mustafa auf dem Boden liegt neben einem Meer von Glassplittern, aufge­nommen von der Polizei. Tatortfotos. Frau K. wie­derum erinnert sich, dass Mustafa fast jeden Tag zu Besuch bei seinem Freund gewesen sei. Die bei­den absol­vierten eine Ausbildung in demselben Beruf: Kfz-Mechatroniker. Sie hatten gute Lehrstellen in zwei Schlüchterner Autohäusern ergattert.

Sein „bester Freund“ sei der Mustafa gewesen, erzählte der Angeklagte dem Psychologen. Ein Streit unter Kumpel, der eskalierte? Staatsanwalt Voigt glaubt das, zumindest laut der von ihm vorgetragenen Anklage, jedoch nicht: Demnach habe Dawit sein Op­fer mit zwei Messern in der Tasche bereits erwartet: „Schon als er die Ge­gensprechanlage betätigte, plante er, ihn zu töten.“ Es sei um eine Schuld von 50 Euro gegangen.

Das allerdings dürfte der untaugliche Versuch einer Motivkonstruktion sein. Mustafa kann nicht dazu befragt wer­den. Er ist spurlos verschwunden. Zwar konnten die Ärzte im Klinikum Fulda sein Leben retten, sein Augen­licht allerdings nicht. „Wir haben keine Ahnung, wo er sich zur Zeit aufhält“, sagt seine Anwältin Gabriele Berg-Ritter (Hanau).

Übrigens: In Somalia, dem Heimat­land von Mustafa, tobt zurzeit eine Art „Stellvertreterkrieg“. Eritrea und Äthiopien unterstützen die jeweils an­deren Konfliktparteien – Clanführer, Warlords, Privatmilizionäre. Und manchmal bricht ein afrikanischer Konflikt ja plötzlich auch in Deutschland aus. Vielleicht in einer ruhigen Hausgemeinschaft im Bergwinkel.