Geraubt: ein halbes Leben

Falle Parkhaus: Tatort in Gelnhausen

Von Dieter A. Graber

HANAU/GELNHAUSEN. Im Oktober vergangenen Jahres, ein Montag war’s, wurde Adam P. in Gelnhausen festgenommen, und zwar von zwei Arbeits- und mutmaßlich auch Ob­dachlosen, die ihn anschließend einer Polizeistreife übergaben mit den stol­zen Worten: „Wir ha­ben ihn!“ Zuvor hatte Adam P. eine Autofahrerin aus­geraubt, im Park­haus neben dem Bahnhof, am hell­lichten Tag.

Der Delinquent machte keine Anstal­ten der Gegenwehr. Ging einfach mit. Benito, 25, sagte laut Polizeiprotokoll: „Er lief uns direkt in die Arme. Ich legte ihm die Hand auf die Schulter, und er folgte brav.“ Benitos Kumpel Björn, 37, gab an: „Wir waren in der Stadt unterwegs und hörten von dem Überfall. Der Beschreibung nach konnte nur er es sein. Er war uns schon am Vortag aufgefallen, weil er mit einem blutverschmierten Messer herumlief.“ Adam P. hatte damals 2,67 Promille Alkohol im Blut. Seither befindet er sich in Untersuchungs­haft.

Jetzt sitzt er auf der Anklagebank in Saal 216 des Hanauer Landgerichts, ein blasser Bursche von 29 Jahren, nicht eben klein, aber mager, 63 Kilo leicht, das Haar, links gescheitelt, klebt am Schädel wie mit Kleister be­arbeitet. Die Augen sind blau, der Bart struppig, das karierte Hemd bil­lig. Adam P. gehört zu den Außensei­tern unserer Gesellschaft.

Vierjährig kam er mit den Eltern aus dem polnischen Kattowitz nach Deutschland. In der Schule tat er sich schwer: „Ich bin lieber draußen her­umgestreunt“, gibt er zu. Das Herum­streunen ist so etwas wie sein Le­bensinhalt geworden, nachdem er sich erfolglos als Regaleinräumer im Supermarkt, als Leiharbeiter in einer Gummifabrik und als Möbelpacker ver­sucht hatte. Seinen Eltern, dem Ver­nehmen nach fleißige, ordentliche Leute, platzte schließlich der Kragen; sie setzten ihn vor die Tür. Aber was soll einer machen ohne Schulab­schluss, mit einem Berg voller Schul­den, ohne Zukunft? Zuletzt hauste er in einer verwahrlosten Bude, in der ihm nur der Alkohol tröstliche Gesell­schaft leistete.

Auf dem Parkdeck ganz oben feierten sie manchmal Partys, die Ausgeson­derten, die Müßiggänger, die Tauge­nichtse, mit billigem Bier, wüsten Re­den und selbstgedrehten Zigaretten. Da ist er bisweilen mal aufgetaucht. Aber selbst unter den Randständigen war er nicht wohlgelitten. „Er prahlte damit, in eine Messerstecherei verwi­ckelt gewesen zu sein“, erinnerte sich Björn. Vielleicht kam ihm hier die Idee mit dem Überfall. Weil sich hier am Parkhaus zwei Welten begegnen, die der bourgeoisen Wohlhabenheit und jene von Adam P. und seinesglei­chen – die der Pendler und die der Streuner.

Zu den Ersteren gehört Frau F., 50, Angestellte bei einer renommierten Privatbank in Frankfurt. Sie ist ein schmales, kleines Persönchen. Schüchtern umklammert sie ihre Handtasche, nachdem sie Platz genommen hat auf dem Zeu­genstuhl, und schüchtern erzählt sie ihre Geschichte. „Ich kam von der Ar­beit und wollte in mein Auto einstei­gen. Es stand ziemlich weit hinten. Da tauchte er neben mir auf und be­drohte mich mit einem Messer.“ – „Wie weit war er von Ihnen weg?“ fragt Richterin Peter. Frau F. zeigt es: etwa einen halben Meter. „Und wie be­drohte er sie?“ Die Zeugin zeigt auch das: stechende Bewegungen, vor und zurück. Das Messer, fügt sie hinzu, habe einen gelb-orangefarbenen Griff gehabt. „Erkennen Sie den Täter wie­der?“ Scheu blickt Frau F. zu dem An­geklagten hinüber. Dann schüttelt sie den Kopf: „Er hatte sich ja ein Tuch vors Gesicht gebunden, so ein buntes, geblümtes …“ Die Polizei fand es spä­ter bei Adam P. in der Unterhose. Das Messer übrigens auch. „Im Genitalbe­reich“, wie es im Polizeiprotokoll heißt. Richterin Peter konstatiert: „Ist aber ein verdammt riskanter Ort für einen derart gefährlichen Gegenstand.“ Kleinlaut erläutert Adam P.: „Ich brauchte das Messer zum Flaschen­sammeln. Da muss man sich manch­mal verteidigen …“ Tja, auch wer we­nig hat, ist nicht gefeit vor Missgunst und Übergriffen.

Der Überfall im Parkhaus war für Frau F. nur ein weiterer Knoten in einer Schnur tragischer Ereignisse: Krank ist sie, das Herz, die Ärzte mussten ihr einen Defibrillator implantieren, ein­mal war sie klinisch tot, zwei Schlag­anfälle hat sie hinter sich … Man sieht: Auch in der wohlsituierten Welt, deren Bewohner schicke An­züge tragen und ein geregeltes Leben führen, scheint nicht immer die Sonne.

Adam P. hatte ihr das Portemonnaie, Marke „Goldpfeil“, geraubt. „Mein halbes Leben war da drin“, klagt die Zeugin und zählt auf: „Führerschein, Behinderten- und Personalausweis, Bankkarte, Mitarbeiterausweis …“ Da kommt es auf die 80 Euro Bargeld gar nicht mehr an. Alles weg und nie mehr aufgetaucht.

Das Gelnhäuser Schöffengericht hatte Adam P. dafür zu drei Jahren verur­teilt, weil es nur ein „minderschwerer Fall“ gewesen sei. Jetzt muss das Landgericht über seine Berufung ent­scheiden. Richterin Peter gibt zu bedenken: „Da Rechtsmittel auch von der Staatsan­waltschaft eingelegt wurden, könnte es heute eine höhere Strafe geben.“ Denn ob es wirklich ein minder­schwerer Fall war ..? Es drohen fünf Jahre. Adam P. berät sich mit seinem Anwalt Ulrich Will. Er möchte kein Ri­siko mehr eingehen. Er zieht die Be­rufung zu­rück.

Nachtrag: Seine Wohnung wurde in­zwischen aufgelöst, das bisschen Mo­biliar ent­sorgt. Frau F. ist seit der Tat noch immer arbeitsunfähig; sie traue sich kaum noch aus dem Haus, sagt sie.