Gerichtsshow ohne Quote

Nem‘ Se de Hände wech, junger Mann! Bei der Begegnung der Geschlechter sind Wort und Wille jedoch nicht unbedingt identisch. Abb.: Heinrich Zilles „Tanzendes Paar“

Von Dieter A. Graber

HANAU. In der Sat.1-Gerichtsshow „Richter Alexander Holt“ gab Stephan Lucas den Staatsanwalt. Ein ganz Schneidiger war er da, der gerne mal einen Angeklagten abkanzelte. Aber das wirkliche Leben des Laiendar­stellers Stephan Lucas findet heute in Saal 216 des Hanauer Landgerichts statt, und da gibt … – Pardon – da ist er ein Strafverteidiger, doch forsch geht er auch hier zu Werke. Lucas vertritt Ernst B. (64) aus Maintal – Musiklehrer, Ex-Privatdetektiv, Por­nofilmer und mehrfach vorbestrafter Sexualtäter.

Herr B. will nicht in den Knast. Nicht schon wieder. Wegen Vergewalti­gung, Zuhälterei und Steuerhinterzie­hung hat er schon ein paar Jährchen abge­sessen. Im vergangenen März verur­teilte ihn das Hanauer Schöffen­gericht zu drei Jahren und acht Mona­ten. Herr B. soll die Hanauer Schülerin Tabea (Name geändert), damals 17, im Massagesalon seiner Frau zum An­schaffen geschickt und zudem verge­waltigt haben. Sagt jedenfalls Tabea. Herr B. sagt, das stimme nicht. Alles sei einvernehmlich passiert. Er nahm sich den prominenten Münchener TV-Anwalt und ging in Berufung.

Der Mann aus dem Süden enttäuscht nicht. Der Gerichtssaal ist seine Bühne, auch wenn es heute keine Zu­schauer gibt, kein Kameralämpchen glüht, kein Quotendruck herrscht. Er trägt trendige Skinny Jeans, hauteng wie eine Wurstpelle, Voll­bart und Stiefel, die so künstlich abgeranzt aussehen, dass sie sau­teuer gewesen sein müssen. Er ist 44 Jahre alt. Zu­nächst kommt er mit Staatsanwalt Oliver Piechaczek über Kreuz, dann mit Nebenklagevertreter Wolfram Schädler, schließlich mit Richterin Peter, am Ende mit allen dreien. Es geht um prozessuale For­malitäten. Um Wortlautprotokolle von Aussagen geht es, um einen Vi­deoclip als Be­weismittel und wann er auf der gro­ßen Leinwand hinter dem Richtertisch gezeigt werden soll. Lu­cas legt sich mächtig ins Zeug für sein Honorar. Da gerät jede Wortmeldung zu einem kleinen Plädoyer, jede Stel­lungnahme zu einem Collegium Priva­tissimum. Irgendwann ist die Vorsit­zende der 6. kleinen Strafkammer mit ihrer Geduld am Ende: „Den Ablauf des Verfahrens bestimme ich!“ schallt es schneidend vom Richtertisch her durch den Raum. Basta. Der streitbare Advokat schickt, quasi als Schlussakkord, den dezenten Hinweis auf die nächste In­stanz zurück.

Dabei stehen die Chancen des Ange­klagten nicht einmal schlecht. Tabea, ein Mädchen aus gutem Hause, war auf der Suche nach einem Nebenver­dienst an Herrn B. geraten, der ihr einen gut do­tierten Job bei seiner Detektei in Aus­sicht ge­stellt haben soll: Agent Provo­cateur auf der Jagd nach pädo­philen Straftätern. „Weil ich doch noch so jung war“, er­innert sie sich. „Kam Ih­nen das nicht komisch vor?“, fragt Richterin Peter. Nein, das tat es nicht, und auch, als er sie mit einer dubiosen Schadener­satzforde­rung zum Sex ge­nötigt habe, gleich beim zweiten Treffen in seinem Schlafzim­mer im Mai 2014, fügte sich Tabea ins schein­bar Unvermeidliche.  Es mag Naivität oder die Lust am Abenteuer gewesen sein, vielleicht auch nur der Lockruf des schnellen Geldes, jeden­falls heu­erte Tabea als­bald im Etablis­sement von Carolin B., der 34 Jahre jüngeren Ehefrau des Angeklagten, in der Krä­merstraße an. Im Ange­bot dort sind „Ganzkörper­massage auf der Liege mit Handent­span­nung“ und „Französisch natur“ sowie weitere Spezialitäten körperli­chen Lustge­winns. Tabea konnte über ein ein­schlägiges Internetforum ge­bucht werden. „Ich dachte zunächst, es gehe da um Rückenmassagen“, sagt sie nun kleinlaut. Richterin Peter: „Vom Arzt verordnet und auf Kran­kenschein, meinen Sie?“ Tabea ist das jetzt etwas peinlich, aber, Herrgott, mit siebzehn … Sie hat dann auch ganz gut verdient im horizontalen Gewerbe, jedenfalls mehr als mit Ba­bysitten und Hunde­ausführen. 

Tabea ist ein auf ihre Art hübsches Mädchen, heute 20, schlank, mit lan­gem brünettem Haar, etwas scheu, vor allem aber unscheinbar. Es fällt schwer, sie sich im Rotlichtmilieu vor­zustellen. „Wer eine Person unter achtzehn Jahren bestimmt, sexuelle Handlun­gen ge­gen Entgelt … vorzu­nehmen oder … durch seine Vermitt­lung [dazu] Vor­schub leistet“, heißt es in Paragraph 180 StGB, muss mit bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe rech­nen. Carolin B. wurde dafür vom Schöffengericht zu acht Monaten auf Bewährung verurteilt. Sie hatte zuge­geben, Tabeas wirkliches Alter ge­kannt zu haben.

Ernst B. bestreitet das. Er bestreitet überhaupt alles. Er hat den Sex mit Tabea gefilmt. Damit will er seine Un­schuld beweisen. Tabea sagt, er habe ihr gedroht, die Aufnahmen zu ver­öf­fentlichen, wenn sie ihm nicht zu Willen sei, und auch, ihre Eltern mit erfundenen Behauptungen über Be­trügereien und Geldwäsche zu ruinie­ren. Sie hat ihn schließlich doch ange­zeigt.

Verteidiger Lucas befragt Tabea de­tailliert, hält ihr Widersprüche vor, versucht, ihre Glaubwürdigkeit zu er­schüttern. Es ist ein bisschen wie im Fernsehen. Die nächste Folge kommt bestimmt.