Geschädigt und seziert

Von Dieter A. Graber

HANAU. Es geht um Frau H. in Saal 215. Frau H. ist in diesem Verfahren das Opfer. Im Juristenvokabular heißt es „Geschädigte“. Das klingt nach Un­fall, nach Schadenereignis klingt es, nach Versicherungsdeutsch. Frau H. wurde von drei jungen Asylbewerbern am Main bei Dörnigheim sexuell miss­braucht.

Frau H. also tritt in den Zeugenstand, denn eine Geschädigte ist auch eine Zeugin, und sie verzichtet auf den Aus­schluss der Öffentlichkeit. Das ist mutig und klug obendrein, lernen wir doch dadurch eine junge Frau kennen, die mit einer schweren Hypothek durchs Leben geht. Frau H. ist psychisch krank. „Schizophrenie“ sagt ihr Arzt, der Psy­chiater Oliver L. vom Klinikum Hanau. Sie selbst will diese Diagnose nicht ak­zeptieren. Sie sei depressiv und leide unter gelegentlichen Panikattacken. Mehr aber nicht. Gleichwohl schiebt sich ihre Krankheit nun in den Fokus der Beweisaufnahme. Nicht mehr um die Angeklagten dreht es sich, die schweigend, bisweilen versonnen lä­chelnd, den Prozess verfolgen, sondern um die Frage, ob die „Geschädigte“ vielleicht selbst ein wenig Schuld hat an dem, was in der Nacht zum 8. April ne­ben dem Uferweg, unten am Fluss, pas­sierte. Sie wird so nicht formuliert, diese Frage, und doch ist sie allgegen­wärtig an diesem zweiten Verhand­lungstag. Aber es soll noch schlimmer kommen.

Frau H. ist schlank, recht hübsch, 28 Jahre jung. Sie schildert die Tat. Sie re­det schnell, flicht aber bisweilen Pausen ein, um ihre Gedanken auf die Reihe zu kriegen. Todesangst habe sie gehabt. „Mir wurden Mund und Nase zugehal­ten. Dann haben sie mich vergewaltigt.“ Nun, wie soll man es auch sonst nen­nen, wenn drei Männer einer Frau die Jeans und Unterwäsche ausziehen, und, während zwei sie festhalten, der dritte sich über sie her macht? Juristen sehen das etwas anders. Differenzierter. Tech­nischer. Paragraph 117 StGB definiert Vergewaltigung, „wenn der Täter mit dem Opfer den Beischlaf vollzieht oder vollziehen lässt oder ähnliche sexuelle Handlungen an dem Opfer vornimmt …, die dieses besonders erniedrigen, insbe­sondere wenn sie mit einem Eindringen in den Körper verbunden sind.“ Um dran oder drin also geht es. Nur dran, sagen die Angeklagten, soweit sie sich überhaupt erinnern zu können vorgeben. Der Alkohol halt in jener Nacht, die Müdigkeit …

Im Saal wird der Notruf von Frau H. bei der Polizei abgespielt. Zu hören ist eine  verängstigte Frau. Sie fleht: „Kommen sie schnell!“ Und bittet einen Passanten: „Lassen Sie mich jetzt nicht alleine!“ Es ist die verstörte Stimme eines Verge­waltigungsopfers. Egal, wie Juristen das sehen.

Frau H. muss Medikamente nehmen, was sie aber oft unterlässt. Am Wo­chenende geht sie gern in den Eulen-Pub, eine Kultkneipe in Dörnigheim. „Was trinken, reden, auch mal tanzen.“ An jenem Abend sei sie von einem Gast „betatscht“ worden. Sie zeigt auf Awet. „Er gab mir ein Bier aus, aber ich wollte nichts von ihm.“ Gleichwohl ging sie in den frühen Morgenstunden mit Awet und seinen Freunden Toto und Filmon noch zur Aral-Tanke, wo sie Wodka und Energydrinks kaufen. Warum? „Ich tue oft das, was andere gerne von mir hätten“, sagt sie traurig. Ihr Kopf funk­tioniere dann nicht richtig. Daher auch ihre „Sprachprobleme“. Frau H. ist ein bemitleidenswerter junger Mensch, der besonderen Schutz und Hilfe benötigt. Sie hat eine gesetzliche Betreuerin, die Frau S., die alles Wichtige regelt und sie auch zum Prozess begleitet hat.

„Die haben mir was ins Getränk getan“, ist Frau H. überzeugt. „Ich fühlte mich wie auf Ecstasy.“ A propos: Früher war sie den Drogen nicht abgeneigt. Doch heute sei sie clean, sagt Doktor L., aber halt gutgläubig, leicht beeinflussbar, desorganisiert, planlos. Außerdem suchten sie bisweilen Halluzinationen heim. Ihre Psyche kommt jetzt auf den Seziertisch der 2. Großen Strafkammer. Von Verfolgungswahn ist die Rede. Einmal habe sie versucht, sich in der Klinik die Haare anzuzünden. Und wie steht’s  mit ihrer angeblichen Promis­kuität? Prostitution gar? Es gibt da so Gerüchte … Totos Verteidiger, der Strafrechtler Moritz David Schmitt aus Mainz, erfrecht sich, ihrem Arzt die Frage zu stellen: „Hat sie auch Grup­pensex praktiziert?“  Staatsanwalt Oli­ver Pie­chaczek geht dazwischen. Dok­tor L. sagt scharf: „Ich kann weder be­stätigen, dass sie sich jemals prostituiert hat, noch dass sie Gruppensex betrieb.“ Frau H. vermag sich nicht zu wehren. Sie hat zu diesem Zeitpunkt des Saal bereits verlassen.

Zwei Gutachter sollen sich zur Glaub­würdigkeit der Zeugin äußern. Einer ist Thomas Holzmann, Facharzt für Psy­chiatrie aus Frankfurt. Vor zwei Jahren war er wegen unkorrekter Arbeit rechtskräftig zu einer Geldbuße verur­teilt worden. Er hatte vier psychisch ge­sunde hessische Steuerfahnder für para­noid erklärt, mit der Folge, dass sie zwangspensioniert wurden. Filmons Verteidigerin, die Frankfurter Straf­rechtlerin Wiebke Otto-Hanschmann, stellte einen Befangenheitsantrag gegen Holzmann. Die Kammer hat darüber noch nicht entschieden.

Eine Gutachterin des LKA sagte, es seien DNA-Spuren gefunden worden, die nahelegten, dass es zumindest in ei­nem Fall zur Penetration des Opfers kam. Also vielleicht doch mehr als „nur“ dran.

Der Prozess wird fortgesetzt.