Gescheiterter Messias

„Braun bin ich, doch schön …“ heißt es im Hohelied Salomos. Aber das ist nur Lyrik, und zwar sehr alte, hier illustriert von Lovis Corinth.

Von Dieter A. Graber

HANAU. Ganz am Schluss, als das Ur­teil längst gesprochen und begründet ist und die Kammer den Saal verlas­sen hat, da versammelt Herr G. seine Gemeinde um sich und spricht zu ih­r. Von seiner Enttäuschung spricht er und wie ihn das Leben gestraft und er sich in den Menschen getäuscht habe, denen er doch nur helfen wollte. Herr G. sagt das alles wie ein Predi­ger, der, mit sich selbst im Rei­nen, diese eine Botschaft überbringt: Ich bin die Wahrheit!

Was Wahrheit ist in diesem Fall, da­ran hat Richterin Susanne Wetzel kei­nen Zweifel gelassen: die Schilderun­gen der 12-jährigen Stefanie (Name geändert) seien glaubhaft. Dafür gibt es in der Tat mehrere Gründe. Stefa­nie hatte die Vorfälle, die im Herbst 2016 zunächst in einer Festnahme des renommierten Physiotherapeu­ten und dann in einer Anklage mün­deten, zu­nächst ihrem Tagebuch an­vertraut. Im Keller der Praxis,  später auf einer Behandlungsliege, dann auf dem Kü­chentisch machte sich Herr G., so Staatsanwalt Hubertus Pfeifer, über das Mädchen her. „Es begann mit ei­nem Zungenkuss und endete mit schwerem Missbrauch“, konsta­tiert Richterin Wetzel. Eine Eskalation se­xueller Gewalt. Doch der Fall ist mehr als nur ein Sexualstrafverfah­ren. Er ist das tragische Aufeinander­treffen von Menschen, die bis heute schwierige Lebensum­stände als drückende Hy­pothek mit sich herum tragen.

Herr G. verfügt über eine ungewöhn­li­che Gabe: heilende Hände. Vielen der Besucher, die den Prozess, emo­tional bewegt, verfolgten, die ihm so­gar Geld in die Untersuchungshaft brachten und die nun seinen Worten lauschen, hat er geholfen. Kann ein Mann, der so viel Gutes tut, derart böse sein? Aber eigentlich ist Herr G. auch ein Gescheiterter, einer, der 30.000 Euro Steuerschulden aufge­türmt hat und dann, obwohl kauf­männisch nachge­rade hilflos, sich mit einer Großpraxis in Hanau selbständig macht. Eine „narzisstische Persönlich­keitsakzen­tuierung“ bescheinigt Rich­terin Wet­zel dem Angeklagten. Und diesem Mann begegnet ausgerechnet Frau D., die früh selbst Opfer einer Vergewalti­gung ge­worden, eben aus einer an Demüti­gungen reichen Ehe geflüchtet und mit der pubertie­renden Tochter überfordert war. („In ihrer Erzie­hungs­tauglichkeit einge­schränkt“, nennt es die Vorsitzende.) Da tun sich also zwei Menschen zusam­men, die Stoff für einen ganzen Psy­chiatriekon­gress ab­gegeben hätten. Und mitten­drin Ste­fanie.

Das Geld ist knapp. Man haust in der Praxis. Das habe „die Bezeichnung ,wohnen‘ nicht verdient“ gehabt, sagt Wetzel. Kaum Möbel, wenig Klei­dungsstücke, kein Badezimmer, nichts, was ein Teenager von einem Zuhause erwartet. Es gibt sogar noch Familienzuwachs, ein Mädchen, heute zwei Jahre. Stefanies körperli­che und geistige Entwicklung ist ih­rem Alter weit voraus. Jungs sind ein Thema. Freundschaft ist eins. Sex auch. Übers Internet lernt sie Ben aus München kennen. Sie will ihn besu­chen. Natür­lich darf sie nicht. Sie fühlt sich „ein­gesperrt“. Sie weiß vom „Vorleben“ ih­rer Mutter, auch davon, dass die sich den Unterhalt durch se­xuelle Dienst­leistungen bei ihrem Ex, also Stefanies Vater, „erarbeiten“ musste. Nein, so wolle sie nie werden, sagt sie einmal.

Herr G. steigert sich in die wahnwit­zige Idee hinein, die beiden „retten“ zu müssen. Und zwar mit aller Ge­walt. Denselben Ehrgeiz, mit dem er einst die Leichtathletik­national­mann­schaft seines Hei­matlandes Senegal trai­nierte, mit dem er sich die deut­sche Sprache an­eignete und seine Ausbil­dung zum Krankengymnast ab­sol­vierte, ver­wendet er nun darauf, Stefanie und ihre Mutter in „eine glücklichere Zu­kunft“, wie er es ein­mal pathetisch nennt, zu führen. Es hat etwas von messianischem Eifer. Er verbietet dem Mädchen, Cola zu trin­ken. Er kontrolliert ihre Körper­pflege. Er nimmt ihr Mobiltelefon und Com­pu­ter weg. Das Gegenteil von gut ist gut gemeint, um es mit Tucholsky zu sa­gen.

Stefanie schreibt einen Brief an ihre Mutter. Sie fühle sich gefangen. Sie wolle weg. Es wird ein Hilferuf gewe­sen sein, den Frau D. nicht verstan­den haben dürfte. Ihre Lehrerin, an die sich schließlich wendet, der sie auch von den sexuellen Übergriffen erzählt, versteht sofort. Noch am sel­ben Tag wird Herr G. festgenommen. Frau D. findet Unterschlupf im Frau­enhaus, Stefanie kommt in ein Heim.

Aussage-gegen-Aussage-Konstellation nennen Juristen diesen Fall. Man kann es auch so sagen: Einer lügt. Im Falle zweier Erwachsener hätte das Gericht zum In dubio pro reo geneigt. Hier nicht. Die junge Zeugin, die in ei­nem im Gerichtssaal abgespielten Vi­deo über die Taten berichtete, also nicht persönlich aussagen musste, habe alles „sehr strukturiert und de­tailreich“ geschildert: „Es ist nicht möglich, dass sie sich so etwas hätte ausdenken können.“ Eine Gutachterin bestätigte die Glaubwürdigkeit.

Verteidiger Reiner Freydank möchte das Urteil so nicht stehen lassen. Er findet, sein Mandant sei bereits „vor­verurteilt“ gewesen. Er denkt über Revision nach. Frau D. kämpft derweil um das Sorgerecht für ihre Töchter. Herr G. blickt auf die Trümmer seiner Existenz.