Geschichten vom „umgelegten“ Schwager

Näschen für Polizeispitzel: Banu D., hier mit ihren Verteidigern Fuchs und Küster, hegte zumindest kurzfristig mal einen Verdacht gegen Ayse. Foto: Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU. Es ist eine gewisse Juristen­routine eingezogen in diesen Prozess, der sich alle unterworfen zu haben scheinen, die Strafkammer, Staats­an­walt Pleuser, die Angeklagten Banu D. und Lutz H. und ihre Verteidiger, die tapfere Frau Volke, ja sogar das Publi­kum, welches, zumindest stun­den­weise, noch nimmer wacker aus­hält da hinter der gläsernen Wand. Heute hat Ayse wieder ihren anony­men Auftritt. Diesmal sitzt sie in ei­nem Wiener BKA-Büro, 582 Kilometer Luftlinie von Saal 215 entfernt, ver­borgen von einer halbtransparenten Plane, hinter der sie in ihrem roten T-Shirt schemenhaft aussieht wie ein Ei­sen­bahnhaltesignal im Nebel. Etwa so muss der Mörder sein Opfer, den Spe­ditionsun­ternehmer Jürgen Volke, ge­se­hen haben, ehe er ihn durch die Rif­felglasscheibe der Tür des kleinen Rei­hen­hauses in der Gallienstraße er­schoss. Und irgendwie verschwimmt auch zunehmend der Blick auf das We­sentliche in diesem Verfahren, näm­lich Beweise für die Schuld der Angeklagten.

Ein gutes Jahr lang hatten die Ver­deckten Ermittler Ayse und Errol das Paar bespitzelt. Jede Bemerkung der beiden wurde notiert, jede Lebens­äu­ßerung … Wirklich jede? Und zu wel­chem Zweck? Im Rückblick scheint es, als hätten VE1 und VE3, so die dienst­interne Bezeichnung, vor allem das zu Papier gebracht, was ihnen be­lastend erschien. Da erhält jede Ba­na­lität ei­nen tieferen Sinn, den Ayse (VE1) in ihren Protokollen mit typo­grafischen Gestaltungsmitteln akzen­tuiert, mal in kursiver Schrift, mal fett gedruckt oder als Zitat kenntlich ge­macht. Zwischendurch sagte Banu D., durch die ständige Fragerei  misstrauisch  geworden, ihrer „falschen Freundin“ Ayse einmal auf den Kopf zu: „Du bist doch von der Polizei!“ Sie ließ sich dann aber wieder von deren angeblicher Aufrichtigkeit überzeugen. Lutz H. hingegen scheint weniger skeptisch gewesen zu sein.

Es war der 9. September 2015, als sich Ayse und Errol nach neunmona­tiger erfolgloser Ermittlung am Ziel sahen. Lutz H. kam auf den Mord an Jürgen Volke zu sprechen, seinen „umgeleg­ten“ Schwager (von Ayse hervorgeho­ben). Und zwar unaufgefor­dert. Aus freien Stücken. Er habe „ein Mittei­lungsbedürfnis“ gehabt, sagt Ayse. Das darf mit Fug be­zweifelt werden, wie die forsche Art der „Befragung“ des Lutz H. durch ih­ren Kollegen na­helegt. Man hatte sich in seiner Jagd­hütte im Hintertaunus getroffen. Lutz H. zeigte sich angeb­lich „sehr zufrie­den“ über die Präzision der Tat, einem Fuß­ballsachverständigen ähnlich, der kenntnisreich den Laufweg eines Stürmers vor dem Torabschluss ana­lysiert: „Perfekt! Niemand sah den Täter. Er muss draußen gewartet ha­ben. Es wurden keine Zigarettenkip­pen gefunden. Normalerweise sind die Leute ja so blöd und werfen die ein­fach weg.“ Lutz H. und Banu D. sind starke Raucher.

Und dann ist da noch nebulös von ei­nem „gestohlenen Fluchtfahrzeug“ die Rede, das hinterher nicht mehr auf­getaucht sei. Tatsächlich war der Re­nault Twingo von Banu D. zu die­sem Zeitpunkt, also Anfang September 2013, für mehrere Tage verschwun­den – in einer Werkstatt wegen eines Blechschadens, was die Polizei aber seinerzeit zu ermitteln unterließ.

Nach Ansicht von Staatsanwalt Pleuser hat Banu D. nicht nur den Tatort ausbaldowert, sondern die Schüsse auch selbst abgegeben. Eine ambitionierte Anklage. Sie gründet sich auf angebliche Handydaten, die ihren Aufenthalt mehrere Tage vor dem Mord in Hanau belegen. Oder besser: zu belegen scheinen. Die Pro­tokolle der Verdeckten Ermittler las­sen derartige Schlüsse nicht zu.

Errol und Ayse waren angetreten, „Täterwissen“ aus Lutz H. herauszu­holen. Gelungen ist ihnen das zumin­dest an jenem feuchtfröhlichen Sep­tem­berabend zwei Jahre nach den Todesschüssen nicht. Was die Zielper­son da über den Mord in der Gallien­straße dozierte, war samt und sonders den Medien zu ent­nehmen gewesen. Dass Lutz H. auf die kleinbürgerliche Existenz seines Schwagers herab sah, mag dem Neid des Lebensversagers auf den Erfolg des Tüchtigen aus ein­fachen Verhältnissen geschuldet sein, einen Hehl daraus gemacht hat er je­doch nie. Missgünstig unterstellt er Volke dubiose Geschäfte. Etwas mit Drogen viel­leicht. Höhnisch zitiert er Schiller (Wallensteins Tod 1,3), ver­mutlich, ohne die Quelle zu kennen: [Verflucht,] „… wer mit dem Teufel spielt!“ Ayse hielt das für bemerkens­wert, und so findet es, wie viele an­dere bierselige Sprüche, Eingang in die Beweisaufnahme.

Er wirft Fragen auf, dieser Ver­deckte Einsatz. VE1 und VE3  haben ihre Ge­spräche mit Lutz H. und Banu D. heimlich mitgeschnitten, auch in ge­schlossenen Räumen. Dies ist nach Polizeirecht zu Ermittlungszwecken untersagt. Das Hessische Gesetz über die öffentliche Sicherheit und Ord­nung (HSOG) ist ein kompliziertes Konvolut mit 115 Paragraphen. Die österreichische BKA-Fahnderin wird es nicht kennen. Sie räumt ein, die Tonaufnahmen hinterher für ihre „Amtsvermer­ke“ verwendet zu haben. „Damit es inhaltlich stimmt!“ Eine „vernehmungsähnliche Situ­ation“ habe es aber zu keiner Zeit gegeben. Verteidiger Andreas von Dahlen be­zweifelt das. Ver­deckte Ermittler dürfen Zielpersonen, in deren Ver­trauen sie sich einge­schlichen haben, nicht zu sich selbst belastenden Aus­sagen drängen.

Die 1. Große Strafkammer unter Vor­sitz des erfahrenen Richters Peter Graßmück, der den Prozess souverän leitet, hat sich auf das mühselige Un­terfangen eingelassen, die Verdeckte Ermittlung chronologisch, quasi Wort für Wort, abzuarbeiten. Das dauert. Im Kriechgang nähert sich die Beweis­aufnahme der FN Browning Kal. 7.65, die Lutz H. dem Errol verkaufte. Die Spannung steigt langsam, aber stetig.

Wenn es knifflig wird, zieht sich Ayse bisweilen gern hinter die Grenzen ih­rer Aussagegenehmigung zurück, die ihr untersagten, ermitt­lungstakti­sche Einzelheiten preiszu­geben. Dies und Übertragungsmängel – die Verbin­dung bricht regelmäßig zusammen – erschweren ihre Ver­nehmung. In dem BKA-Büro, aus dem sie in den Ge­richtssaal zugeschaltet ist, steht doch tatsächlich ein Sofa. Es ist mit einer hellen Decke überzogen. „Oan Diwan“ sagt man auf Weanerisch. Gemütlichkeit in Donau-Chic. Aber nächstes Mal soll Ayse doch wieder beim BKA Wiesba­den sitzen, ordnet die Kammer an. Aus techni­schen Gründen. Und ohne Sofa.