Get Your Motor Runnin‘

Mit dem Rad, Kamerad … Werner Schmidt-De Wasch schätzt Zweiräder, sowohl PS-Boliden als auch Drahtesel. Der hier auf dem Bild ist allerdings nur Deko vor seinem Lieblingscafé in Gelnhausen. Er ist übrigens ein Anhänger der Kickers. Na ja, wenig überraschend … ©D. Graber

 

Get your motor runnin‘ / Head out on the highway / Looking for adventure / And whatever comes your way

Steppenwolf:  „Born To Be Wild”

 

Von Dieter A. Graber

HANAU. Er hat was von einem Lau­sejungen. Noch heute, mit fünfund­sechzig. Schalk in den Augen und ein spitzbübisches Lächeln. En Spitz­klig­ger sagen die al­ten Offenbacher in breitem Hes­sisch, und zwar an­erken­nend, über so einen. Ein Schlitz­ohr. Ein Pfiffikus. Werner Schmidt-De Wasch stammt von da. Also aus Offen­bach. Geboren und aufgewach­sen in der meistunter­schätzten Stadt am Main. Später war er ein Viertel­jahrhundert lang Staats­anwalt in Ha­nau. Jetzt ging er ebenda in den Ru­hestand. Ab­schied von ei­nem etwas anderen Strafverfolger.

Schnurren werden erzählt über ihn, spaßige Begebenheiten aus seinem Arbeitsalltag, und bei manchen weiß er selbst nicht, ob sie wahr sind. Zum Beispiel die, wo er einem jungen An­ge­klagten im Gerichtssaal frank und frei erklärt habe, „bei den Eiern ge­packt“ zu gehören; aber es gibt Leute, die das be­schwören würden und auch, dass der von des Staatsan­walts schnör­kelloser Aus­drucksweise beein­druckte Delin­quent nie mehr straffäl­lig geworden sei. Die richtige Wort­wahl kann ja durchaus heilsam sein. Schmidt-De Wasch hält die Story für möglich: „Man darf als Staatsan­walt nicht gestelzt daher reden; die Leute müssen einen verstehen“, fügt er hinzu. Augenzwinkernd.

Zurück in die Wirtschaftswunderära. 50-er Jahre. Freddy Quinns „Die Gitarre und das Meer“ dudelt aus dem Radio. Seefah­rer-Romantik, Sehnsucht und Hei­matgefühl prägen die Befindlichkeit der Deutschen. Käfer mit Brezel­fen­ster. Trümmergrundstücke wie Zahn­lücken in Straßenschluch­ten. Halb­starke auf Motorrollern. Der kleine Werner wächst in einem Malocher­viertel auf. Straßengangs verprügeln sich da gegenseitig. Der Vater verdient das karge Einkommen als Hilfsarbei­ter, die Mutter sitzt bei Latscha an der Kasse. „Ich erinnere mich nicht, dass mal Erziehung statt­fand“, beschreibt SDW, wie er seinen Namen abzukür­zen pflegt, die frühen Jahre. In der neunten Realschul­klasse bleibt er sitzen und streicht die Segel. Da trifft auf ihn zu, was er später oft von An­geklagten zu hö­ren bekommen wird: In schlechter Gesellschaft gewe­sen, aus der Bahn geraten… Aber er kriegt die Kurve, wird Be­triebs­schlos­ser bei den Farb­werken Hoechst.

Man kann das Leben des Werner Schmidt-De Wasch als eine Abfolge glücklicher Zufälle bezeichnen. „Da ich oft im Konstruktionsbüro zu tun hatte, begann ich, mich für die Arbeit dort zu interessieren.“ Er wechselt von der Werkbank auf die Ingenieur­schule in Frankfurt, die, auch das eine Laune des Schicksals, kurz darauf zur FH wird – und der „Schulversager“ als nunmehr graduierter Ingenieur plötz­lich, quasi auf dem Gnadenweg, die Allgemeine Hochschulreife in der Ta­sche hat. Das Abitur! Eine fast sensa­tionelle, auf jeden Fall einmalige Chance. „Plötzlich stand mir alles of­fen, und ich entschied mich für Jura. Fragen Sie aber nicht, warum!“

Er ist schlank, dieser Werner Schmidt-De Wasch, sportlich, stets ein wenig gepflegt unrasiert, das er­graute Haar fast mittig gescheitelt. Häufig ist er mit dem Fahrrad unter­wegs, und manch­mal mit seiner Honda CBF 1000, ein Sporttourer mit 98 PS und Sechs-Gang-Getriebe. Die Maschine mag seinen staatsanwaltlichen Blick ge­schärft haben für die Risiken des Straßenverkehrs und die Sünden sei­ner Teilnehmer. Fahrlässige Tötun­gen fielen in sein Ressort. Ein paar Fälle brannten sich in sein Gedächtnis ein. Wie der des betrunkenen BMW-Fah­rers, der einen Kleinbus von der Au­tobahn rammte, wobei mehrere Menschen starben. „Aber“, betont SDW, „man muss das Leid ausblen­den. Sonst kann man diesen Job nicht machen.“

Apropos Job. Nach dem Abschluss­exa­men kommen seine hoffnungs­vol­len Bewerbungen für den Staats­dienst mit dem Satz zurück: „… be­dauern wir, Ihnen mitteilen zu müs­sen …“ Es sind die 80-er Jahre. SDW trampt erst mal als Rucksack­tourist durch Süd­ostasien. Später heuert er, mangels Alternative, in der Ge­schäfts­leitung einer kleinen Firma an. Nein, einen Lebensplan kann man das nicht nen­nen. Und vielleicht ist es ja gerade das Fehlen eines solchen, was diese Karri­ere so besonders macht. Dass sie ihn, den Seiteneinsteiger, schließ­lich doch noch in den Staats­dienst beriefen, ist ein Glück – für die Justiz.

Denn Werner Schmidt-De Wasch ge­hört zu einer Juristengeneration, die Rechts­wissenschaft nicht nur im Hör­saal, sondern auch im wirklichen Le­ben studierte. Das hat seinen Blick ge­schärft, für Schuld, für Schicksal, Ver­strickung, auch für Gerechtigkeit, für den Menschen hinter dem Akten­zei­chen und seine Schwächen. Das spie­gelte sich in fairen, unprä­tentiö­sen Plädoyers wi­der. Mehr als 20.000 Verfahren hat er bearbeitet. Unge­zählte kleine, so manche gro­ßen. Da war die betrügerische Rechts­anwäl­tin, die Mandanten um 200.000 Euro brach­te, der re­nommierte Künstler, der sein Lu­xus­haus anzün­dete, um die Versiche­rung zu kassieren, die le­gen­däre Bankräu­ber­bande, die mit dem Vorschlag­ham­mer zu Werke ging. Auch manch lus­tige Be­geben­heit findet sich darunter wie die vom jahre­langen Nachbarschaftsstreit um zwei Wa­ckersteine oder von „James Bond“, der eine Ölspritze in seinen Opel Manta einbaute, um Drängler auf Dis­tanz zu halten.

Aus. Vorbei. Werner Schmidt-De Wasch wird sich künftig nur noch sei­ner juristischen Passion widmen – er ist Vorsitzender des Verbandsgerich­tes der Deutschen Triathlon Union, mit 53.000 Mitglie­dern einer der größten Sportver­bände Deutschlands. Es ist ein Ehrenamt. Er kniet sich da rein. Er habe noch mal Sportrecht ge­büffelt, sagt er und grinst. Ja, ein sympathischer Lausbub ist er geblieben, der SDW. En Spitzgligger halt.

Info: 
Tschüss, ihr Akten! Ich bin dann mal weg … SDW in seinem Büro bei der Hanauer Ermittlungsbehörde. „Besonders interessiert haben mich immer die Geschichten, die das Leben schreibt. Und die werden mir fehlen“, räumt er ein. Foto: Privat
Ein Mann und seine Maschine. Auf der schwarzen Honda unternimmt er mit Freunden schon mal längere Spritztouren – in den Schwarzwald zum Beispiel oder an den Gardasee. Moment – wo ist der Helm, Herr Staatsanwalt? „Den habe ich nur fürs Foto abgenommen! Ehrenwort!“ Foto: Privat