Gezeichnete Notwehr

Von Dieter A. Graber

 

HANAU. Man könnte die vierseitige hand­schriftliche Notiz als ein Memo­randum bezeichnen, in dem Claus Pierre B. schildert, wie Harry Klock an je­nem 6. Juni 2014 zunächst eine angebliche Mietschuld von 456 Euro einfor­derte. Dies habe er abgelehnt unter Hinweis auf die Auskunft seines Rechtsanwaltes, wonach das Ehepaar gar nicht berechtigt gewesen sei, das An­wesen unterzuvermieten. Klock habe ihn daraufhin wütend am Hals gepackt und ein Messer ge­zogen. „Er beschuldigte mich des Ver­rats.“ Bei der folgenden Ausei­nandersetzung habe ihm Klock einen Stich in den Ober­schenkel versetzt. Es sei ihm aber gelun­gen, das Messer an sich zu brin­gen. „Der Kampf war so wild, dass wir beide zu Boden gingen. Er würgte mich, ich bekam kaum Luft.“ Gleichzeitig habe Sieglin­de Klock versucht, mit einer Axt auf ihn einzuschla­gen. „Dann hörte ich zwei Schüsse …“ Dem Gutachter An­sgar Klimke hatte Claus Pierre B. weiter berichtet, in einer Art Blutrausch immer wieder zuge­stochen zu haben. „Ich war in Panik, weil ich dachte, der steht gleich wieder auf und greift mich erneut an.“

Die Verteidigung von Claus Pierre B. hatte diese Schilderung zwar an Klimke geschickt, es of­fenbar aber versäumt, sie auch dem Gericht zukommen zu las­sen. Rechtsanwalt Karl Kühne-Geiling sagte dazu: „Wir haben Polizei und Staatsanwalt­schaft aber frühzeitig von der Einlas­sung meines Mandanten in Kenntnis gesetzt.“ In einem Strafprozess müssen alle Be­weise jedoch zwingend Eingang in die Akten finden. Pikant ist dies vor allem deshalb, weil der Bundesgerichtshof in der Revisi­onsentscheidung gerügt hatte, die Einlassungen der Angeklagten seien sowohl inhaltlich als auch zeitlich nicht ausreichend doku­mentiert.

Auf den Gerichtsmonitoren zeigt Richterin Wetzel auch Zeichnun­gen, mit denen Claus Pierre B. damals einzelne Szenen des blu­tigen Geschehens dargestellt hatte. Es sind unbeholfene, rüh­rend kindliche Illustrationen, die in ihrer Gesamtheit aber einen Comicstrip des Handlungsablaufs ergeben – eine illustrierte Ge­schichte der Gewalt. Zu sehen sind die Akteure: Sieglinde Klock mit einem Beil, ihr Mann mit einem Messer, Klaus-Dieter B. mit einer Pistole in der Hand. Zwei Hunde tollen um die Kämpfenden herum. Kommen­tierungen und Sprechblasen er­gänzen das Abgebildete: „Beiß ihn!“ feuert etwa Sieglinde Klock die Vierbeiner an. Den Harry Klock lässt er die Worte „Du Drecksack!“ ausrufen. Nächstes Panel: Die drei wälzen sich auf dem Boden. Blut ist als dunkle Flecken an den Körpern der Kombattanten zu sehen. Auf ei­ner anderen Zeichnung – hier nimmt die Story eine tragi­komi­sche Wendung – verliert Harry Klock sein Gebiss. Das alles spielt sich vor dem Haus­eingang neben der mit Glasbau­steinen aufgemauerten Wand ab, dessen Tür  nach innen geöffnet ist.

Ob es möglich sei, fragt Neben­klageanwalt Dietrich den Gut­achter, dass jemand, der Todes­angst erlebt haben will, sich hin­terher an derartige Einzelheiten erinnern könne. Klimke hält die Zeichnungen für wenig aussage­kräftig. Bemerkenswert sind sie gleichwohl. Für einen wie Claus Pierre B. ist die bildliche Dar­stellung vermutlich das Medium seiner Wahl. Rhetorisches Talent ist ihm nicht gegeben. Aber es wird so gewesen sein, dass sich ihm die Ereignisse jenes Tages eingebrannt haben im Gedächtnis wie ein Alptraum, dessen Einzel­heiten man auch noch lange nach dem Erwachen mit sich herum trägt. Richterin Wetzel konsta­tiert: „Ich sehe darin zwar keine neue Sachverhaltsdarstellung. Aber sie scheint mir die authen­tischste zu sein.“