Good Cops, Bad Cops

Hielt seine Mimik während des Prozesses eingefroren, schlägt nun aber artig die Hände vors Gesicht: Dawit W. ist gar kein Minderjähriger mehr. Donnerwetter, wer hätte das gedacht! Abb.: Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU/SCHLÜCHTERN. Am Ende bleibt das Rätsel ungelöst. Was bewog Dawit W., sei­nen Freund Mustafa zu massakrie­ren? Richterin Susanne Wetzel stellt resignierend fest: „Das Motiv dieser bizarren Tat, die einen rituellen Cha­rakter hat, lässt sich nicht aufklären.“ Dawit W. schweigt. Und selbst die dürftige Er­klärung, die er Verteidiger Ulrich Will verlesen lässt, ist nicht mehr als in Worte ge­kleidetes Schweigen:  Mus­tafa habe ihn an jenem Abend als „Depp“ belei­digt, ansonsten könne er sich nicht erinnern.

Was auch noch bleibt am Ende dieses Verfahrens ist ein mürrisches Unbehagen. Zu viele Versäumnisse hat es gege­ben. Was die Arbeit der Polizei an­gehe, sagt Wetzel, könne man von „Ermitt­lungspannen“ sprechen. Ärger ist da herauszuhören. So war es unterblie­ben, Blutspuren am Besteckkasten in der Tatwohnung zuzuordnen, Mobil­telefone auszu­werten, DNA-Spuren zu sichern. Pfusch am Tatort. „Hingegen haben sich die beiden Streifenpolizis­ten vor Ort vorbildlich verhalten“, betont sie. Die Beamten, von einer Hausbewoh­nerin alarmiert, hatten die Tür aufgebrochen und den rasenden Dawit W. von seinem Opfer herunter gezerrt. Sie retteten Mustafa das Le­ben.

Jörg Lüders-Heckmann ist Kinder- und Jugendpsychologe. Er sagt, Dawit W. leide an einer posttraumatischen Be­lastungsstörung. Laut internatio­naler Krankheitenliste (ICD-10) ist das eine „Reaktion auf ein belasten­des Ereig­nis oder eine Situation … mit außergewöhnli­cher Bedrohung oder katastrophenar­tigem Ausmaß, die bei fast jedem eine tiefe Ver­zweiflung hervorrufen würde“. Doch welche mag das gewe­sen sein? Die aktenmäßige Lebensge­schichte des Dawit W. ist eine Auto­biografie. Zu­mindest Teile davon sind erfunden. Zum Beispiel, dass er in Italien ein „Hun­deleben“ habe führen müssen. Dass er seinen Hauptschulabschluss im ersten Anlauf bestanden habe. Dass er 1997 geboren sei. Zumindest als fragwürdig muss gelten, dass er Misshandlungen, sogar Folter erlebt haben will auf seiner 4.400 Kilometer langen Flucht von Eritrea durch den Sudan, die Sahara, übers Mittel­meer nach Bari. An seinem Körper fanden sich keine Narben, wohl aber Tattoos. Der Psychiater will bei ihm einen In­telligenzquotienten von lediglich 55 festgestellt haben. Er hält verminderte Schuldfähigkeit für möglich, sogar die Unterbringung in einem psychiatri­schen Krankenhaus. Das ist jetzt … – nun, sagen wir mal: ein wenig ge­richtsfremd in einem Verfahren, das auf lebenslänglich zu­steuert.

Dawit W. hat sich als angeblich „unbegleiteter minderjähriger Flücht­ling“ nach Deutschland eingeschli­chen, obwohl er, als Erwachsener, in Italien bereits Asyl erhalten hatte. Es muss Leute gegeben haben, auch un­ter den Betreuern, die sein wahres Al­ter ahnten. Es gab Hinweise. Er hätte umgehend abgeschoben werden müs­sen. Niemand kümmerte sich da­rum. Für „unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“ sind pro Jahr bis zu 60.000 Euro fällig. Es ist ein Ge­schäft.

Die Gerichtsmedizinerin Constanze Nies zählt zu den führenden Experten auf dem Gebiet der forensischen Al­tersdiagnostik. Auf Anordnung der 2. Jugendkammer hat sie Dawit W. un­tersucht. Anschaulich beschreibt sie ihre Arbeit. Körperbau, Skelettent­wicklung, Zahnzustand geben Aus­kunft über das Alter eines Menschen. Bei dem Angeklagten wurden unter anderem computertomografische Aufnahmen des Schlüsselbeins und Röntgenbilder einer Hand angefertigt. Ein aufwändiges, teures Verfahren mit dem Ergebnis: Dawit W. ist min­des­tens sechsundzwanzig, vielleicht sogar etwas über dreißig Jahre alt. Damit fällt er nun unter das Erwachsenen­strafrecht. Eine späte Erkenntnis. Wäre der Fall von vornherein richtig bearbeitet worden, sagt Wetzel, hätte er vorm Schwurgericht verhan­delt werden müssen und nicht bei der Ju­gendkammer.

Die Tat vom 7. Oktober 2016, das Zu­stechen, das Abschnei­den von Ohr­muschel und Augenlider, die Todes­angst des Opfers, das alles dau­erte mindestens fünfzehn Minuten. Wie kann man da von einem „Black­out“ (Lüders-Heckmann) ausgehen? Staatsanwalt Voigt hält ein beeindru­ckendes Plädoyer. Er fordert eine le­benslange Freiheitsstrafe wegen der besonderen Grausamkeit dieses Mordversuchs. Verteidiger Will hält höchstens zehn Jahre für angemes­sen. „Es muss etwas Gravierendes passiert sein, was zu der Tat führte.“ Ratlos klingt das. Will ist ein erfahre­ner Strafrechtler.

Aber wie grausam muss Grausamkeit sein, damit sie eine Verurteilung we­gen Mord rechtfertigt? Die Kammer sieht „nur“ einen versuchten Tot­schlag. Die Verstümmelungen, so Richterin Wetzel, also das als „grau­sam“ empfundene Geschehen wäh­rend der Tat, seien „nicht vom eigent­lichen Tötungsvor­satz“ erfasst gewe­sen. Quälen und morden als getrennte Vorgänge. Ju­ristenarithmetik ist das. Das Urteil lautet: neuneinhalb Jahre. Oberstaats­anwalt Mies wird später sagen, die Entscheidung der Kammer verwundere ihn.

Gleichwohl kündigt Verteidiger Will an, Revision einlegen zu wollen. Dies habe er vorher mit seinem Mandan­ten besprochen. Dawit W. habe „nur ei­nen Anflug von Reue“ gezeigt, konstatiert Richterin Wetzel. Sein Gesicht bleibt auch unbewegt, als er das Urteil hört.