Graue Maus mit grünem Daumen

Braucht viel Liebe und ist ein wichtiger nachwachsender Rohstoff: Hanf

Von Dieter A. Graber

HANAU. Da sitzt sie nun, klein, ein wenig pummelig, adrett gekleidet in beigefarbener Bluse, olivgrünem Rock, züchtig knielang, farblich pas­senden Schuhen, die Absätze mode­rat, das rundliche Gesicht blass, ver­ängstigt. Alexandra H., 38 Jahre alt, muss sich vor dem Hanauer Landge­richt verantworten, weil sie in ihrer Wohnung eine Cannabisplantage be­trieb. Und was für eine!

Richterin Peter hat Fotos in ihren Ak­ten, aufgenommen von der Kripo bei einer Durchsuchung im März vergan­genen Jahres. Es ist alles da: ein Pflanzzelt, Bewässerungsanlage, Wärmelampen, Klimagerät und was ein Hanfbauer noch so braucht. Mit viel Liebe ging sie da zu Werke, die Frau H.; das und gute Erde, etwas Dünger, richtiges Licht und ausrei­chend Wärme, aber höchstens 27 Grad, brauchen die empfindlichen Keim­linge, andernfalls wird’s nix mit der Reife, weshalb sie zunächst eine Reihe von Fehlschlägen hinnehmen musste. Und gerade, als die erste richtige Ernte eingefahren war, stand die Polizei vor der Tür. Ein Nachbar hatte einen verdächtigen süßlichen Geruch bemerkt …

Frau H. möchte alles erklären. Die Geschichte ihrer Kindheit möchte sie erzählen, vom cholerischen Stiefva­ter, der sie schikanierte und den sie dann doch, gemeinsam mit der Mut­ter, bis zu seinem Tod pflegte, von den finanziellen Sorgen, der Ver­zweiflung über ein Dasein, in dem ihr vieles versagt blieb, was andere junge Menschen genießen – Freunde, eine schöne Wohnung, Freiheit –, von schlaflosen Nächten, Einsamkeit, vom großen „Tröster Alkohol“ will sie be­richten … Aber ihre Stimme versagt. Es ist, als würden sich die Worte in ih­rem Munde stauen und dann stoß­weise heraus purzeln. Sie schweigt, schluchzt, schnieft. Das Näschen rötet sich.

Als junges Ding kam sie mit der Mut­ter aus Mogiljow, einer tristen, vom Zuckerbäckerstil geprägten Indus­t­riemetropole am Dnjepr, in die Bun­desrepublik. Spätaussiedler. Zunächst keines deutschen Wortes mächtig, baute Alexandra, ein ehrgeiziges Per­sönchen, schließlich ihr Abitur und hängte ein Studium dran: Politik, Philosophie, Wirtschaftswissenschaf­ten. Das muss ihr erst mal einer nachmachen. Aber vielleicht ist darü­ber so manches andere zu kurz ge­kommen. „Auf einer Grillparty habe ich dann meinen ersten Joint pro­biert.“ Ein Erlebnis zum Ko… – nun, Alexandra ist Nichtraucherin, gleich­wohl wandte sie sich fortan regelmä­ßig den Freuden des Marihuana-Ge­nusses zu: als Plätzchen geknabbert, im Tee getrunken, als Suppe ge­schlürft. „Dann ging es mir richtig gut!“

Alexandra H. arbeitet als kaufmänni­sche Angestellte. Eine Brille, die aus­sieht, als hätte sie mal ihrem Großva­ter gehört, und das streng zurückge­bürstete, am Hinterkopf zu einem Knoten gebundene schwarze Haar verleihen ihr das Aussehen einer grauen Maus. Sie verdient kleines Geld, 1800 Euro netto, und das mit stattlichem Hochschulabschluss, aber sie gehört sicher nicht zu denen, die mal auf den Schreibtisch des Chefs hauen. Und erst recht nicht zu den Drogenkonsumenten, die sich ihren Stoff teuer bei einschlägigen Ecken­stehern beschaffen. Also kaufte sie im „Growshop“ ihres Vertrauens, wie der entsprechende Gärtnerbedarfs­handel heißt, alles, was man zum Ei­genanbau benötigt. Diese Läden sind übrigens, das nur am Rande, legal, solange die Droge selbst dort nicht angeboten wird.

„Ich wusste ja nicht“, sagt sie nun stockend, „was man dafür braucht.“ Und deshalb geriet alles eine Num­mer zu groß, was jetzt ihr Problem ist, denn die bei ihr gefun­denen 822,4 Gramm getrocknetes Kraut, fein säu­berlich in Tupperdosen aufbewahrt, enthielten 29,85 Gramm THC. Das ist der Wirkstoffgehalt. Mehr als 7,5 Gramm gelten laut Ge­setz als „nicht geringe Menge“, und dafür gibt es vorneweg mindestens ein halbes Jahr Gefängnis. „Ich wollte doch nur mei­nen Bedarf für den Sommer decken“, tönt es jetzt küm­merlich von der An­klagebank her­über. Nein, eine Dro­genhändlerin ist sie sicher nicht, die Frau H., eher eine introvertierte, un­scheinbare Bürokraft mit einem grü­nen Daumen.

Das Amtsgericht hatte wohl Mitleid gehabt, es in einer ersten Verhand­lung bei 4500 Euro Geldstrafe be­wenden lassen, aber damit war die Staatsanwaltschaft nicht einverstan­den und ging in Berufung. Jetzt also die nächste Instanz, und es kann ei­gentlich alles nur schlimmer kommen. Ihre Anwältin, die Hanauer Straf­rechtlerin Iris Passek, legt sich mäch­tig ins Zeug. Verweist auf „die schwere Kindheit“ ihrer Mandantin, auf deren psychi­sche Probleme und darauf, dass sie ja nicht gewusst habe, „in welchem Umfang sie sich strafbar machte“. Nutzt nichts, Rich­terin Peter meint trocken: „Ein Mannheimer Gericht hat in einem ähnlichen Fall kürzlich zwei Jahre ver­hängt.“ Frau H. wird noch ein Stück­chen blasser, wenn das überhaupt möglich ist.

Aber so dicke kommt es natürlich nicht, auch deshalb, weil die Kammer eine „verminderte Schuldfähigkeit“ annimmt. Sechs Monate zur Bewäh­rung lautet das Urteil, dazu muss sie noch 3000 Euro ans Albert-Schweit­zer-Kinderdorf zahlen.

Also: Noch mal Schwein gehabt. Und dann verirrt sich sogar noch der An­flug ei­nes zaghaften glückli­chen Lä­chelns auf Alexandras Gesicht.