Große Pläne, kleine Leuchten

Das zeichnet den erfolgreichen Safeknacker aus: Er trägt Maßanzug, bedient sich moderner Technik und gelangt lautlos zum Ziel. ©United Artists

Von Dieter A. Graber

HANAU. Es waren einmal vier Jungs, die wollten eine erfolgreiche Panzer­knackerbande werden, aber sie stellten sich so dämlich an, dass es nicht einmal zum Hühnerdiebstahl gereicht hätte. Sie heißen Ali, Hasan, Taher und Oktay. Sie müssen sich jetzt wegen Explosionsverbrechen und versuchtem Diebstahl vor der Großen Jugendkammer des Landgerichts ver­antworten.

Beginnen wir mit Taher. Er ist 20 Jahre alt und irgendwie anders als üb­rigen Angeklagten. Ein gutaussehen­der Junge, groß, die schwarzen Haare gegelt, die Kinnpartie glatt rasiert und weich, fast feminin. „Schmal sind Sie geworden“, sagt Richterin Susanne Wetzel überrascht. Sie kennt ihn, kennt auch den Ali, kennt ihre Ge­schichten und ihre kriminelle Energie, die sich freilich reziprok proportional zu ihren geistigen Fähigkeiten verhält. Taher quält sich ein Lächeln ins Ge­sicht, das kaum die Augen erreicht. Er muss vorneweg noch ein paar Monate sitzen, eine alte Haftstrafe, egal, wie dieses Verfahren ausgeht.

Die anderen drei sind auf harter Bur­sche getrimmt: Die Haare an den Sei­ten kurz geschoren, der Bartschatten dunkel wie mit Ruß gemalt, was wohl Verwegenheit ausdrücken soll. Sie lebten zuletzt in Erlensee. Im Schat­ten der Hochhäuser etablierte sich da eine kriminelle Subkultur: Eine etwa 20-köpfige Bande Jugendlicher über­nahm zeitweise den Kiez rund um die Wohn­blöcke an der Leipziger Straße und schüchterte die Bewohner ein. Die vier gehörten dazu. Junge Kerle mit Migrationshinter­grund und Ver­achtung für Recht und Gesetz. „Mehrfachintensivtäter“ heißt das korrekt.

Am 13. September 2015 fuhren Taher und Hasan nachts in Alis BMW zur Volksbankfiliale in Heldenbergen. Sie wollten den Geldautomaten mit einem Gasgemisch aufsprengen. Der Wagen hatte geklaute Kennzeichen. Dumm nur: Über die Umweltplakette ließ sich der Halter leicht ermitteln. Wie gesagt: Große Leuchten sind sie nicht. Mühsam bohrten sie ein winziges Loch für den Gasschlauch in die Stahlverkleidung. Dann ging die Alarmanlage los. Eilige Flucht – zu Fuß, weil Taher den direkt am Tatort geparkten BMW nicht mehr in Gang kriegte. Und auch das noch: Unterwegs warfen sie Jacke, Baseball­kappe und Handschuhe, mit denen sie auf dem Video der Überwachungska­mera gut zu erkennen sind, ins Ge­büsch und auf ein Dach. Ihre DNA ist dran. Jesses, was für Tölpel …

Oder die Sache am Hanauer Haupt­bahnhof: Über ein Dach und durch ein unverschlossenes Fenster waren Ali und Hasan ins Hansa-Haus einge­drungen, morgens gegen vier. Sie bre­chen eine Bürotür auf, durchwühlen die Behältnisse, scheiterten aber an der Kasse, die sich mit dem Messer, das sie in der Küche fanden, nicht knacken lässt. Als die Putztruppe ge­gen Morgen anrückt, suchen die bei­den das Weite – ohne einen Cent er­beutet zu haben.

Es sind dilettantische, bereits im An­satz zum Scheitern verurteilte Versu­che krimineller Kleinkunst. Auch ent­behren sie nicht einer gewissen, an die Abenteuer der Olsenbande angelehn­ten Komik, etwa, wenn sich Taher im örtlichen Baumarkt nach einschlägi­gem Zubehör erkundigt – Acetylen- und Sauerstoffflaschen sowie ein Gummischlauch –, worauf der miss­trauisch gewordene Verkäufer die Po­lizei informiert. Dass Taher, der die falsche Gasflasche gekauft hat, beim Umtausch auch noch Alis echte Ad­resse angibt, rückt das Ganovenstück in die Nähe des Komödienstadels. In Alis Schrank wird die Kripo allerhand Chemikalien finden. Er wohnt noch brav bei den Eltern. Er hat einen klei­nen Job in einer Restaurantkette. Von nun an hören die Fahnder alle  Mo­biltelefonate der Verdächtigen ab.

Am 4. November 2015 brechen sie des nachts zu ihrem letzten Coup auf. Sie wollen die beiden Fahrkartenauto­maten am Rodenbacher Bahnhof in die Luft jagen. Sie rechnen mit viel Geld. Die Polizei ist ihnen aber auf der Spur. Im Audi, der Hasans Familie gehört, fahren sie zu einem Schuppen, in dem sie ihr Tatwerkzeug aufbewah­ren. Dort füllen sie auch das hochex­plosive Gasgemisch in Mülltüten ab. Eine brisante Fracht, mit der sie sich dann auf den Weg machen. Es wären vier Kilometer gewesen bis zum Bahnhof. Sie haben den Oktay dabei. Er trägt einen Vollbart, ist 20 und sagt nun, eigentlich habe er gar nicht mit­machen wollen. Und auch nicht gewusst, um was es ging. Unterwegs stellen sie fest, dass keiner ein Feuer­zeug dabei hat. Zu dumm – oder bes­ser: Zum Glück … Die Polizei macht dem Spuk ein Ende, nimmt sie fest.

Nachtrag: Im September 2015 sprengten unbekannte Täter einen Geldautomaten an der Frankfurter Borsig­allee. Zeugen berichteten von einem lauten Knall und einer Limou­sine, die mit hoher Geschwindigkeit in Richtung A 66 davon jagte. Sie war schwarz wie Alis BMW. Es könnten die Panzerknacker von Erlensee gewesen sein. Was noch dafür spricht: Obwohl der Sachscha­den mehrere Zehntausend Euro be­trug, machten sie so gut wie keine Beute.