Heißes Eisen unterm Holz

„Der Wald legt das Lauschen nahe“ (Hermann Hesse), bisweilen aber auch das Suchen: An einem Holzstapel deponierte Lutz H. für Errol die Tatwaffe. Foto: Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU. An einem Apriltag des Jahres 2016 stecken zwei Män­ner im Gastraum der Shell-Tankstelle von Gmünd in Kärnten, Untere Vorstadt 27, die Köpfe zusam­men. Sie wollen ei­nen missliebigen Halbwelt-Konkur­renten, den „Frank­furter“ genannt, aus dem Weg räumen, indem sie ihm eine Schusswaffe unterjubeln, mit der ein Mord begangen wurde. Spiritus rector des phantastischen Plans ist VE Errol, ein BKA-Fahnder mit der Legende eines Kleinkriminellen. Der an­dere am Tisch: Lutz H., verdächtig, zweieinhalb Jahre zuvor seinen Schwager Jürgen Volke erschos­sen zu haben.

Der „Frankfurter“ ist ein von VE Errol er­fundens Phantom, das Schießeisen echt und „heiß“: eine FN Browning Kal. 7.65. Lutz H. liefert sie prompt am folgenden Tag, nicht ohne seinem vermeintlichen „Freund“ Errol vorher noch eine rigoro­sere Variante vorgeschlagen zu haben: „Er war ursprünglich dafür, den ,Frank­furter‘ einfach umzulegen“, erin­nert sich der VE jetzt im Zeugenstand.

Lutz H. – der Mann für finale Lösun­gen? Tatsächlich wird der Angeklagte an diesem 27. Verhandlungstag zum ersten Mal erheblich belastet. War die Zeugenaussage des Verdeckten Ermitt­lers bisher allenfalls ein kurioses Ge­misch aus Mutmaßen und Aufbauschen, gerät Lutz H. nun­mehr ins direkte Um­feld der Tat. Der hatte zwar VE Errol gegenüber stets behauptet, die ge­wünschte, als „Partywaffe“ bezeichnete Pistole erst noch be­sorgen zu müssen, und zwar bei „demjenigen“ (bisweilen sei auch von „denjenigen“, also Plural, die Rede ge­wesen), der das Verbrechen in der Gallienstraße seinerzeit verübt habe. Er selbst betätige sich dabei nur als „Vermittler“. Sie sollte 30.000 Euro kosten. Errol hat nur 5.000 dabei. „Ich lege den Rest vor“, habe Lutz H. groß­zügig erklärt. Frage von Staats­anwalt Pleuser: „Unternahm der Angeklagte in der Folgezeit eine längere Reise?“ VE Errol: „Davon habe ich nichts bemerkt.“ Verdacht: Die Mordwaffe befand sich zu diesem Zeit­punkt bereits im Besitz von Lutz H. – oder noch immer seit der Mordnacht, dem 7. September 2013.

Und welche Rolle spielt der mysteriöse Zettel, auf dem Lutz H. in krakeligen Buchstaben „HU, Galien­straße“ notiert hatte? Wohlgemerkt: Gallienstraße mit nur einem l. Errol sollte neben der Waffe da­mit zu­sätzlich einen entsprechenden Hinweis beim „Frankfurter“ deponie­ren, um die Polizei quasi mit der Nase auf den Mordfall Volke zu stoßen. Frage von Richter Graßmück: „Stammt die Notiz wirklich von dem Angeklag­ten? Es ist nämlich nicht seine Hand­schrift.“ Der Zeuge: „Definitiv. Er schrieb sie direkt auf dem Holztisch, ohne Unterlage.“ Graßmück: „Der Name Gallienstra­ße steht hier aber falsch …“ Möglicher­weise, sagt Errol, sei das ja Absicht gewesen.

18. April 2016. Der nächste Tag. 13 Uhr. Die beiden Männer sitzen diesmal im Gast­hof Alte Post. Errol entrichtet die An­zahlung. Auf der gemeinsamen Herfahrt waren sie an einem Holzstapel neben der Landstraße Eisentratten – Gmünd vorbeigekommen. Ein prima Versteck, um die Waffe für Errol zu de­po­nieren, entschied Lutz H. spontan. Hatte er sie zu diesem Zeitpunkt, es ist kurz vor ein Uhr, vielleicht schon da­bei? Oder be­auftragte er nach der Geld­übergabe un­bemerkt von der Alten Post aus je­manden, sie dort versteckte? Möglich wäre es: Einmal verließ er das Lokal für zehn Minuten, um im Laden gegenüber Ein­käufe zu erledigen. Und seit wann befand sich die FN Browning überhaupt in seinem Besitz? Schon vor den Todes­schüssen in der Gallien­stra­ße? Und wenn ja: Wem stellte er sie, war er’s denn wirklich nicht selbst, für den Mord zur Ver­fü­gung?

Die Gespräche werden über ein verstecktes Mikro mitgeschnitten. Es ist jetzt 13.38 Uhr. Banu D. betritt mit ihrer Tochter Asena die Gaststube. Nur noch belangloses Geplauder. Kein Wort mehr über den Waffendeal. Er habe Banu D. da­rüber nicht informiert, wird Lutz H. später sagen. Es sei „nicht ihre Party“. Männersache eben. Die drei Erwachsenen und das Mädchen verlas­sen um 14.52 Uhr gemeinsam das Lokal. Errol wartet verabredungsgemäß fünfzehn Minuten, ehe er zu dem Holzstapel aufbricht, wo er die Pistole tatsächlich findet, ver­packt in einer Plastiktüte mit Zippver­schluss. Dabei wird er von Lutz H. heimlich beobachtet.

Der kürzeste Weg von der Alten Post zu dem Versteck beträgt acht Kilometer. Fahrzeit: mindestens zwölf Minuten. Un­möglich, dass Lutz H. zwischenzeitlich die Waffe besorgt, zum Holzstapel rast, sie hier deponiert und sich dann selbst auf die Lauer legt. Ein Arsenal mit illegalen Waffen des Lutz H. wird später bei dessen Nachbarn Willi B. gefunden. Befand sich die FN Browning auch darunter? Noch am selben Abend übergibt Errol sie seinem Vorgesetzten vom BKA. Kurz darauf steht fest: Es ist tatsächlich die Mordwaffe.

Bei einem späteren, dem vorletzten Treffen der beiden Männer, diesmal im Restaurant Kohlmayr’s (Gmünds Gastgewerbe bietet eine Menge Mög­lichkeiten für konspirative Verabredun­gen), rückt Lutz H. mit einem verblüf­fenden Detail heraus: Beim Volkemord seien in Wirklichkeit fünf Schüsse ge­fallen. Das habe „man“ ihm gesagt. Wer ist „man“? Der Mörder? Jedenfalls  widerspricht diese Version den offiziellen Polizeier­mittlungen.

Errol mimt Skepsis, um Genaueres zu erfahren. Sein Gegenüber bleibt vage.  „Ich war zwar nicht persönlich dabei, aber instrumen­tativ beteiligt!“ Ein seltsames Adjektiv in diesem Zusammenhang. Lutz H. präzisiert: Er habe Fluchtwege bezeichnet, Standorte von Kameras und so fort. Er  „schwört“ sogar, nicht der Schütze gewesen zu sein: „Wenn ich es gewesen wäre, hätte ich es professioneller gemacht.“

Sie verabre­den, vorsichtshalber ihren Kontakt künftig einzuschrän­ken, vor allem per Mobiltelefon. Ein Treffen aber soll es noch geben. Alle vier in der Alten Post. Lutz H., Banu D., Er­rol und dessen Kollegin Ayse. Termin: der 10. Mai 2016, ein Dienstag. Das Einsatz­kommando Cobra der österreichischen Polizei wartet bereits. Kurz nachdem das VE-Paar den Gast­raum unter einem Vorwand verlassen hat, schlägt es zu.