Heilende Hände, schlimmer Finger?

Können Kinderaugen lügen? Und Tagebücher? Puerile Schaufensterpuppe aus Gips mit Gebrauchs-spuren, 20-er Jahre, farbig gefasst und bemalt. ©Raritäten-Shop, Wien

Von Dieter A. Graber

HANAU. Ob Herr G. das Mädchen Ste­fanie vergewaltigt hat, das wissen nur Herr G. und Stefanie selbst. Der Fall hinter dem Aktenzeichen 2 KLs 1136 Js 18376/16 ist aber auch eine vertrackte Ge­schichte. Sie handelt von übergroßer Hilfsbereitschaft, von enttäuschter Liebe und den bösen Dingen, die ein Mann einem jungen Mädchen antun kann. Stefanie ist zwölf, Herr G. ei­nundsechzig.

Eines Tages, es ist nun gut vier Jahre her, konsultierten Stefanie, die in Wirklich­keit anders heißt, und ihre Mutter den Herrn G., einen Physio­therapeuten. Nein, nicht irgendein Krankengymnast. Es gibt Leute, die Herrn G. nahezu Wunderkräfte nachsagen. Ein Mann mit heilenden Händen. Einer, der sich Zeit nimmt für seine Patienten, der nicht nur die Malaisen des Körpers behandelt, son­dern auch in die Seele schaut. Die Seelen von Stefanie und ihrer Mutter waren sehr verletzt damals, und das ist vielleicht der Grund, warum Herr G. heute auf der Anklagebank des Ha­nauer Landgerichts sitzt, Jugendstraf­kammer, Saal 215.

Es sind schmale, fast zierliche Hände. Wenn er spricht, voller Pathos, stellenweise aber auch an der Grenze zur Wei­nerlichkeit, bewegt er sie entschlossen wie ein Feldherr, der auf dem Mess­tischblatt seine Truppen ordnet. Und manchmal wie ein Prediger, den Zeigefinger mahnend zum Himmel er­hoben, wobei er beschwörend ausruft: „So wahr mir Gott helfe!“ Oder: „Gott ist mein Zeuge!“ Der Angeklagte, so trägt es Staatsanwalt Hubertus Pfeifer vor, habe Stefanie gegen ihren Willen geküsst, sie unter dem Slip gestrei­chelt und einmal auch vergewaltigt. Auf einem Tisch soll das passiert sein. In seiner Praxis im Hanauer Nordwes­ten. Herr G. sagt: „Ich bin fassungslos. Nichts davon ist wahr!“

Er erzählt sein Leben. Als er in den 80-ern aus Dakar nach Deutschland kam, war er schon wer: ehemaliger Zehn­kämpfer, Diplomsportlehrer, Trainer der senegalesischen Leichtathletik-Na­tionalmannschaft. Noch heute sieht man ihm den Leistungssportler an. Drahtig ist der schmale, schlanke Leib, an dem es kein Gramm Fett zu viel gibt. Rasch lernte er Deutsch am Goe­theinstitut, diszipliniert absolvierte er seine Ausbildung; da wurde kein Tag vertrödelt, und bald schon leitete er eine große Reha-Einrichtung in Essen, dozierte er an der Sporthochschule in Köln. Eine Bilderbuchkarriere. Und im Herbst 2015 eröffnete er eine große eigene Praxis. Sein Traum. 400 Quad­ratmeter, vier große Behandlungska­binen, Trainingsbereich mit Geräten, Empfangsraum, Wartezimmer. Schon bald kamen die Patienten zuhauf. Sein Monatsumsatz kletterte auf bis zu 12.000 Euro. Der erfolgreiche Thera­peut und Stefanies Mutter, dreißig Jahre jünger als er, waren inzwischen ein Paar geworden und hatten weite­ren Zuwachs bekommen. Ein Mäd­chen, heute zwei.

Aber das war nur die äußere Welt des Vorzeigemigranten von der Cap-Vert-Halbinsel am Atlantik, so, wie sie die Pati­enten sahen, die Bekannten, die Ärzte, welche ihm immer mehr Patienten schickten. Die in­nere war trostlos, voller Streit, Zwei­fel, Enttäuschungen. Herr G. hatte seinen Traum mit gepumptem Geld verwirklicht. Ein alter Schuldenberg drückte obendrein. Er besaß keine Wohnung mehr, keine Möbel, lebte mit Frau und Kindern in der Praxis. Er arbeitete dreizehn Stunden täglich. Und jeder stritt mit jedem: seine  pubertierende „Stief­tochter“ mit der Mutter, die und das Mädchen mit ihm. Nachts habe Stefanie heimlich mit ihrem leiblichen Vater telefoniert. Das verletzte Herrn G., der sagt: „Ich hatte mich doch immer nach einer richtigen Familie gesehnt.“ Traurig klingt das, sehr traurig.

Vielleicht war schon der Beginn dieser Beziehung ein einziges Verhängnis. Stefanies Mutter wurde als junges Mädchen selbst missbraucht, sie hatte eine gescheiterte Ehe hinter sich, kam aber von ihrem Ex nicht so recht los, eine zerrissene junge Frau, ohne Arbeit und auch ohne die rechte Lust dazu, verzweifelt auf der Suche nach einem bisschen Glück. Sie habe ihm ihr Schicksal offenbart, damals, als sie noch seine Patientin war. Das ganze Dilemma. Ja, es sei Mitleid gewesen, räumt Herr G. ein, zumindest am An­fang. „Ich wollte dafür sorgen, dass diese beiden Menschen ein erfülltes Leben führen können.“ Später sei Liebe da­raus geworden. obwohl … Tja, eigent­lich wollte er ja nicht darüber reden, aber wo es doch jetzt um so viel geht! „Immer wieder hat sie mich betrogen. Mit unzähligen Männern. Selbst, als sie schon schwanger war von mir …“ Aber trotz allem: Er liebe sie noch immer! Das kommt jetzt trotzig rüber. Liebe? Zweifelnd sagt Richterin Susanne Wetzel: „Ich glaube eher, dass Sie ein Helfer­syndrom haben.“ Herr G. nickt. Ja, so wird es wohl sein.

Stefanie ist ein dunkelhaariges Mädchen mit vollem Gesicht und großen, lebhaften Augen, etwas pummelig, wie Mädchen in dem Alter häufig sind, und reif weit über ihre Lebensjahre hinaus. Sie hat den angeblichen Missbrauch zu Papier gebracht. Ein Tagebuch oder etwas in der Art. Wahrheit oder Erfindung eines adoleszierenden Mädchens? „Sie hat zu Hause oft über Sex gesprochen“, sagt der Angeklagte. „Sie hatte auch schon einen Freund. Sie wollte zu ihm. Ich habe ihr das verboten …“

Hinten im Saal sitzt das Ehepaar P. aus Hanau. Herr P. war Patient des Angeklagten nach einer komplizierten Sprunggelenks-OP.  Heute kann er wieder gut laufen. „Hervorragende Arbeit!“ lobt er. Nein, auf diesen Therapeuten lässt er nichts kommen. Herr P. besuchte ihn sogar in der Untersuchungshaft. „Aber“, sagt er auch, „in einen Menschen hineinsehen kann man natürlich nicht …“