Herr G. ist dann mal weg

Die Einsamkeit des Fotografen beim Warten auf die Angeklagten. Und jetzt ist im Volkemordprozess auch noch der wichtigste Zeuge von der Fahne gegangen. Aber irgendwann neigt sich auch die umfassendste Beweisaufnahme ihrem Ende zu. Diese hier im Januar. Vielleicht ... ©D. Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU. Herr G. hat die Schnauze voll. „Ich kann es mir nicht leisten, hier noch mehr Zeit und Geld zu investieren“, sagt er grä­tig. Schon vier Mal wurde er im Volkemordprozess als Zeuge be­fragt. Jetzt mag er nimmer: „Ich mache Gebrauch von mei­nem Aussagever­weigerungs­recht!“

Nun wird’s ein wenig kompli­ziert, nicht nur für juristische Laien, sondern auch für die 1. Große Strafkammer, die beraten muss, wie weiter zu ver­fahren sei. Apropos: „Ver­fah­ren“ ist das treffende Adjektiv für diese Situ­ation. Aber der Reihe nach …

Cengiz G. gilt als der wichtigste Entlastungszeuge für Banu D.; in der Tatnacht will er mit ihr im Restaurant Harput und anschlie­ßend in der Zurna Bar gewesen sein. Es gibt daran, man muss es so sagen, wenig Zweifel. Es liegt mehr als vier Jahre zurück. In Details mag er sich irren. Gleich­wohl sind seine Angaben schlüs­sig. Die Polizei hat es da­mals versäumt, das Alibi von Banu D. zu überprüfen. Entspre­chende Bemühungen waren, höf­lich aus­gedrückt, halbherzig. „Wir sind mal am Harput vorbei­gefahren“, erinnert sich Ober­kommissarin A., 27, „um zu se­hen, ob es das Lokal wirklich gibt.“ Richter Graßmück fragt: „Und die Zurna Bar?“ – „Hatte geschlossen, als wir dort waren“, sagt die Beam­tin kleinlaut. Nun, die Arbeit der Polizei ist eine Ge­schichte für sich. Davon später mehr.

Für Staatsanwalt Mathias Pleuser steht fest, dass Cengiz G. in jener Nacht mit Banu D. in Hanau war, wo sie Jürgen Volke erschossen habe. Eine mutige Theorie. Man muss dazu wissen, dass es sich dabei eher um eine Verlegen­heitslösung handelt. Schon kurz nach Eröffnung des Verfahrens, zunächst gegen Lutz H. als allei­nigen Angeklagten, wurde die dürftige Beweislage deutlich. Zwar hatte Lutz H. dem Ver­deckten Ermittler Errol die Tat­waffe verkauft – aber mehr ge­richtstaugliches Belastungsmate­rial liegt nicht vor. In einer Nacht- und Nebelaktion schrieb Pleuser daraufhin eine neue An­klage – diesmal mit Banu D., der Ge­liebten, in der Hauptrolle. Dumm nur, dass sie bis dahin als Verdäch­tige gar nicht in Erschei­nung getreten und ihr Alibi nicht weiter über­prüft worden war. Mit abgehör­ten Telefonaten versucht die An­klage seither, ihre These zu stüt­zen.

Problem: Cengiz G. ist folglich nicht nur Zeuge, sondern auch der Beihilfe verdächtig. Ihm steht ein Aussageverweigerungsrecht zu. Er erklärt jetzt: „Ich bleibe bei meiner bisherigen Aussage. Wir waren zur Tatzeit nicht in Hanau. Mehr sage ich nicht.“ Aber darf er das? Schließlich ist Paragraph 55 StPO kein Notaus­gang für unlustige Zeugen. Eine knifflige Rechtsfrage. Die Kam­mer zieht sich zurück. Sie berät über eine Stunde lang. Dann: Nein, er muss aussagen. Herr G. schiebt nach: Er befürchte, dass man ihm seine „wahrheitsgemä­ßen“ Angaben nicht glaube, sie gegen ihn verwenden könnte. Neue Beratung. Neues Ergebnis: Cengiz G. wird endgültig aus dem Zeugen­stand entlassen. Es bleiben noch viele Fragen offen.

Das juristische Scharmützel zeigt, wie kompliziert der Fall Volke inzwischen geworden ist. Längst hat sich der Prozess auf Nebenkriegsschauplätze verla­gert. Ein Beispiel ist die Ge­schichte mit der „Arschkarte“ und wer sie gezogen habe …

Ältere Fußballfreunde wissen, dass dieser Terminus aus jener Zeit stammt, als das Fernsehen noch schwarz-weiß war und des­halb der Schiri die rote Karte in der Gesäßtasche mit sich trug. Sein Griff nach rückwärts zeigte an: Schluss mit lustig – Platz­verweis. Diesen inzwischen vom Volksmund okkupierten Begriff soll die Hanauer Kommissarin Judith J. gegenüber Cengiz G. gebraucht haben. Der glaubte sich daran noch gut erinnern zu können. Frau J. aber war zur fraglichen Zeit gar nicht im Dienst. Ihre Kollegin Katharina A. soll damals die Verneh­mung durchgeführt und das Na­vigati­onsgerät des Zeugen abfo­togra­fiert haben. Die Kammer will das aufklären. Frau A. weist das Zitat aus der Welt des runden Leders von sich. Nicht ihr Stil. Und vom Navi weiß sie nichts. Ist der Zeuge deshalb unglaub­würdig?

Es stellt sich heraus, dass es Tage vor der Vernehmung von Kommissarin A. einen „Informa­tionsaustausch“ mit ihren Kolle­gen im K 11 gab. Verteidiger Axel Küster mutmaßt eine Ab­sprache. Schließlich soll ein Zeuge unvor­eingenommen aus seiner Erinne­rung berichten. So manches ist anrüchig in dieser Geschichte. Irgendeinem wird die „Arsch­karte“ gezeigt werden. Am Ende. Nächstes Jahr. Im Ja­nuar will das Gericht eine Ent­scheidung verkünden.