Herr H. und das Tirolia-Mysterium

Das Schlagen im Walde: Es braucht nicht zwingend einen Paukboden, um eine Mensur auszutragen, dereinst geschah dies auch im Freien, wie Gustav Adolf Karl Closs auf seinem Ölgemälde (1890) zeigt. Wo Lutz H. als Paukant gefochten hat, wir wissen es nicht …

Von Dieter A. Graber

HANAU. Banu D. hat es nun in der Hand, das Gericht von ih­rer Unschuld zu überzeugen. Ihre Aussage könnte die Wen­demarke im Volkemordverfahren sein. Aber es kommt nicht nur darauf an, was sie sagt, son­dern auch, wie: Um Au­thentizität geht es, um Glaub­würdigkeit.

Damit konnte Lutz H. nicht punkten. Zu viel passt nicht zu den Tatsachen, wie sie die 1. Große Strafkammer in dieser aufwendigen Beweis­aufnahme eruiert hat. Beispiel: Einen Teil seiner umfangreichen Waffen­sammlung hatte Lutz H. bei sei­nem Nachbarn Wilhelm B. ver­wahrt – in dessen Kleider­schrank: Eine Flinte, eine Jagd­waffe von Heckler & Koch, wo­möglich auch die FN Browning, mit der zweieinhalb Jahre zuvor Jürgen Volke ermordet worden war. Das legt zumindest ein Protokoll des Verdeckten Er­mittlers vom 20. März 2016 nahe. Darin heißt es: Lutz fragt Banu, ob sie schon die Flinte ge­holt habe [die der VE kaufen wollte, d. Red.]. Sie: Die Flinte? Er: Nur die Flinte, alles andere nicht! Nun gibt Lutz H. an, gar nicht gewusst zu haben, welche ballistischen Ge­räte im Schlaf­zimmer seines Freundes Wilhelm B. deponiert waren. Er schiebt alles auf Banu D.: „Ich hatte gar keinen Schlüs­sel zu dem Schrank.“ In seiner via Internet geführten Verneh­mung vergan­genen November hatte Wilhelm B. jedoch ausge­sagt: „Der Lutz und die Banu ha­ben die Taschen gemeinsam in meinen Schrank gestellt.“ Über deren Inhalt könne er keine Angaben machen „Do hob i net eini g’schaut!“

Lutz H. stellt die Vorgänge, die zum Verkauf der Tatwaffe und letztlich zu seiner Festnahme führten,  so dar, als sei er von dem Verdeckten Ermittler nachgerade bedrängt worden, sich eine kriminelle Aura zuzule­gen. „Errol brachte das Gespräch immer wieder auf ille­gale Ma­chenschaften.“ Frau D. sei darauf eingegangen. „Sie trug dann di­cke auf.“ Das sei ihm unange­nehm gewesen. Er habe sie zu bremsen, der Unter­haltung eine andere Richtung ge­geben versucht. Und über­haupt: Diesen Errol – nein, den habe er eigent­lich gar nicht leiden können…

Ein Verführter also, das Opfer eines gewieften Agent Provo­cateur, dem er am Ende eine Waffe verkaufte, von deren Existenz er eigentlich nichts gewusst haben will, die er gleichwohl im Be­sitz seiner Lebensgefährtin wähnte – und die er einem tatsächlich begangenen Verbrechen zuordnen konnte. Hatte er dem VE doch versi­chert: „Damit ist einer erschossen worden, das schwör ich dir, ich weiß auch, wer!“ Nun flüchtet in ein nebulöses Erklärungs­modell: Während ihm die Welt um ihn herum bevölkert zu sein schien mit üblen Elementen, zu denen er Cengiz G. zählte, Errol und des­sen Widersacher, den ge­heimnis­vollen „Frankfurter“, und letzt­lich natürlich auch Banu D., die er frühzeitig im Verdacht hatte, etwas mit dem Mord zu tun zu haben, präsentiert er sich selbst als Gentleman reinsten Wassers. Es sei sein Ziel gewe­sen, Banu D. „aus der Sache her­aus zu hal­ten. Deshalb tat ich so, als hätte ich die Waffe selbst hinter dem Holzstapel depo­niert“.

Seine Abneigung gegen Errol kann indes so groß nicht gewesen sein. Als „Freundschaftsbeweis“ schenkte er dem Verdeckten Er­mittler, der über Monate hinweg ein Vertrauensverhältnis zu ihm aufgebaut hatte, schließlich sogar eine Fechtwaffe aus seiner an­geblichen Zeit in einer schlagen­den Verbindung. So viel Ver­bundenheit war selbst dem BKA-Fahnder nicht ganz geheuer, der sich fragte, wie er das sperrige Ding in seinem Auto über die Grenze transportieren sollte.

Nunmehr räumt Lutz H. ein, kein Abitur und infolgedessen auch nicht Medizin studiert zu haben. Wie er es dann aber zum Mit­glied in der AKV Tirolia Inns­bruck habe bringen können, einer Akademischen katholischen Stu­dentenverbindung, wird er ge­fragt. „Als Gasthörer“, antwortet er. Fraglich, ob das der Wahrheit entspricht. Lutz H. ist nicht ka­tholisch. Laut ihrem Prinzip „re­ligio“ müssen sich Tirolia-Mit­glieder jedoch zum katholischen Glauben bekennen. Und seine großen Mensuren dürfte Lutz H. – wenn überhaupt – auch woan­ders ausgefochten haben. Die Tirolia legt Wert darauf, eine „nicht­schlagende Studen­tenverbin­dung“ zu sein.