Herr Kommissar, ich weiß was

Wenn kleine Ganoven eine große Geschichte anzubieten haben, könnte auch ein billiger Trick dahinter stecken. Szene aus „The Big Sleep“ mit Elisha Cook und Humphrey Bogart (©Warner)

Von Dieter A. Graber

HANAU. Es war im April ver­gangenen Jahres, und zwar in der JVA Nürnberg. Patric, 31, saß mal wieder ein. Diesmal ging es um Schwindelgeschäfte mit Mo­bil­telefonen; es war nicht seine erste Knasterfahrung. Der ge­lernte Koch gilt als notorischer Betrüger. Unter Aufsicht von Kommissar Josef S. durfte er an diesem Tag überwachten Besuch empfangen – seine Lebensge­fährtin Melissa war gekommen. Am Ende der harmlosen Plauderstunde hatte das Paar dann eine Überraschung für den bis dahin eher gelang­weilt mithörenden Kriminalbe­amten parat: Sie wollten Anga­ben zu einem noch unaufgeklär­ten Raub machen, der drei Jahre zuvor in Hanau verübt worden war. Der Täter sei Inan Ö. gewe­sen, Melissas Ex. Er habe sich vor ihr damit gebrüstet, die wohlha­bende Unternehmerwitwe An­nemarie W. am hell­lichten Tag in ihrer Wohnung mit einer Schusswaffe überfallen zu haben.

Patric hat heute seinen Auftritt als Zeuge in Saal 216 des Land­gerichts. Er ist ein eher unter­setzter Mann im schwarzen Ka­puzenpulli, das schüttere Haar raspelkurz, gefängnisblass das Gesicht. Man kann sagen, dass er die Ermittlungen  gegen Inan Ö., die Anklage, überhaupt den gan­zen Prozess erst ins Rollen brachte. Im Duktus des Racheen­gels sagt er: „Es darf doch nicht sein, dass so einer“ – und dabei blickt er abschätzig zum Ange­klagten hinüber – „un­geschoren davon kommt!“ Er sagt aber auch: „Für alles, was er meiner Lebensgefährtin angetan hat, soll er seine Strafe kriegen.“ Es ist eben dies, was seine Ge­schichte ein wenig unglaub­wür­dig macht. Denn im Mittel­punkt steht ein Kind, ein Mäd­chen, vier Jahre heute, Melissas und Inans gemeinsame Tochter, die aber inzwi­schen „Papa“ zu Patric sagt. Um sie ist ein Kampf entbrannt. Er wird seit Jahren vor dem Fa­mi­liengericht ausgetragen mit ei­ner Verbissenheit, die auf Hass gründet und deren Ziel die Mittel zu hei­ligen scheint, nämlich den leibli­chen Vater, also Inan, vom Um­gangsrecht auszuschließen.

Bisher ist Melissa damit ge­scheitert. Inan darf seine Tochter sehen. Er beklagt aber, Melissa hetze die Kleine gegen ihn auf­: „,Der Mann ist böse!‘ sagt sie zu ihr.“ Im juristischen Hickhack hat die streitbare Mut­ter schon mehrere Anwältinnen „verschlis­sen“, einen Familien­richter ab­gelehnt und eine Nie­derlage kas­siert mit ihrem Antrag auf ein Annäherungsverbot.

Andreas Weiß, Vorsitzender der 5. Großen Strafkammer, sagt denn auch: „Es steht im Raum, dass die Ge­schichte dazu dienen sollte, das Umgangsrecht des Vaters zu un­terbinden.“ Dazu passt, dass Me­lissa ihr Wissen immerhin drei Jahre für sich behielt. „Aus Angst vor ihrem gewalttätigen Ex“, beteuert Patric. Aber warum brach sie ihr Schweigen dann ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als ihr neuer Lebenspartner ins Gefängnis musste? Inans Verteidi­gerin, die Frankfurter Strafrecht­lerin Gabriele Daube, meint: „Möglicherweise spekulierte er ja auf Haft­verschonung.“

Nein, solche „Verdächtigungen“ will sich der Zeuge nicht bieten lassen. Und die Fragen der Verteidigerin nach seinen Vor­strafen ... „Muss ich die überhaupt beant­worten?“ Manche ja, an­dere nicht, sagt Richter Weiß. Die meisten aber schon. Es gibt auch ein Verfahren gegen Patric wegen Falschaussage. „Das ist eingestellt“, sagt er pat­zig. „Nur vorläufig“, kontert Daube.

Und dann bricht die ganze in Jahren aufgestaute Wut aus ihm her­aus: „Ich kümmerte mich um die Kleine, wenn sie krank war, ich arbeitete, damit sie Pampers hatte. Ich! Und nicht der Erzeuger!“ Auf das Gesicht des Angeklagten hat sich ein triumphierendes Grinsen geschlichen …

Doch egal, wie der Prozess gegen Inan Ö. auch ausgehen mag, das Kind wird seinen neuen „Papa“ in nächster Zeit nur auf dem Schoss der Mutter im Besucher­zimmer der Vollzugsanstalt sehen können: Patric ist wegen Betrugs zu zwei Jahren und drei Monaten verur­teilt worden. Er verbüßt seine Strafe  jetzt in Dieburg.