Herrenpartie ins Rotlichtviertel

Auf der Spur des Bösen: Die Kunst des Schnüffelns hat eine lange Tradition; sie führt in die Welt der Verbrecher und ihrer Gangsterliebchen und regte schon immer unsere Phantasie an. ©Airship27 Productions

Von Dieter A. Graber

HANAU. Errol trägt ein rotes Shirt und eine Strickmütze. Sein Gesicht zeichnet sich wie ein heller Fleck hinter einer halbtranspa­renten Plas­tikfolie ab. Errol sitzt in einem 30 Quadratmeter gro­ßen Büro des Bun­deskriminalamtes in Wiesbaden und erzählt über seine erschlichene Freundschaft mit Lutz H. und Banu D.: „Ich habe damals eine Person dar­gestellt.“ Es war die Person eines halbseidenen, vorbestraften Ge­schäftsmanns mit Wohnsitz an der Costa del Sol und Interesse am Weid­werk. Errol ist BKA-Fahnder, Ver­deckter Ermittler und als solcher auch Schauspieler. Ein guter, das muss man ihm lassen. Schon beim zweiten Treffen hatte er das Vertrauen von Lutz H. gewonnen, und zwölf Monate nach Beginn seiner Mission war er am Ziel: Der des Mordes verdächtige Un­ternehmersohn aus Hanau verkaufte ihm ver­trauensselig die FN Browning, mit der sein Schwager Jürgen Volke erschos­sen worden war.

Dabei hatte das Engagement des VE Errol zunächst mit einer kleinen Ne­benrolle begonnen: Eigent­lich sollte er nur als Begleiter einer österreichi­schen Kollegin (Tarnname: Ayse) „le­gendenunterstützend“, so die BKA-interne Bezeichnung, auftreten. Ayse hatte zuvor im idyllischen Kärntner Dörfchen Eisentratten, dem Wohnort von Lutz H., Kontakt mit dessen Le­bensgefährtin Banu D. aufgenommen – über die Verkaufsplattform E-Bay. „Ich ging davon aus“, so der als Zeuge anonym der Verhandlung in Saal 215 zugeschaltete Fahnder, „in ein paar Tagen wäre der Job erledigt.“ Aber dann wurde aus dem Kurzein­satz eine regelrechte „Männerfreundschaft“.

Einmal reisten die beiden „Kumpels“ nach Slowenien zur feuchtfröhlichen Herrenpartie einschließlich Ballerei am Schießstand und einem Abstecher ins Rotlichtviertel. Die Rechnungen beglich großzügig Errol aus der Spe­senkasse, der es sich auch nicht neh­men ließ, Banu D. zu ihrem Geburts­tag in ein Fünf-Sterne-Restaurant auszuführen oder mal ei­nen Hummer, Wodka oder Wein zu spen­dieren. Er­mittlungen dieser Art gehen nicht nur ins Geld, sondern bisweilen auch an die Gesundheit: Nach dem Besuch ei­nes Nachtclubs, so räumte Errol, ein Mann vom Typ Bo­dybuilder, jetzt kleinlaut ein, habe er sich ob des exzessiv genosse­nen Alkohols über­geben müssen. Der hagere Lutz H. hingegen vertrug folgenlos einen gehörigen Stiefel.

Abends, nach getaner Spitzelarbeit, schrieb Errol auf seinem Hotelzimmer im nahegelegenen Wellnesshotel Lam­prechthof noch seitenlange Einsatzbe­richte, in denen er penibel Beobach­tungen und die dem Paar geschickt entlockten Äu­ßerungen aufführte, „bis hin zur Zahl der Toastbrotscheiben, die morgens zum Früh­stück gereicht worden waren“, so Verteidiger And­reas von Dahlen. „Ein kolossales Erinnerungsvermögen“, konstatiert der Anwalt ironisch. Und neben­bei lieferte der VE auch noch Einbli­cke in die Psyche der Zielpersonen und ihre Beziehung, die, vorsichtig ausge­drückt, zumindest nicht lang­weilig war.

„Die Banu war extrem eifersüchtig. Einmal versuchte sie sogar, sich die Pulsadern aufzuschneiden, weil er ihr nicht deutlich genug gesagt hatte, dass er sie liebe.“ Aber was zunächst im Ton einer Tatsachenbehauptung da­her kommt, entpuppt sich dann doch als Informa­tion durch Hörensagen. Ehrlicher­weise erklärt Errol an einer Stelle sei­ner Vernehmung: „Sie hören hier nur meine Meinung. Aber ich bin kein Psychologe.“ Es werden die klei­neren und größeren Scharmützel ei­ner Be­ziehung gewesen sein, in die auch noch eine dritte Person invol­viert war: Silke, die Noch-Ehefrau des Lutz H., von der er bis heute nicht ge­schieden ist.

Geschickt hatte Errol die naive Red­seligkeit der Banu D. für seine Anbah­nungstaktik genutzt, zu einer Zeit, da Lutz H. zur Großwildjagd in Afrika weilte. Er beschreibt sie als „domi­nante Person“, eine Frau, die offenbar gern ein wenig aufschneidet, lebens­lustig ist, aber auch depressiv, Plap­permäulchen, gute Mutter – und waffenkundig: „Sie kannte sich  bes­tens aus mit Kalibern und Gewehren und konnte damit umgehen.“ Was al­lerdings auch kaum als Indiz gelten dürfte, bereitete sie sich doch seiner­zeit auf die Jägerprüfung vor. „Herr Lutz“, wie der Zeuge den Angeklagten heute mit einer Mischung aus be­mühter Förmlichkeit und Distanziert­heit nennt, sei ihr Lehrmeister gewe­sen: „Sie sagte, er habe ihr viel beige­bracht, über die Natur, die Tiere ...“ Ja, auch über das Erlegen, Aufbrechen, die Verarbeitung von Wildbret. Und über Waffen …

Und manches, was sich in Errols Er­innerungen spektakulär, so­gar marti­alisch anhört, dürfte bei ge­nauerem Hinsehen banaler Harmlo­sigkeit an­heimfallen. So die Geschichte von dem anrüchigen Ka­talog eines Ver­sandhandels, bei dem Lutz H. angeb­lich Waffen und Muni­tion in großem Stil geordert habe. In Wirklichkeit handelt es sich um einen Outdoor-Ausrüster, der  neben Feld­hosen in Flecktarn auch waffen­scheinfreie Luftgewehre und Softair-Pistolen vertreibt.

Wie er den Angeklagten einschätze, fragt Richter Peter Graßmück. Der Zeuge sagt: „Intelligent. Eine abgewichste Person, mit allen Wasser gewaschen.“ Nach Schilderung Errols isst Lutz H.  übrigens sein Steak gern blutig. Sehr blutig. Eigentlich roh. Na, wenn das kein Indiz ist!