Hinterm Vorhang wird gewienert

„Die Wirklichkeit ist eine Sense für Ideale“: Helmut Qualtinger (1928-1986), österreichischer Kabarettist und Schauspieler

Von Dieter A. Graber

HANAU. Herr K., der mit Vornamen Josef heißt, ist 60 Jahre alt und Chef der Verdeck­ten Ermittler beim öster­reichischen BKA. Der Herr K. verfügt über den lie­benswürdigen Charme ei­nes Helmut Qualtinger – d, h., ein wenig Schlitz­ohrigkeit, viel Jovialität sowie oan g‘sundn Schmäh – und ei­nen dazu passenden leicht melancho­lisch-lei­denden Ge­sichtsausdruck. Heute steht er, in den Saal 215 per Vi­deo­konferenz zuge­schaltet, Rede und Antwort als Zeuge. Es geht um ein deutsch-öster­reichi­sches Kriminal­stück, angesiedelt ir­gendwo zwischen Kaffeehaus-Klatsch und „Ge­schichten aus dem Wienerwald“.

Ort der Handlung ist ein einsames Dorf in den Bergen. Es heißt In­ner­nöring, liegt im Bundesland Kärnten und hat 67 Einwohner. Hier sagen sich Hirsch und Gams gute Nacht, der Wald steht schwarz und schweiget, gelegentlich tröpfelt ein Tourist durchs Revier, und Jörg Hai­der lebt fort in den Herzen der Ein­heimischen. Lutz H. und Banu D. wohnen in einem unscheinbaren Haus mit Talblick. Der „Herr Doktor“ und seine hübsche Partnerin mit ih­ren beiden wohl­erzo­genen Töchtern werden geschätzt in der Gegend. Heimatfilmidylle. Der Himmel ist blau und das Böse so fern.

Herr K. vom BKA Wien wird Ende 2014 von seinen deutschen Kollegen gebeten, den des Mordes an seinem Schwager verdächtigen Lutz H. be­spitzeln zu lassen. Es gibt da ein Rechtshilfeersuchen. Die Hanauer Staatsanwaltschaft hat beim Amtsge­richt einen entsprechenden Beschluss erwirkt. Herr K. setzt seine beste Ver­deckte Ermittlerin ein. Deckname: Ayse. Ihr Vorteil: Wie Banu D. hat sie türkische Wur­zeln. Über VE1, wie sie behördenin­tern paraphiert, bemerkt Herr K. jetzt: „Ich kann ihr nur beste Zeugnisse ausstel­len; sie war schon dreimal im Einsatz. Es gab im­mer Verurteilungen.“ Das sagt viel. Erfolg ist für Po­lizis­ten in erster Linie ein rechtskräftig abgeschlosse­ner Fall. Herr K. schiebt schnell nach: Natür­lich habe man auch eventuell Entlas­ten­des herausfinden wollen.

Herr K. schickt seine Wunder­waffe also in die Abgeschiedenheit des Kärntner Oberlandes. „Zielper­son“: Lutz H., Auftrag: ihm „exklu­sives Tä­terwissen“ zu entlocken. Un­ter dem Vorwand, bäuerliche Gegen­stände für die Einrichtung ihrer neuen Wohnung kaufen zu wollen, macht sie sich an Banu D. ran. Die beiden jungen Frauen schließen rasch Freundschaft. Dass Herr K. zumindest aktenmäßig auch Banu D. zur „Verdächtigen“ er­klärt, was sie offiziell zu diesem Zeit­punkt, also im Dezember 2014, aber nicht ist, ent­schuldigt er mit dem um­ständli­chen österreichischen Formu­larwe­sen. Na ja, irgendwie ist halt immer noch K.u.K.!

Nun also sitzt Ayse/VE1 hinter der semitransparenten Bauplane in ei­nem Wiesbadener BKA-Büro und er­innert sich. Sie hat eine helle, sympa­thische Stimme, in der das Wea­nerische als Grundmelodie amüsant mitschwingt. Banu D. und Lutz H. seien „sehr freundlich“ und „herzlich“ gewesen. Sie wird von ihnen mit den Dörflern bekannt gemacht, dem Gastwirt, den Nachbarn. Man ist sich „sofort sym­pathisch“. Man verabre­det Skitouren, Hüttenabende, geführ­te Wanderun­gen, und bald schon ver­traut Banu D. ihrer neuen ziemlich besten Freundin auch Intimeres an, pikante Einzel­heiten aus ihrer ge­scheiterten Ehe etwa. Schnell dürfte die Ermittlerin festgestellt haben, dass Banu D. ihre Vita bisweilen mit viel Phantasie aus­zugestalten liebt. Mal legt sie sich eine frühere Lauf­steg-Karriere zu, mal eine mit 30.000 Euro monatlich dotierte Tätigkeit als Medizinmanagerin. In Wirklichkeit arbeitet sie jedoch inzwi­schen als Ausschankhilfe im Gast­raum einer na­hegelegenen Tankstelle. Schmäh­tandler sagt man in Wien über einen, der die Wahrheit liebens­würdig ver­dreht: Der tuat scho wieda a Gschichtl druckn … Es sind kleine, nicht ernst gemeinte Schwin­deleien, fadenscheinige Versuche, etwas Auf­merksamkeit zu erhaschen, vielleicht Bewunderung, Akzeptanz an der Seite eines dominanten Part­ners. Denn Lutz H., so die Zeugin, sei der Typ des absoluten Patriarchen gewesen. „Er hörte sich gern reden und duldete keinen Wider­spruch.“ Vor allem aber war Lutz H. einer, der seine Lebens­lüge, nämlich Arzt zu sein, mit nahezu hochstaplerischer Perfektion pflegte. Dies vor dem Hintergrund eines Mordvorwurfs zu werten wird Auf­gabe der Kammer sein.

Zwölf Mal in sechs Monaten reiste Ayse/VE1 nach Kärnten. Akribisch no­tierte sie ihre Beobachtungen. Er­geb­nis: nichts! In den „Amtsvermer­ken“ sammeln sich Belanglosigkeiten, etwa Hinweise auf den Alkoholkon­sum des Pärchens (sie Rotwein, er lie­ber Hochprozentiges), ihre Rauch­ge­wohnheiten (völlig verqualmte Stube, in der sich auch die Kinder aufhiel­ten), den Zustand des Wohn­zim­mers (chaotisch) oder den Aus­tausch von Zärtlichkeiten (sie mehr, er weni­ger). Auch der gemeinsame Besuch eines „Wildererballs“ bringt den Durch­bruch nicht. Einzige Er­kenntnis: Lutz H. ist ein Tanz­muffel. Für eine Mord­er­mittlung etwas ma­ger …

Zu allem Überfluss – so scheint es zumindest, auch wenn es von Josef K. und seiner VE in ihren Zeugenbefra­gungen nicht bestätigt wird –, dürfte Ayse in eine Sinnkrise geraten sein. Wie lange lässt sich eine Tarnung auf­recht erhalten, wenn man den Ziel­personen menschlich so nahe kommt? Der Konflikt zwischen Pflicht und Herz, zwischen geheuchelter und echter Freundschaft dürfte der Anlass gewesen sein, dass sie sich schließlich an die Be­triebspsychologin des BKA wendet.

Der Fall ist gefährdet. Herr K. han­delt. Ein weiterer VE be­tritt die Bühne: VE3 für den Dienstge­brauch, Tarnname Errol und laut Le­gende Ayses neuer Freund. Dem ge­lingt mit der Be­schaffung der Mord­waffe schließlich der große Erfolg. Das war dann viel später. Und ist inzwischen gar nicht mehr so sicher …