Im Bett mit Ayse

Verdeckter Ermittler im Einsatz. Hier mit Dame und 53er Dom Pérignon, der, Genießer wissen das, nie eine Temperatur von über acht Grad haben sollte. Die Dame nach Möglichkeit aber schon. ©United Artists

Von Dieter A. Graber

HANAU. Der Lutz, der Errol und der Tod. Eine seltsame Beziehung war das. Gleich am zweiten Tag seines Besuchs in dessen Jagdhütte im Hintertaunus, sie kannten sich da gerade ein paar Stunden, so berichtet Errol, habe ihm Lutz H. ein kleines Privatissimum in der Kunst des Tötens gegeben. Wie man das am besten bewerkstelligt, mit der Schusswaffe oder einem Messer. Der Lutz kannte sich aus mit sowas. Sagt jedenfalls Errol, der Verdeckte Ermittler: „Es war, als spräche er über etwas ganz Alltägliches.“ Später haben sie auch noch ein bisschen im Wald herumgeballert, die beiden, aber nur auf eine Zielscheibe. Da kam kein Stück Wild zu Schaden an jenem Tag im September 2015.

Der Errol sitzt heute wieder hinter seiner halbtransparenten Baustellenplane in einem Wiesbadener BKA-Büro und gibt seine Erlebnisse aus der Zeit zum Besten, da er auf Lutz H. angesetzt war. Die beiden Männer hatten sich trotz des Altersunterschiedes schnell angefreundet. Lutz H. kam damals auch gleich und ohne Umschweife auf den Mord an Jürgen Volke zu sprechen. „Sein Schwager hätte das verdient gehabt. Er sei in der Transportbranche tätig und da in illegale Geschäfte verwickelt gewesen“, erinnert sich der Errol. Vom Tatablauf habe sich Lutz H. beeindruckt gezeigt. „Präzise geplant, sagte er: Nichts am Tatort zurückgelassen, keine Zigarettenkippe, keine Geschosshülse. Es sei dazu ein sogenannter Fangsack an der Waffe verwendet worden.“ Eine Kamera, die ganz in der Nähe die Straße im Blick gehabt habe, konnte auch keine sachdienlichen Hinweise liefern. Da müsse ein Profi am Werk gewesen sein. Und dann spekulierten die beiden noch ein bisschen, wer so was wohl zustande bringen könne. Die Russenmafia? Die italienische?

Nun fragt man sich natürlich, ob ein Mann, der einen Mord begangen hat und weiß, dass man ihn verdächtigt, ob der sich einem völlig Fremden sogleich ohne Not offenbaren würde, noch dazu einem, der dem äußeren Anschein nach selbst Dreck am Stecken hat und gar ein wenig Lust zur Erpressung kriegen könnte. Der Angeklagte wird als intelligent beschrieben. Nein, da passt das so recht ins Bild nicht. Das Mitteilungsbedürfnis des Lutz H. habe ihn denn auch überrascht, sagt der Zeuge nun. Der Schlüssel dazu wird gewesen sein, dass Errol eine Wesensgleichheit zu simulieren verstand – gemeinsame Vorlieben, Ansichten, Lebensumstände, wobei er sich die Verachtung des Lutz H. für alles Kleingeistige, für Brot-und-Butter-Berufe, für Bürgerlichkeit zunutze machte und ein vermeintliches Alter Ego schuf, eine Bruderschaft im Geiste. Das verrät sicher einiges über diesen Angeklagten. Nur eben nicht, ob er ein Mörder ist.

Ein weiterer Wesenszug des Lutz H. tritt in der Beschreibung durch den Ermittler Errol zutage: übersteigerter Geltungsdrang. „Anfangs“, sagt der VE, „ging er gar nicht so richtig auf mich ein.“ Es muss eine Form des Dozierens gewesen sein, mit der er den Jüngeren, vermutlich sogar in väterlichem Habitus, zu beindrucken suchte – mit Kenntnissen über Jagd, Waffen, Schmauchspuren nach einer Schussabgabe, über die Technik des Tötens. Errol dürfte das geschickt durch Vorspiegelung von Neugierde provoziert haben. Lutz H. gibt vor, beim Militär die Befreiung von Geiseln geübt zu haben. Er habe auch kein Problem damit, selbst einen Menschen zu erschießen, wenn der es nur „verdient“ hätte. Wer hat den Tod „verdient“?  Kinderschänder nennt er als Beispiel … Da könne er hinterher „ruhig schlafen“. Aber das sind Phrasen. Stammtischgerede ist das. Da musste übrigens auch der Errol schmunzeln, wohl hinter vorgehaltener Hand: „Alle, die bei der Bundeswehr waren, behaupten ja, sie hätten einem Kommando zur Geiselbefreiung angehört …“ Und jene Demonstrationen des Lutz H., wie und an welchen Körperstellen tödliche Messerangriffe am effektivsten zu erfolgen hätten – angelesenes Zeug. Rambo­filmwissen. Nichts weiter. Auch die Elefantenjagd, die er seinem neuen „Freund“ in begeisterten Tönen schilderte, passt ins stilisierte Bild vom Raubein à la Hemingway: trinkfest, großspurig, machohaft; einer, der seine Selbstzweifel mit männlichem Zeitvertreib unter afrikanischer Sonne übertüncht.

Errol heckte an jenem Nachmittag den Plan aus, der Monate später zum Ermittlungserfolg führen wird: Er schwindelt Lutz H. vor, einen missliebigen Konkurrenten (in den VE-Berichten als der ominöse „Frankfur­ter“ bezeichnet), aus dem Verkehr ziehen zu wollen. Dazu wolle er ihm eine „heiße Knarre“ unterjubeln, also eine Waffe, die schon mal eine Rolle in einem Verbrechen spielte. Lutz H. geht in die Falle und verkauft ihm jene FN Browning, mit der Jürgen Volke ermordet wurde.

Bisweilen gleitet die Mission des Verdeckten Ermittlers Errol (BKA-intern VE3) und seiner Kollegin Ayse (VE1) aber auch nachgerade ins Komödienhafte ab. Zum Beispiel, als sie im Lamprechthof absteigen, jenem Hotel in dem kleinen Kärntner Ort Ei­sentratten, wo ihre Zielperson Banu D. als Gelegenheitsgeschäftsführerin tätig ist. Die zeigt sich von dem vermeintlichen Liebespaar derart angetan, dass sie es im besten Doppelzimmer unterbringt und nicht eher Ruhe gibt, bis die beiden auch gemeinsam ins Bett gestiegen sind. Man könnte glatt von Bauerntheater sprechen.

Viel Erotisches wird in jener lauen Maiennacht aber nicht mehr passiert sein. Errol und Ayse mussten ja zu später Stunde noch ihren Ermittlungsbericht niederschrieben. Tja, Dienst ist Dienst.