Im Dschungel der Verträge

Von Dieter A. Graber

HANAU. Frau R. hat einen schweren Stand. Frau R. soll sich an Pfingsten 2014 erin­nern. Ei­gent­lich fällt ihr das ja nicht schwer: „Das läuft alles noch wie ein Film vor meinen Augen ab“, sagt sie. Aber diese Fragen jetzt, dieses Bohren in Details …

Da­mals hatte sie nach ihren El­tern gesucht, dem Ehepaar Klock, das am Mittag des 6. Juni auf der Main River Ranch er­schie­nen und dann ver­schwunden war. Nein, spurlos nicht: „Da war ein großer nasser Fleck un­ter frisch aufgeschütte­tem Sand vor der Tür des Wohn­hauses“, sagt Frau R., die Zeugin. Und Blut­spritzer an den Wänden. Ermit­telt hat sie auch, quasi auf eigene Faust – später, als die toten El­tern gefun­den und die Verdächti­gen ver­haftet waren –, weil sie nicht glau­ben mochte, dass es Notwehr gewesen sein soll.

Nicole R. ist 32 Jahre alt und Nebenklägerin. Es gibt noch weitere, ihren Bruder Stefan zum Beispiel und eine Tante, aber man könnte Frau R. als den „Kopf“ der Nebenklage be­zeich­nen, eine energische junge Frau, die ihre Geschichte schon x-mal erzählt hat – bei der Kripo, vor Gericht, in den Medien. Wie sie Orte und Leute abklapperte auf der Su­che nach den verscholle­nen Eltern – erst deren Wohnung in Frankfurt, dann den Floh­markt, wo der Vater an jenem Samstag einen Stand aufbauen wollte, schließlich die Nach­barn der Ranch. Wie sie die zu­nächst etwas träge Polizei be­stürmte, der sie heute noch vorwirft, „nicht gut ge­arbeitet“ zu haben. Aber Richterin Su­sanne Wetzel sagt: „Es geht nur darum, die Hinter­gründe aufzuklären.“

Um Pacht- und Unter­miet- und Einstellverträge geht es, ein Wust von Vereinbarungen, ab­ge­schlos­sen von Harry Klock und seiner Tochter mit dem Eigentümer des Grund­stücks Auf der Röde 1 in Dör­nigheim einerseits sowie mit Vater und Sohn B. andererseits. 906 Euro knöpften ihnen die Klocks ab für eine Bude von zweifelhafter Sub­stanz, die zum Wohnen gar nicht zu­gelas­sen war, sowie die Unter­brin­gung von zwei Ponys und acht Ziegen.

Wie pleite waren die Klocks? Sie hatten den Reitbetrieb aufgeben müssen, und fast alle Pferde­einsteller waren ihnen von der Fahne gegangen, wofür sie den Eigentümer des Geländes ver­antwortlich machten. Am Ende stand eine Schadener­satz­forde­rung über 150.000 Euro, eine Phanta­siesumme, gewiss. „Aber was hat das mit dem Mord an meinen Eltern zu tun?“ fragt Frau R. em­pört. MORD sagt sie. Das steht für sie fest, und des­halb fordert sie für Klaus-Dieter und Claus Pierre B. die schwerste al­ler Strafen: le­bens­länglich!

Die Verhandlung nimmt Fahrt auf. Ungute Fahrt. „Sie stellen dauernd Rechtsfragen an die Zeugin“ kritisiert Nebenklage­anwalt Bauer (Eschborn) die Vorsitzende. Nicole R. schnip­pisch: „Hier geht’s um etwas Wichtigeres als Verträge.“ Bauer, spitz aus dem Hinter­grund: „Anscheinend nicht!“

Pfingsten 2014. Sieglinde und Harry Klock sind dringend auf die Ein­nahmen aus dem – nicht legalen – Untermietverhältnis mit Vater und Sohn B. angewiesen. Es gibt da entsprechende Äußerungen, zum Beispiel vom Bruder der Nicole R. in einer Polizeiverneh­mung: „Ich glaube, dass mein Vater mit aller Macht das Geld haben wollte.“ War Harry Klock also doch der Aggressor an je­nem 6. Juni auf der Main River Ranch? Die Verteidiger setzen hier den Hebel an. „Ich möchte betonen, dass meine El­tern kei­nen finanziellen Druck hatten“, beeilt sich Frau R. zu versi­chern, die nun doch nicht mehr alles so genau auf die Reihe bringt, etwa, wann sie ihren Va­ter zuletzt sah. War es am Mitt­woch oder am Donnerstag vor Pfingsten? Drei­einhalb Jahre ist das nun her … Die Neben­klage­bank wird erst unruhig, dann pampig, schließ­lich laut. Die Anwälte dort fühlen sich provo­ziert, benachteiligt. „Un­fassbar, was hier abläuft“ blafft Bauer. Schon eingangs der Ver­handlung hatte er auf die Ent­scheidung des Ge­richts, seinen Befangenheitsan­trag gegen den psychiatrischen Gutachter An­sgar Klimke zu­rückzuwei­sen, ausfallend rea­giert: „Eine Saue­rei! Da kriegt man einen Hass!“

Vorsitzende Wetzel führt die Ver­handlung so souverän, wie es ei­ner Landgerichtspräsidentin ge­ziemt. Ihre Fragen sind präzise, ver­bindlich. Nur einmal wird ihre Stimme schärfer (zu Nebenkla­geanwalt Dietrich): „Sie sind jetzt nicht dran! Sie sind dran, wenn ich’s sage!“ Wohlan.