Im Taumel der Gefühle

Tausendmal berührt … Kinderzeichnung im Berlin der Jahrhundertwende, entdeckt und festgehalten vom großen Zille. ©Schirmer Mosel Verlag/Heinrich Zille

Von Dieter A. Graber

GELNHAUSEN. Konrad hat noch viel vor. Als Gleisbauer verdient er mit seinen gerade mal 23 Jahren zwar schon 1600 netto im Monat. Doch das soll es längst nicht gewe­sen sein; den Industriemeister will er machen, dann vielleicht ein Ma­schinenbaustudium. Er ist ein un­auffälliger junger Mann, blond, etwas kräftig, aber nicht dick. Er hat eine leise Stimme, und er drückt sich gewählt aus. Er sagt Sätze wie: „Frauen behandle ich stets mit Respekt“ und „Ich würde mir doch nicht mein Leben ver­sauen durch ein derartiges Ver­halten.“ Aber Konrad soll eine Schülerin vergewaltigt haben.

Sexualstrafverfahren sind nicht selten Prozesse um Missverständ­nisse. Um unterschiedliche Sicht­weisen. Enttäuschte Erwartungen. Fehlinterpretierte Signale. Wann ist ein Ja ein Ja, ein Nein ein Nein? Die Geschichte von Konrad und Tamara, die beide in Wirk­lichkeit anders heißen, zeigt, wie die Grenzen zwischen lockerem Umgang miteinander und einem Verbrechen bisweilen zerfließen.

Tamara „geht“ mit Konrads Stief­bruder. Sie ist erst 17 und ein gern gesehener Gast der Familie, die in einer Kleinstadt im Ostkreis lebt. Vor dem Gelnhäuser Schöffenge­richt erzählt Konrad: „Gelegent­lich, wenn wir allein mit­einander waren, kamen wir ins Plaudern. Sie sagte, dass ihr lang­weilig sei in ihrer Beziehung.“ Einmal besucht sie Konrad in sei­ner Wohnung. Die beiden essen Pizza, schauen abends noch ge­meinsam fern. Sit­zen dabei neben­einander auf dem Sofa. Sie hat ih­ren Kopf an seine Schulter gelehnt. Sonst passiert nichts. Später schreibt sie ihm auf Facebook: „Vielen Dank für den schönen Abend.“

Am Nachmittag des 27. Oktober 2014 ist sie wieder bei ihm. Kon­rads Beziehung war eben in die Brüche gegangen. Er ist niederge­schlagen. Tamara sagt: „Ich wollte ihn trösten. Aber ohne jeden Hin­tergedanken.“ Laut Anklageschrift, die der Hanauer Staatsanwalt Hu­bertus Pfeifer verliest, soll Konrad das Mädchen dann spontan ge­fragt haben: „Was würdest du tun, wenn ich jetzt was mache?“ Ein Schlüssel­satz. Ein Vortasten. „Was machen“, das drückt Unschlüssig­keit aus, Verlegenheit vielleicht. Es ist die in eine Frage gekleidete An­kündi­gung dessen, was dann ge­schieht. Laut Anklageschrift hielt er ihre Handgelenke fest und „machte“ sich unter ihrem T-Shirt zu schaffen. Später trug er das sich wehrende Mädchen zum Bett und fesselte ihre Linke mit einer Hand­schelle am Rahmen. Tamara muss­te ihn befriedigen. Er habe sie durch Drohungen dazu ge­zwungen, trägt Staatsanwalt Pfei­fer vor.

Mindestens zwei Jahre Freiheits­strafe sieht Paragraph 177 StGB vor, „wenn der Täter … sexuelle Handlungen an dem Opfer vor­nimmt … „die dieses besonders er­niedrigen, insbesondere, wenn sie mit einem Eindringen in den Kör­per verbunden sind“. In diesem Fall eine schwere Sanktion für et­was, das „Dr. Sommer“ einst in der Bravo jungen Lesern unter dem Begriff „Petting“ empfahl – im ge­genseitigen Einvernehmen, ver­steht sich. Aber wie war das hier?

Tamara ist das, was man ein „taf­fes Mädchen“ nennt. Mit nüchter­nen Worten schildert sie in Saal 11 den Vorfall. „Ich traute mich nicht, um Hilfe zu rufen. Ich hatte un­heimliche Angst. Es war ja auch sonst niemand da. Hinterher fuhr er mich nach Hause, als wäre nichts passiert.“ Sie dramatisiert nichts. Sie bricht nicht in Tränen aus. Aber sie beschreibt präzise die Verletzungen ihrer Seele. Hinter­her. Tage, Wochen, Monate später. Ihre Panikattacken bei der Begeg­nung mit blonden Männern auf der Straße, bei Geräuschen, sogar beim Anblick von Kleidungsstü­cken, wie Konrad sie damals trug. Assoziationen des Schreckens.

Der Angeklagte weist, wie gesagt, alles von sich. „Ich habe nichts getan, was sie nicht auch wollte“, beteuert er. Avancen habe sie ihm vorher gemacht. Er hat ihre ge­samte Facebook- und WhatsApp-Kommunikation ausgedruckt zum Beweis seiner Unschuld. Aufrich­tig klingt er. Wie ein junger Mensch, der sich im Taumel der Gefühle zu etwas hinreißen ließ und nun fassungslos vor den unerwarteten Kon­sequenzen steht. „Und die Hand­schellen?“ fragt Richterin Ockert. Die seien doch aus Plüsch gewe­sen, antwortet er. Mehr Scherzar­tikel als Sexrequist. Und schon gar kein Tatwerkzeug.

Tamara erstattete erst Monate später Anzeige. Eigentlich habe sie das gar nicht gewollt: „Mit Rück­sicht auf die Familie!“ Sie ver­traute sich ihrem Freund an, der es den Eltern erzählte. Die Sache war nun in der Welt. Eine Lawine brach los. „Zugzwang“ nennt man das wohl. Verbittert stößt Konrad hervor: „Sie hat mein Leben zer­stört. Ich schlafe nicht mehr gut. Zu meinem Stiefbruder habe ich seither keinen Kontakt mehr.“ Die Familie ist gespalten. Es wird nicht mehr darüber geredet, aber auch Schweigen kann eine Anklage sein. Er vermutet einen Racheakt. „Weil es für mich nur ein One-Night-Stand war, sie sich aber mehr er­hoffte.“

Das Schöffengericht glaubt letzt­lich Tamara und verurteilt Konrad zu zwei Jahren auf Bewäh­rung. Es ist die mildestmögliche Strafe. Sein Verteidiger, der Geln­häuser Anwalt Bruno H. Wolf, hatte Frei­spruch gefordert.