Je mehr Zeugen, desto weniger Schuld

Von Dieter A. Graber

HANAU. Der Beginn des Prozesses ge­gen die Brüder Dominik und Julien vor der 2. Jugendkammer liegt nun schon über drei Monate zurück. Mit einem Baseballschläger soll Dominik (23) spät abends einen Mann am Steinheimer Mainufer ver­prügelt ha­ben. Die Tat, inzwischen ein Jahr her, zeichnet sich durch eine schier un­fassbare Brutalität aus; sie wurde of­fenbar aus reiner Freude am Zu­schla­gen, am Verletzen, am Heim­zahlen begangen. Was noch betroffener macht ist die juristische Konsequenz; ursprünglich angeklagt als versuchter Totschlag, reduziert sich die Sache in­zwischen auf das Ni­veau eines Kör­perverletzungsdelikts (mehr dazu hier, hier und hier).

Markus P., 42 Jahre, Frührentner, gilt im Stadtteil als „komischer Vogel“. Er ist Junggeselle, ein Eigenbrötler, der zuhause bei der Mutter lebt und gern einen über den Durst trinkt. So auch am 20. Dezember vergangenen Jah­res. Er hat 3,4 Promille im Blut, als er das Kiosk an der Ludwigstraße ver­lässt, sein Stammlokal. Im Sport­bistro von Carmelo C. will er noch ein letz­tes Bier trinken. Weil er hacke­dicht ist, wird er wieder auf die Straße ex­pe­diert. Das zumindest gibt er im Zeu­genstand an. Später findet man ihn auf ei­nem Spielplatz an der Ufer­straße, unweit seiner Wohnung. Es dauert eine Weile, bis Richterin Su­sanne Wetzel die Liste seiner Verlet­zungen vorgelesen hat: offenes Schä­delhirn­trauma, Schädelbasis­bruch, Frakturen der linken Augenhöhle, des linken Felsenbeins, zweier Kiefer­höhlen­wände und des Jochbogenan­satzes … Auf dem linken Auge hat er seine Sehkraft völlig eingebüßt.

Hannelore P. ist 73 Jahre, eine kleine, verbitterte Frau, die an jedem Ver­handlungstag hinten im Zuschauer­raum sitzt. „Ein Spießrutenlaufen“ sei ihr Alltag, sagt sie, „im Bus rücken die Leute von mir weg: ,Die mit dem dep­perten Sohn‘ heißt es.“ Die An­fein­dungen in der Nachbarschaft ha­ben sie miss­trauisch gemacht, zornig. Es ist eine gute Gegend drunten am Main mit hübschen Häusern und ge­pflegten Gärtchen – und Hunden. Ihr Junge hat eine Aversion gegen Hun­de. So was macht einen hier au­toma­tisch zum Außenseiter.

Frau P. versteht nicht, dass sich der Prozess so lange schon hinzieht. Sie versteht nicht, dass immer wieder neue Zeugen geladen werden, deren Aussagen an den Tatsachen ja doch nichts ändern. Wie zum Beispiel Anna-Maria C. (50), die ihrem Mann Car­melo gelegentlich im Sportbistro hilft. Dominiks Verteidiger Till Gut­sche aus Frankfurt hat auf ihrer Ver­nehmung bestanden. Ob sie sich da­ran erinnern könne, dass Markus P., sturzbetrun­ken, an jenem verhäng­nis­vollen Sonntagabend in dem Lokal aufge­taucht und wieder ins Freie be­fördert worden sei? Nein, das kann sie nicht, die Zeugin. Zu lange her. Viel­leicht war sie gerade in der Kü­che. Oder sonst wo.

Dominiks Verteidiger will die Glaub­würdigkeit des Opfers erschüttern. Markus P. hat Gutsches Mandanten als Schläger identifiziert. Ansonsten ist seine Erinnerung getrübt. Aber wenn der angebliche „Abstecher“ ins Sportbistro schon nicht zu verifizieren ist, wie steht’s dann mit jener belas­tenden Aussage? Ein Gutachter soll sich demnächst dazu äußern. Und weiter zieht sich die Verhandlung, vielleicht bis ins neue Jahr hinein.

Am dritten Prozesstag gab Richterin Wetzel den „rechtlichen Hinweis“, es könne sich auch um eine „gemein­schaftliche schwere Körperverlet­zung“ handeln. Laut Paragraph 226 StGB liegt die Mindeststrafe bei ei­nem Jahr. Fünf wären es bei Tot­schlag gewesen. Indes kann sich Ju­lien berechtigte Hoffnungen machen, mit Bewährung davon zu kommen. Das ist jetzt so eine juristi­sche Fein­heit: Zur Tatzeit war er zwanzig Jahre, also noch Ju­gendli­cher. Er hatte sei­nem Bruder zwar den Baseballschlä­ger zum Spiel­platz gebracht, wohl wissend, was der da­mit im Sinn hatte. „Aber er schlug nicht damit zu“, be­tont sein Verteidi­ger, der Strafrecht­ler Albert Stumm aus Eus­kirchen, „sondern lief gleich wieder nach Hause.“ Bleibt Beihilfe. Doch wozu? „Als Gehilfe wird bestraft, wer vor­sätzlich einem ande­ren zu des­sen vorsätzlich begangener rechtswid­ri­ger Tat Hilfe geleistet hat“, heißt es in Paragraph 27 StGB. Weil Julien in­des nicht ahnte, dass die anschlie­ßende Prügelorgie für das Opfer der­art schwerwiegende Folgen (Verlust des Auges) haben würde, bleibt in sei­nem Fall nur die minderschwere „ge­fährli­che Körper­verletzung“. Jedem nach seiner Schuld, heißt der juristi­sche Grund­satz, demzufolge auch bei einer ge­meinschaftlichen Tat jeder Betei­ligte nur nach seiner eigenen Schuld be­straft werden soll, ohne Rücksicht auf die der anderen.

Frau P. versteht das nicht. Sie kennt nicht die Gesetze. Sie kennt nur das Le­ben, das es nicht gut gemeint hat in jüngster Zeit mit ihr. Sie möchte, dass darin endlich Ruhe einkehrt.