Jugendrichter, hergehört!

Mancher wächst in jungen Jahren über sich hinaus, trägt er die richtigen Klamotten. Das kann auf die schiefe Bahn führen: Horst Buchholz als Halbstarker im Film „Der Pauker“

Von Dieter A. Graber

HANAU. Viel gemeinsam haben sie nicht, die Lebenswege von Karsten (26) und Nader (25), mal abgesehen von dem Schicksal, das sie zusammenführte, irgendwann vor eineinhalb Jahren in einer Bad Orber Absteige. Bis dahin hatten sie eine Weile auf der Straße gelebt, zwei Obdachlose, die nun ihr Elend ge­meinsam im Alkohol zu ertränken suchten. Eines nachts überfielen sie Fabio C. (19), der sich auf dem Heim­weg befand. Mit seiner Bank­karte zo­gen sie 500 Euro aus einem Geldauto­maten. Es war kurz vor Weihnachten 2014 (mehr dazu hier, hier und hier).

Alkohol und Cannabis waren schon früh Karstens beste Freunde. Sie hal­fen ihm, „seine Gefühle zu unterdrü­cken“, wie der Frankfurter Psychiater Thomas Holzmann sagt. Die Gefühle eines ungeliebten Jungen, dessen Va­ter früh verstorben war und der mit seinen Stiefvätern nicht klar kam. Oder sie nicht mit ihm. Hauptschule, keine Ausbildung, dann Obdachlosig­keit. Die zwei Jahre Knast, die seine früh begonnene jugendkriminelle Laufbahn krönten – nachdem die Jus­tiz zunächst stets gnädig mit ihm um­gegangen war –, mögen für eine vo­rübergehende Struktur in seinem Le­ben gesorgt haben: gegliederter Ta­gesab­lauf, satt zu essen, kaum Pflich­ten.

Karsten ist ein eher scheuer, großge­wachsener Bursche mit dunklem, kur­zem Haar und einem sympathischen Ge­sicht mit weichen Zügen. „Bis heute ist er ein wohnsitzsuchender Mensch geblieben, einsam, ohne Freunde“, schildert ihn Gutachter Holzmann. An Drogen hat er so ziem­lich alles ausprobiert, was das Betäu­bungsmittelgesetz verbietet. Auch die ganz harten Sachen: Heroin intrave­nös, Crack. Eine deformierte Persön­lichkeit, so Holzmann. Als „Mitläufer­typ“ beschreibt ihn die Mut­ter.

Er trifft also den Nader. Der ist eine andere Hausnummer: Aufge­wachsen als Spross angesehener, streng mus­limischer Eltern in Tune­sien, führte er ein Leben mit Regeln, die der Vater bestimmte, oder besser: der Koran. Vorm Abi schmiss er die Schule, wurde Animateur in einem Touris­tenho­tel, wo er eine junge Deutsche ken­nen­lernte: Liebe, Schwanger­schaft, Hochzeit. Eine Un­gläubige? – Der Vater verstößt ihn. Egal, der Himmel hängt voller Gei­gen, Nader landet in Deutschland, schlägt sich als Kellner in einer Pizze­ria durch; gelernt hat er ja nichts au­ßer Urlauber zu bespaßen. Und dann geschieht es, dass er dahinter kommt, womit seine Frau das Geld verdient. Er sieht Fotos von ihr im In­ternet. Eindeutige Fotos. Seine Welt bricht zusammen, die frei­lich nur eine Scheinwelt war: die Ehe, die Fami­lienidylle, die Hoffnungen auf einen bescheidenen Wohlstand in der neuen Heimat – alles Wechsel auf die Zukunft, die er nicht mehr einlösen kann.

Es folgt die Trennung. Er wohnt unter Brücken. Er schlägt die Zeit tot. Er trinkt. Einmal erwischen sie ihn mit zwei Promille auf dem Fahrrad, wäh­rend der Tat von Bad Orb hatte er bis zu 2,9 Promille intus. „Er war völlig entwurzelt“, sagt der Psychiater in seinem ausgezeichneten Gutachten. Eine treffendere Beschreibung ist kaum möglich: Ein junger Mann mit „nordafrikanischen Wurzeln“, wie man heute wohl zu sagen pflegt, scheitert in ei­ner Kultur, wo er keine neuen schlagen kann.

Staatsanwalt Joachim Böhn fordert drei Jahre für Karsten und zweiein­halb für Nader. „Nachts auf der Straße ausgeraubt zu werden“, sagt er, „ist die Angst vieler Bürger.“ Die zweite angeklagte Tat, der Überfall vor dem Lokal „Zur Heppe“ an Heilig­abend, wird eingestellt. Karstens Ver­teidiger, der Strafrechtler Bruno Wolf aus Gelnhausen, weist darauf hin, dass „mein Mandant von Kindesbei­nen an herum geschubst und ausge­grenzt“ wurde. Aber relativiert das ein Verbrechen? Naders Verteidiger Markus Frank aus Offenbach ist für eine Bewährungsstrafe als neue Chance.

Die 1. Große Strafkammer des Ha­nauer Landgerichts folgt dem Antrag des Staatsanwalts. Vorsitzender Peter Graßmück sagt: „Kriminelle Karrieren werden auch gefördert durch die ewige Zurückhal­tung unserer Jugendrichter, die eher mal ein Zeichen setzen sollten.“ Deutliche Worte sind das.

Karsten wird auf Anordnung des Ge­richts zunächst in eine Entziehungs­anstalt eingewiesen. Hält er seine Therapie durch, kommt er nach achtzehn Monaten wieder raus. Dann könnte ein neues Leben beginnen. Vielleicht endlich sein richtiges. Und Nader? Eine Abschiebung droht ihm laut Auf­enthaltsgesetz erst ab einer dreijähri­gen Haftstrafe. Aber die Bundesregie­rung will das verschärfen. Mög­lich, dass er zurück muss nach Tune­sien.