Juristenzwist um Toten vor Schule

Von Dieter A. Graber

HANAU. Juristen sind sich sel­ten einig, wie ein Sachverhalt nach den Regeln des Gesetzbuches zu beurteilen sei, und so ist es auch bei der Geschichte von dem To­ten vor der Schule. Sie passierte im April 2016, kurz nach Mitter­nacht. An der Gelnhäuser Kreis­realschule treffen sich ein paar Jungs zum Kiffen. Sie heißen Halil, Stefan, Kevin, Umut und Domenico, eine echte Multi-Kulti-Truppe, vereint in der Liebe zu den bewusstseinser­weiternden Produkten der Hanf­pflanze. Sie sind sorglos. Sie sind jung, zwischen sechzehn und achtzehn Jahre. Sie haben guten „Stoff“ dabei. So was kann in diesem Alter eine Frage des Prestiges sein: „Starkes Zeug“! Da erscheint das Verhängnis in Gestalt von Andreas (27). Er hat sich schon die Kante gegeben, nun lässt ihn Kevin noch mal an seinem Joint ziehen. Das ist zuviel für Andreas; er bricht zusammen. Die anderen geben erschrocken Fersengeld. Damit wollen sie nichts zu tun haben. Andreas stirbt.

Die fünf Jungs waren schnell er­mittelt. Die Hanauer Staatsan­waltschaft klagte sie wegen un­terlassener Hilfeleistung an, den Kevin aber – und das ist nun der Punkt, an dem sich die juristi­schen Geister scheiden –, sogar wegen eines Totschlagsdelikts. Kevin sei besonders verpflichtet gewesen, sich um den Bewusst­losen zu kümmern. Schließlich habe er ihm den mit Spice, einem synthetischen Cannabinoid, und getrockneten Pflanzenteilen ge­füllten Joint gegeben. Eine „Ga­rantenstellung aus vorangegan­genem Tun“ heißt das im trocke­nen theoretischen Juristen­deutsch. Und praktisch: Eine Sa­che fürs Landgericht. Doch da­von wollte die zuständige Ju­gendstrafkammer nichts wissen. Sie verwies den Fall an die Geln­häuser Jugendrichterin.

Das OLG Frankfurt aber, an das sich die Staatsanwaltschaft mit einer Beschwerde wandte, pfiff die Kammer nun zurück: Kevin sei durchaus des versuchten Tot­schlags durch Unterlassen hinrei­chend verdächtig. So brachten die Jungs den Andreas damals zwar noch in eine stabile Seitenlage. Also müssen sie geahnt haben, wie kritisch es um ihn stand. Aber ei­nen Notarzt riefen sie nicht. Sie hatten nämlich noch Waffen und Marihuana dabei. Das hätte Är­ger geben können.

Und weil der Kevin das wusste und auch, wie betrunken der Andreas schon war und wie for­tissimo die „Tüte“, die er ihm spendiert hatte, schlussfolgerten die Frankfurter Richter, habe er auch eine besondere Verantwor­tung gehabt. Nun droht ihm eine Freiheitsstrafe von gut und gerne fünf Jahren. Der 3. Strafsenat des OLG hält sogar das Mordmerk­mal „Verdecken einer anderen Straftat“ für möglich, wegen der Waffen und Drogen. Es ist zwar wenig wahrscheinlich, dass es so dicke kommt für den Kevin. Schließlich erklärte Landge­richtspräsidentin Susanne Wet­zel, die auch der Jugendkammer vorsitzt, dem Hanauer Anzeiger auf Anfrage, sie habe diesbezüg­lich eine „andere Rechtsauffas­sung“ als ihre Frankfurter Rich­terkollegen. Immerhin aber wird deutlich, dass es schwere Konse­quenzen haben kann, einen Joint in fröhlicher Runde kreisen zu lassen.

Da muss es nicht einmal so kri­minell zugehen wie im Fall der Automatensprenger. Wir erin­nern uns. September 2013. Zwei Ganoven legen ihren Komplizen in Salmünster vors Krankenhaus, nachdem der sich beim Versuch, einen Fahrkartenautomaten mit einem explosiven Gasgemisch zu zerlegen, schwerste Kopfverlet­zungen zugezogen hat. Er stirbt. Er wäre auch nicht mehr zu ret­ten gewesen. Dennoch: „Ver­suchter Mord“, um eine Straftat zu verdecken, so das Urteil der 1. und – nach erfolgreicher Revi­sion – auch der 2. Großen Straf­kammer des Hanauer Landge­richts. Damals hieß es, hier habe das kognitive und das vo­luntative Element gewaltet, wie  Juristen sagen, das Wissen (um die Ge­fahr für das Opfer) und das Wollen (seinen Tod in Kauf nehmen). Übrigens: Vorsitzende der 2. Kammer war damals und ist noch immer – Susanne Wet­zel.

Dass Kevin, der heute neunzehn ist, um die Gefährlichkeit seines Joints nicht wusste, dürfte er kaum glaubhaft vortragen kön­nen. Schließlich hatte er ihn am Vorabend an seinem Onkel aus­probiert. Der war schon nach zwei Zügen aus den Schuhen ge­kippt. Und noch eine Petitesse am Rande: Der Besitz von Spice war zur Tatzeit sogar straffrei, weil der Wirkstoff  5F-ADB weder im Betäubungs- noch im Arzneimittelgesetz stand.

Der Prozess gegen Kevin & Co. dürfte im April beginnen. Die jungen Leute werden von der Kanzlei Düring aus Linsenge­richt verteidigt.