Kammer kriegt die Kurve

Von Dieter A. Graber

HANAU. Längst ist die Schar der Zuschauer in Saal 215 ge­schrumpft auf einige wenige, die freilich kaum einen Verhand­lungstag auslassen und mithin über exzellente De­tailkenntnisse in der Sache ver­fügen dürften. Gleichwohl ent­gangen ist ihnen, weil es – so will es die Straf­pro­zessordnung –un­verzüglich und daher auch au­ßerhalb der Ver­handlung bean­tragt und beschie­den werden muss, der Ausgang des Befan­genheitsantrags gegen Bei­sitzer Kolja Fuchs. Der hatte, wie be­richtet, unter anderem die „pho­netische Textanalyse“ einer Audiodatei durch einen Gutachter abgelehnt. Pikant: In dem am 11. September 2013, also vier Tage nach den Todes­schüssen in der Gallienstraße mitgeschnittenen Telefonat zwi­schen Banu D. und dem Zeugen Cengiz G. war der kryptische Satz gefallen: „… wir zwei – tut mir leid – bis nach Hanau …“ Die Kammer hatte daraufhin ge­mutmaßt, die beiden seien am Tatabend nach Hanau gefahren.

Der Befangenheitsantrag – es wird wohl der letzte in diesem Prozess gewesen sein – wurde, wie alle anderen zuvor auch, na­türlich ab­gelehnt. Die Begrün­dung ist juristisches Geplänkel. Interessanter ist da schon, dass die Kammer nun er­klärt, der Satz sei nun doch „kein Indiz für eine mögliche Täterschaft“ der Angeklagten. Gerade noch mal die Kurve gekriegt. Bei ihrer Entscheidung, den Haftbefehl gegen Banu D. auf­recht zu erhalten, hatte sie aber ge­rade diesen (von ihr als „…wir fahren nach Hanau …“ verstan­denen) Satz mit als Begrün­dung für dringenden Tat­verdacht angeführt.

Nun also ist Richter Graßmück eine Weile damit beschäftigt, weitere Beweisanträge der Ver­teidigung – es sind über ein Dut­zend – abzuschmettern. Viele dürften als „Munitionierung“ für eine mögliche Revision zu ver­stehen sein. Denn nach mehr als 50 Verhandlungstagen verfestigte sich für die Verteidigung der Eindruck, die Kammer habe sich bereits auf eine Verurteilung festgelegt. Das muss indes so nicht kommen. Auch abge­lehnte Anträge geben nämlich durchaus Hinweise auf die Intention des Gerichts.

So wollte die Verteidigung des Angeklagten (die inzwischen deutliche Belastungstendenzen gegen dessen ehemalige Lebens­gefährtin zeigt) den Beweis er­bringen, dass auch Banu D. die Möglichkeit gehabt habe, die FN Browning Kal. 7.65 unter dem Holzstapel unweit des Hauses von Lutz H. zu verstecken, wo sie dann der Verdeckte Ermittler Errol als vermeintlicher Käufer fand. Und wenn schon? „Die Frage, wer die Waffe deponierte, lässt keine Rück­schlüsse auf eine Tä­terschaft zu“, so Richter Graß­mück. Nicht einmal dann, wenn Banu D. das Schießeisen, wie kolportiert, tatsächlich unter ih­rem Bett versteckt gehabt hätte.

Aber das war ohne­hin nur eine der boulevardesken Ge­schich­ten, die die­sen Pro­zess umrah­men. Vieles, was im Vorfeld als beweisträch­tig galt für die Täter­schaft der Banu D., ihre angebli­chen „Ver­bindungen in die Kob­lenzer Un­terwelt“ etwa oder ihre düsteren „Partys“ erwies sich als ebenso ha­nebü­chen wie ihr angebliches Ver­gnügen am Töten von Tieren. Dass sie für Lutz H. ein Attest fälschte, um ihm einen Prozesstermin in sei­nem Erbschaftsstreit vorm OLG zu ersparen, dass sie ihm vor­flunkerte, mit einer Freundin ausgehen zu wollen, wenngleich sie mit Cengiz G. verabre­det war, und an jenem Abend auch noch eine Unfallflucht beging – es sind, für sich ge­nommen, Ver­fehlungen, kleine Sünden, ja, auch eine Straftat, aber nichts, was sie eines Mordes überführen könnte.

Graßmück und seine Kollegen gelten als fähige, bedachtsame Richter. So vernahmen sie sieb­zehn Tage ausgiebig die beiden Verdeckten Ermittler sowie de­ren Vorgesetze. Es zeigte sich, dass der Erfolg eines VE-Einsat­zes – hier: die Sicherstellung der Tatwaffe – nicht automatisch auch zu einer zweifelsfreien Ver­urteilung führt.

Zur Sprache kommt dann noch eine Begebenheit, die irgendwie symptomatisch ist für den ge­samten Prozess. Bereits am 23. September 2013, als gute zwei Wochen nach dem Mord, hatte Staatsanwalt Pleuser das Kom­missariat 11 der Hanauer Kripo beauftragt, weitere Er­mittlungen zum angeblichen Be­such von Banu D. und Cengiz G. im Wies­badener Restaurant Harput in der Tatnacht zu  machen, auch Kar­tenmaterial zur Fahrtstrecke der beiden vorzulegen. Immerhin ging es um ihr Alibi. Aber erst knapp vier Jahre später machte sich die Kripo ans Werk. Man war ja si­cher gewesen, den Mör­der zu ha­ben …