Kassensturz beim Großwildjäger

Afrikas Tierwelt kann aufatmen: Vorerst wird Lutz H. – hier mit Anwälten und Medienvertretern – wohl nicht mehr zur Jagd einfliegen. Heute muss ihn die Gattin finanziell unterstützen. ©Graber

HANAU. Aus dem Kontostand eines Mannes ein Mordmotiv herzuleiten, ist ein fragwürdiges Unterfangen. Im Fall des Lutz H., der im Verdacht steht, seinen Schwager erschossen oder zumindest dazu angestiftet zu haben, baut die Staatsanwaltschaft auf die Beweiskraft des Geldes. Die lässt sich jedoch bestenfalls dann einsetzen, wenn keins vorhanden ist. Ein leeres Konto oder besser noch: eins im dauerhaften Minus dürfte schon Anlass für so manche böse Tat gewesen sein. Lutz H. jedoch hatte Geld. Damals. Zumindest ein nettes kleines Vermögen.

Ein halber Verhandlungstag im Volkeprozess vor der 1. Großen Strafkammer dreht sich um Soll und Haben. Die Polizei hat die Konten von Banu D. und Lutz H. mit der Hartnäckigkeit von Steuerprüfern unter die Lupe genommen. Zwei junge Kommissarinnen waren da am Werk: Lisa Maria W., 29, und Judith J., 33. Letztere gilt als erfahrene Fahnderin bei der Hanauer Kripo.

Fest steht: Lutz H. lebte, wie man so sagt, auf großem Fuß. Auf bis zu 5.000 Euro beliefen sich die monatlichen Abrechnungen für seine beiden Kreditkarten (Commerzbank und American Express). Tanken. Einkaufen. Restaurants. Hotels. Das scheint manchem viel. Aber Geld wirkt nur nach unten. Was kann ein Richter im Monat ausgeben? Ein Staatsanwalt? Eine Kommissarin? Die kriegt als Einstiegsgehalt in Hessen gerade mal 2322 Euro, brutto, wohlgemerkt. Schon ein gutverdienender Strafverteidiger wird den Betrag  als keineswegs exorbitant bezeichnen. Zumindest einmal reiste Lutz H. zur Großwildjagd nach Kamerun. 6.382,50 Euro kostete der Spaß vorneweg. Ach ja, das Weidwerk. Es kam was rein, es ging viel raus, nämlich knapp 12.000 Euro Pachtgeld per annum; man muss es sich schon leisten können, das Hegen und Pflegen und Totschießen.

Und gelegentlich leistete er sich auch was bei Frankonia. Das ist dieser edle Laden für Loden und Büchsen und allerlei Drum und Dran, was ein Jäger so halt braucht. 5.408,60 Euro gingen dafür mal von seinem Konto ab, berichterstattet Kommissarin W. im Zeugenstand. Wochenlang hatte sie sich in Kontoauszüge vertieft: Abhebungen, Einzahlungen, Daueraufträge, Überweisungen. Das ist keine aufregende Fahndungsarbeit, die in TV-Krimis gezeigt wird. Das ist dröger Papierkram am Schreibtisch bei dünnem Kaffee in Tassen, auf denen der Schriftzug FBI steht.

Es herrschte reges Hin und Her auf den Konten des Lutz H. in Deutschland und Österreich. Da wanderten Beträge, durchaus hohe auch, mal hierhin, mal dorthin wie in einem System kommunizierender Röhren, da wurde ein Depot mit Wertpapieren für 25.644,43 Euro angelegt und wieder aufgelöst, und am Ende, so Frau W., die junge Dame mit dem spitzen Bleistift, wenn Plus und Minus gegeneinander aufgerechnet würden, blieben dem Angeklagten noch 8.385,61 Euro. Ist das viel? Ist das wenig? Auf jeden Fall beweist es in diesem Fall nichts. Schon gar kein Mordmotiv.

So rastlos wie seine Kontobewegungen war auch Lutz H. selbst unterwegs: Ständig reiste er zwischen dem Blauen Ländchen, jener malerischen Gegend mit ihren Quellen, Bächen und Mühlen im westlichen Taunus, und der Bergregion um Krems hin und her. Er wohnte mal hier, mal dort. Ein Getriebener scheint er gewesen zu sein.

Staatsanwalt Mathias Pleuser fragt Kommissarin W.: „Wovon hat der Angeklagte Ihrer Meinung nach gelebt?“ Sie zuckt die Schultern. Ratlos sagt sie: „Ein regelmäßige Einkommen gab es nicht. Nur Ausgleich durch andere Konten. Der Lebensunterhalt wurde durch die Zahlung von Versicherungen bestritten.“

Das war, nachdem sein Haus in Endlichhofen abbrannte. Endlichhofen ist ein Nest in eben jenem Blauen Ländchen, so benannt nach dem kräftigen Farbstoff, den man über die Jahrhunderte hier aus den Blättern des Isatis tinctoria, eines Kreuzblütengewächses, gewann. Am 29. Januar 2012  ging das Fachwerkgebäude (Oberdorf 6) aus dem 18. Jahrhundert in Flammen auf. Die Generali zahlte 329.388,07 Euro. Es war ein ordentlicher „Schluck aus der Pulle“ für Lutz H., der sich zu diesem Zeitpunkt noch mit dem Doktortitel schmückte, seiner Beschäftigung als Pharmareferent aber nicht mehr nachging. Das Haus gehörte zur Hälfte seiner Frau Silke.

Womit wir bei jener attraktiven Erscheinung sind, die auch an diesem Verhandlungstag wieder unter den Zuschauern sitzt. Groß, schlank, blond, sehr blond, der Schmuck augenscheinlich nicht aus der Bijouterie, sondern vom Juwelier. Und die schicke Kleidung erst …  Auch sie überwies ihm Geld. Jedenfalls steht ihr Name auf Überweisungsträgern. Die beiden sind noch verheiratet. Noch? Dieses Adverb könnte durchaus fehl am Platze sein … In früheren Verhandlungstagen haben sie sich jedenfalls sehr vertraut gezeigt.

Zurück zum Monetären. Kunden wie Lutz H. sind den Banken eigentlich die liebsten. Da werden auch gern mal großzügig Dispokredite eingeräumt. Denn irgendwo ist ja immer Geld. Und Immobilienbesitz. Auch kam er stets pünktlich seinen Zahlungsverpflichtungen nach, glich die Konten rechtzeitig aus. Der Ratenkauf eines VW Amarok – ein Pritschenwagen für 70.000 Euro – ging reibungslos über die Bühne. Und so stellt die Obduktion seiner Finanzen letztlich nichts weiter dar als eine Beweisführung im Konjunktiv. Ein Mordmotiv lässt sich jedenfalls nicht herleiten. Es sei die Rede gegangen, sagt Kommissarin J., dass es irgendwo ein Nummernkonto gebe, darauf das legendäre Millionenvermögen der Eltern, die einst eine Maschinenfabrik in Hanau besaßen. Aber das ist vielleicht nur ein Mythos. Wie der Schatz der Nibelungen.

In dem Prozess aber geht es um Tatsachen. Ausschließlich. Zum Beispiel um die Frage, wie der Mord an seinem Schwager der finanziellen Lage des Lutz H. hätte aufhelfen können. Die Chance, nach einem gewonnenen Erbschaftsstreit an ihr Pflichtteil in Höhe von 40.000 Euro zu kommen, wäre für seine Schwester Ulrike übrigens gering gewesen. Kürzlich füllte der Angeklagte einen BaföG-Antrag für seine Tochter aus. Darin gab er an, vermögenslos zu sein. Er lebe von „Unterhaltszahlungen“. 6.000 Euro jährlich. Überwiesen von – richtig! – seiner Ehefrau.