Kein Geld, keine Chance, keine Berufung

Von Dieter A. Graber

HANAU. Herr S. hatte sich auf das Geschäft mit Legal Highs verlegt. Das sind jene bunt ver­pack­ten Räuchermi­schungen, die in soge­nannten Head­shops über den Laden­tisch gehen – oder besser ge­sagt: da­runter gehan­delt werden (siehe auch hier). Der Laden­tisch, um den es sich in diesem Verfahren handelt, stand in der Knaster­box, einer Budike für ausge­fallene Pfei­fen, Rau­cherarti­kel und Hanfpro­dukte, ver­steckt im Häu­sermeer zwischen Nie­derlän­disch-Walloni­scher Kirche und City-Center. Die Kunden wussten schon, wo sie ihn finden. Und dass sie nach „Angel­kö­dern“ zu fragen hatten …

Thorsten S. ist ein schlanker Mann von 48 Jahren, das Gesicht schmal, das volle, dunkle Haar mit ersten sil­bernen Fäden durchsetzt. Für den Handel mit Betäubungsmitteln, fahr­lässig begangen, wohlgemerkt, verur­teilte ihn vor gut einem Jahr das Ha­nauer Schöffengericht zu neun Mona­ten auf Bewährung. Er ging in die Be­rufung. Er landete deshalb nun bei Richterin Peter vor der 6. Klei­nen Strafkammer; die nächste Instanz.

Es geht Herrn S. ja nicht um die neun Monate. Ein Pappenstiel. Kann es doch für gewerbsmäßigen Ver­kauf von ein paar Gramm Heroin schon fünf Jahre geben, wenn’s schlecht läuft. Vielmehr möchte Herr S. sein Geld zurück. 35.000 Euro hat­ten der Ha­nauer Drogenfahnder Ralf D. und seine Kollegen in einem Lüf­tungs­schacht unter der Knaster­box gefun­den. Mehr noch: Die Beamten stellten jede Menge Liefer­scheine, aber auch Hunderte von Beutelchen mit so un­verdächtigen Bezeichnun­gen wie „Car Vaporizer“, „Organic Car Perfume“ oder „Pre­mium Insense OMG“ sicher. Die offi­ziell als Lufter­frischer gehan­delten Mischungen stammten von ei­nem holländi­schen Lieferanten. Alle zwei Wochen, so ergaben die Ermitt­lungen, war eine neue Sendung ein­ge­trudelt. Ein­kaufspreis: Zehn Euro, Ladenpreis: mindestens das Dop­pelte. Insgesamt 58 Fälle von Dro­genhandel rechnete das Schöffenge­richt dem An­geklagten vor, wobei es ihm gnädiger­weise Fahrlässigkeit zu­bil­ligte. Wo­möglich habe er gar nicht gewusst, was er da verkaufte. Das Geld aber war allemal futsch: „Wert­ersatzver­fall“ nennen das die Juris­ten. Es ist Paragraph 73 StGB: „Ist eine rechts­widrige Tat be­gangen worden und hat der Täter ... für die Tat oder aus ihr etwas erlangt, so ordnet das Gericht dessen Verfall an.“ Heute steckt Herr S., arbeitslos und von Hartz IV ab­hängig, bis zum Hals in den Schulden, und so klam­mert er sich an die Hoff­nung, viel­leicht einen Teil zurückzu­bekommen.

Tatsächlich sei das erst­instanzliche Urteil, so macht Richterin Peter klar, durchaus fehlerhaft. So han­dele es sich, nach juristischer Zähl­weise, höchstens um 22 Fälle, zudem habe das Schöffengericht den Erlös aus dem Geschäft mit der Duft- und Schnüffelware falsch berechnet.

Herr S. wird von der Strafrechtlerin Claudia Fennemann aus Frankfurt vertreten, eine wackere Fechterin für das Anliegen ihres Mandanten. Sie bezweifelt, dass die verkauften Päck­chen tatsächlich den (vom Schöffen­gericht nur geschätzten) Wirkstoffge­halt aufwiesen. Überdies verfüge Herr S., aus dem Schaden klug geworden, derweil über Einsicht in das Ver­werf­liche seines Tuns. Das müsse sich doch irgendwie auszahlen …

In Richterin Peter findet Anwältin Fennemann ihre Meisterin. Die hat sich nämlich in die Akten ver­bissen, offenbar auch chemisches Wissen ge­büffelt, auf jeden Fall höchstrich­terli­che Ent­scheidun­gen studiert. Der Wirkstoff mit der Summenformel C14 H18 N2 O2 aus der Klasse der Hallu­zinogene, in der Chemie auch O-Acetylpsilocin ge­nannt, weist eine Vielzahl körperli­cher und psychi­scher Wirkungen auf – von sexueller und geistiger Stimula­tion bis zum Verlust des Zeitempfin­dens. Er fällt unter das Betäubungsmittelgesetz. „Wir müssen nun jedes ein­zelne Asservat nach­träg­lich von ei­nem Gutachter über­prüfen lassen“, so die Kammer­vorsit­zende. Eine teure Angelegen­heit. Tausende Euro wären da fällig – für den Verur­teilten. Und dass Thors­ten S. hier nicht mit einem Freispruch rausgehe, sei wahrschein­lich, so Pe­ter: „Ich halte es für ve­rantwor­tungslos, Ihren Mandanten diesem Risiko aus­zuset­zen!“ Es wird dann noch ein we­nig laut im Saal 216; die Richterin hier, die Verteidigerin da. Irgendwas müsse doch positiv her­auskommen für Herrn S., wenn das Urteil schon fehlerhaft sei, grollt jene. Sie grollt vergebens. Denn nicht nur das Geld, so macht Richterin Peter klar, sei endgültig verloren, auch könne die Strafe deut­lich höher ausfallen. Viel­leicht sogar eine ohne Be­währung?

Es wirkt, wie es fast immer wirkt: Thorsten S. zieht seine Berufung er­schrocken zu­rück. Wo es nichts zu gewinnen gibt, lohnt auch nicht der Kampf. Irgend­wie wirkt er trotzdem erleichtert. Richterin Peter konsta­tiert dann doch noch etwas Positives für ihn, nämlich, dass er zum ersten Male gelächelt habe. Ein Lächeln? Nun ja, der Ver­such eines Lächelns, zart wie eine Brise „Tropical Car Perfume Monkey“ aus der Knasterbox …