Kein Rabatt für Panzerknacker

Schlimme Assoziation: An „Bilder aus dem Irakkrieg“ fühlte sich Anwalt Schmelzer durch die Umstände der Festnahme erinnert. Filmplakat „Road to Guantanamo“, 2006

HANAU/ERLENSEE. (dig) Im Prozess gegen die Panzerknacker von Erlensee, jene vier jungen Leute, die zwei Fahrkartenautomaten am Rodenbacher Bahnhof sprengen wollten und zuvor auf ähnliche Weise – wenn auch vergeblich – versucht hatten, nachts in der Volksbank Nidderau an Geld zu kommen (hier, hier und hier), wurden nun die Urteile gesprochen. Erwartungsgemäß fielen sie unterschiedlich aus: Ali E., 24, erhielt vier Jahre, Taher M., 20, drei Jahre, in seinem Fall allerdings Jugendstrafe. Ältere Urteile wegen ähnlicher Delikte sind dabei eingearbeitet. Hasan U. und Oktay H., beide ebenfalls 20, kamen mit einem Schuldspruch auf Bewährung, wie dies nach dem Jugendgerichtsgesetz möglich ist, bzw. einer Verwarnung und Arbeitsstunden davon.

Weit interessanter dürfte für Prozessbeobachter gewesen sein, inwiefern die Jugendkammer des Landgerichts auf die Strategie des Frankfurter Strafverteidigers Robert Schmelzer reagieren würde, der einen Strafnachlass für seinen Mandanten Taher M. forderte, weil die Polizei den vier jungen Männern bei der Festnahme vorübergehend die Sicht mit Augenbinden genommen hatte. Er bezeichnete dies als Nötigung, weil damit angeblich das Aussageverhalten beeinflusst werden sollte. „Wie im Irakkrieg“, so seine empörte Kritik. Kurz und gut: Das Gericht ließ sich nicht darauf ein. „Selbstverständlich dürfen Grundrechte von Verdächtigen nicht eingeschränkt werden“, so die Vorsitzende Susanne Wetzel. „Aber die Polizei wollte sie ja nicht erniedrigen, sondern nur ihre eigenen Observationskräfte schützen.“

Schwer tat sich die Kammer trotz mehrtätiger Beweisaufnahme damit, den Angeklagten ihre jeweilige Tatbeteiligung im Einzelnen nachzuweisen. Dies lag zum einen daran, dass jene vielköpfige Bande, die seinerzeit Angst und Schrecken im Kiez rund um die Wohnblöcke an der Leipziger Straße verbreitet hatte, meist mit wechselnder Besetzung „im Einsatz“ war; andererseits räumten die Angeklagten jeweils nur das ein, wofür eindeutige Beweise gegen sie vorlagen. Auch wurden zwar entsprechende DNA-Spuren an Kleidungsstücken und einer Saftflasche sowie Fingerabdrücke an Plastiktüten und Klebeband sichergestellt, sie konnten jedoch nicht mit Sicherheit der jeweiligen Tatzeit zugeordnet werden. So ist es zu erklären, dass es auch Freisprüche bezüglich einzelner Anklagen gab.

Dass Ali E. als „Hobbychemiker“, für den er sich ausgab, eine Art Spiritus rector gewesen sein muss, konnte die Kammer gleichwohl herausarbeiten. „Es hatte für Sie etwas Obsessives, Automaten in die Luft zu jagen“, meinte Richterin Wetzel in der Urteilsbegründung. Da strahlt der Ali, und das Grinsen will gar nicht mehr aus seinem Gesicht weichen. Aber vermutlich wird er die Bedeutung des Wortes einfach nicht verstanden haben.