Kein Raub beim Olli daheim

Ein Raub zeichnet sich nicht nur durch Einsatz gewaltsamer Mittel aus, wie er hier Harold Lloyd in „An Eastern Westerner“ (1920, ©Pathé) widerfährt, sondern auch durch den „finalen Zusammenhang“. Und der war in Ollis Fall halt nicht da.

Von Dieter A. Graber

HANAU. Würde ein Drogenhändler seine Kunden in der eigenen Wohnung ausrauben? Nein, sagt der gesunde Menschenverstand. Nein, sagt Staatsanwalt Joachim Böhn. Ja, sagt der Verteidiger. Und hinten im Saal hockt der Olli mit einem Gesicht, als seien sämtliche biblischen Plagen über ihn gekommen.

Olli, der arme Teufel. Olli, der gelegentlich einen Joint raucht. Olli, der hin und wieder auch mal ein paar Gramm vertickt, aber mit Drogenhandel nichts zu tun haben will. Olli, der Hartz-4-Empfänger, dem sie vier Diabolo-Kugeln aus einer Luftdruckpistole in den Kopf jagten, als er schon, von Faustschlägen niedergestreckt, auf dem Boden seiner Küche lag. Und der dann doch erst mal eine gute Stunde verstreichen ließ, ehe er die Polizei rief. Nein, es geht nicht viel zusammen in dieser kuriosen Geschichte, der zufolge eben dieser Olli von Giovanni und Andreas überfallen worden sein will, einfach so, morgens um halb fünf vor drei Jahren, wohingegen die beiden Angeklagten entschieden erklären, sie seien die Opfer gewesen. Olli habe sie „abrippen“ wollen, wie es im Szene-Deutsch heute heißt: ausnehmen, bestehlen, übervorteilen. Wie gesagt, es geschah in seinem bescheidenen Zuhause in der Hanauer Innenstadt (dazu hier und hier).

Für Staatsanwalt Böhn ist der Fall klar: Die Angeklagten hätten die Tat geplant. Mit ihrer Damenbekanntschaft, der Leyla und der Ramona, waren sie in der Nacht nach Hanau gefahren. Deutschland war wenige Stunden zuvor Fußballweltmeister geworden. Man hatte gefeiert und brauchte neuen Stoff. „Vielleicht geht da noch was“, hatte die Leyla optimistisch gemeint. Beim Olli ging doch immer was. Leyla war Stammkundin. Sagt sie. „Ich komme zum Kaffee vorbei“, das sei ihre Parole am Telefon gewesen. Ach ja, Kaffee gab’s auch beim Olli, wenn er in aller Herrgottsfrühe von seiner Arbeit, so einem kleinen Vertriebsjob, nach Hause kam, und ein paar tröstende Worte obendrein, wenn die Leyla mal wieder Probleme hatte mit ihrem Kerl. Ist ja auch noch ein junges Ding von einundzwanzig; der Olli hingegen hat lebenserfahrene fünfundsechzig Jahre auf dem mageren Buckel.

Staatsanwalt Böhn fordert für jeden der Angeklagten zwei Jahre und vier Monate. Er ist von einem geplanten Raub überzeugt. Warum sonst wären sie damals zu viert beim Olli erschienen, wenn einer allein den Nachschub hätte besorgen können? Notwehr? Böhn sagt, es sei wirklichkeitsfern, anzunehmen, dass ein so schmaler älterer Herr zwei durchtrainierte junge Burschen, der eine damals siebenundzwanzig, der andere vierundzwanzig, mit einem Messer auszurauben versuche. Gleichwohl hatte Olli dem Giovanni im Eifer des Gefechts mit seinem Taschenmesser einen schmerzhaften Stich in den Daumen verpasst. Ja, zu wehren versteht er sich schon.

Und wie er so da hinten sitzt, die Beine lässig übereinander geschlagen, erweckt er mitnichten den Eindruck eines typischen Opfers, nämlich ängstlich und verzagt, meint Verteidiger Jens Goymann (Haibach). Er hält ein gutes Plädoyer. Er sagt, eine Notwehrsituation könne letztlich nicht ausgeschlossen werden. Also In dubio pro reo. Und die Gewalt, zu der es nun einmal gekommen war in Ollis kleiner Küche, sei ja nicht „zum Zwecke der Wegnahme“ aufgewendet worden. Juristen sprechen da von „finalem Zusammenhang“. Ohne den aber ist ein Raub nun mal kein Raub. So einfach kann die Rechtswissenschaft sein.

Goymann fordert daher Freispruch, wie seine Kollegin Sonja Neuberger auch. Olli wird das nicht verstehen. An jedem Verhandlungstag war er im Saal. Offenbar wollte er kein Wort verpassen. Vielleicht traute er dem Frieden nicht so recht. Wenn man es mit Drogen hält, gerät man auch als Opfer schnell ins Visier der Ermittlungsbehörden. Da ist es besser, man weiß, was auf einen zukommt. Und warum eigentlich wird er in den Plädoyers wiederholt (und einmal sogar in der Urteilsbegründung), irrtümlicherweise natürlich, als „Angeklagter“  tituliert? Ein Lapsus linguae fürwahr. Sigmund Freud lässt grüßen …

Die 5. Große Strafkammer macht sich die Sache gleichwohl nicht leicht. Wegen gefährlicher Körperverletzung kriegt Giovanni elf, Andreas sechs Monate. Der Raub ist vom Tisch. Notwehr allerdings auch. „Der genaue Ablauf der Geschehnisse in jener Nacht lässt sich nicht mehr klären“, sagt der Richter. Aber die Aussagen von Leyla und Ramona seien glaubhaft. Sie hatten einen gemeinsamen vorherigen Tatplan dementiert.

Übrigens wurden die beiden jungen Frauen in dieser Sache bereits verurteilt. Es gab ebenfalls Bewährungsstrafen. Und zwar wegen Raub, obwohl es doch bestenfalls ein Diebstahl war: Leyla und Ramona hatten 50 Euro und ein paar Zigaretten gemopst, während es in der Küche zur Sache ging. So widersprüchlich kann Rechtsprechung sein.

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