Keiner nennt Marlowe "Phil"

Einfach nur Augen: Marlowe-Roman von Banville/Black

Über den grünen Klee gelobt wurde der Roman „Die Blonde mit den schwarzen Augen“, dessen Protagonist – Sie lesen richtig! – Philip Marlowe ist, der wohl legendärste Schnüffler der Krimi-, ach was, der Literaturgeschichte. „Ein erstklassiger Noir“ fand die New York Times und Stephen King, der Altmeister des Grusels, schrieb: „Als würde ein alter, totgeglaubter Freund plötzlich den Raum betreten“ (Klappentext). Vergessen Sie’s. Das Buch ist so weit entfernt von Raymond Chandler wie die Eintracht von der Championsleague.

Verdammt riskante Sache, heute einen Philip-Marlowe-Roman zu schreiben. Der Ire John Banville hat’s versucht unter dem Pseudonym Benjamin Black. Der Mann kann einem leidtun. Er hat’s versaut. Gründlich.

Dabei ist „Die Blonde mit den schwarzen Augen“ ja durchaus lesenswert. Zündende Dialoge. Ein paar witzige Vergleiche und Metaphern. „Dieses Lächeln: Es war, als hätte sie es vor langer Zeit mit einem Streichholz entzündet und dann vor sich hin glühen lassen.“ Fabelhaft. Aber damit ist das Beste über dieses Buch auch schon gesagt.  

Im Vermächtnis von Raymond Chandler, der 1959 starb, fand sich eine Liste möglicher Buchtitel. Einer lautete: „The Black-Eyed Blonde“. Banville/Black hat drumherum eine Story gebastelt, die sich reinzwängt in die Romanreihe des großen amerikanischen Schriftstellers, irgendwo am Ende, als alles erzählt war und Chandler, inzwischen alkoholkrank, innerlich abgeschlossen hatte mit seinem Philip Marlowe. Die allerletzte Geschichte, als „Poodle Springs Story“ fragmentarisch hinterlassen, wurde später von Robert B. Palmer zu Ende geschrieben. Sie heißt: „Einsame Klasse“.

Das ist „Die Blonde mit den schwarzen Augen“ beileibe nicht. Vielmehr stellt sie den untauglichen Versuch dar, ein Stückchen Ruhm von der Legende einzuheimsen. Es ist eine aus Chandlerschen Versatzstücken zusammengeschusterte Geschichte, die nichts, aber auch gar nichts von der Sprachgewalt des Originals besitzt. Da mäandert ein seltsam indifferenter Philip Marlowe zwischen bekannten Namen wie Bernie Ohls (Polizeichef) und Linda Loring (die alte Flamme aus „Der lange Abschied“) durch eine Story, die damit beginnt, dass der Held in seinem Büro wartet – und prompt eine atemberaubend schöne, natürlich auch reiche Frau herein schneit, um seine Dienste in Anspruch zu nehmen: „Es war einer jener Dienstagnachmittage im Sommer, an denen man sich fragt, ob die Erde aufgehört hat, sich zu drehen. Das Telefon auf meinem Schreibtisch sah aus, als wüsste es, dass es beobachtet wurde.“ Schon dieser Einstieg ist misslungen. Chandler hat ihn zwar ähnlich, aber brillant verwendet in „Die kleine Schwester“: „Auf der Riffelglasscheibe der Tür steht mit abblätternder Farbe: ,Philip Marlowe … Ermittlungen.‘ Es ist eine recht schäbige Tür am Ende eines recht schäbigen Korridors, in einem Gebäude von der Sorte, wie sie ungefähr in dem Jahr entstanden, als das Kachelbad das Fundament der Kultur wurde.“ Oder in „Mandarin-Jade“, einer Short Story: „Ich war grad damit beschäftigt, meine Pfeife zu rauchen und der Rückseite meines Namens auf der Glasscheibe der Bürotür Fratzen zu schneiden …“ Nun, da klingelt das Telefon bereits zwischen den Zeilen, da wird der Leser hineingezogen in die Handlung, weil der erste Absatz schon voller Leben und Ironie steckt. Bei Chandler ist selbst die Stille so dicht, „dass man sie in Scheiben schneiden und mit Butter bestreichen könnte“. Da transportiert eine Wortwertschöpfungskette unermüdlich die Handlung voran, bis der Leser, was durchaus passieren kann, den roten Faden verliert – aber egal, nur weiter mit dieser Sprachgewalt. Grandios die fast manische Beschreibungswut Chandlers, die Schilderung von Guten und Bösen, detailliert bis ins Letzte, selbst dort, wo es nichts mehr zu schildern gibt: „Seine Augen hatten keine besondere Farbe. Es waren eben Augen“ („Gefahr ist mein Geschäft“).

Nein, da kommt Banville nicht mit. Bisweilen gleitet er ab in alberne Allegorien. Beispiel: „In dieser Gegend gibt es Tage im Hochsommer, an denen die Sonne einem zusetzt wie ein Gorilla, der eine Banane schält.“ Sein Marlowe soll für die stinkreiche Clare Cavendish einen verschwundenen Liebhaber suchen. Er ist aber selbst derart angetan von seiner Mandantin (warum eigentlich?), dass man ihm zurufen möchte: Junge, trink einen Bourbon und krieg dich wieder ein! Zitat: „Mir wurde [nach einer koketten Bemerkung ihrerseits, d. Verf.] kurz schwindelig, wie wenn man jung ist und ein Mädchen etwas sagt, das einen glauben lässt, sie sein an einem interessiert.“ Die beiden stehen am Meer. Zitat: „Die Wellen rollten träge an Land, Strandläufer huschten durch den Sand und am Horizont  hing eine unbewegliche weiße Rauchfahne an einem Schornstein.“ Sie sagt: „Oh Gott, wie ich diese Stelle hier liebe.“ Sie hakt sich bei ihm ein. Zitat: „Eigentlich hätte Musik spielen müssen, ein gewaltiges Säuseln von sentimentalen Geigen …“ Später küsst er sie. Wir nähern uns Barbara Cartland.

Weiter hinten sagt so ein Typ doch tatsächlich „Hallo Phil“ zu ihm. Hallo Phil!  Also das geht gar nicht. Keiner nennt Philip Marlowe einfach „Phil“. Aber es ist ja auch nicht Marlowe, genauso wenig wie ein Wimmelbild in einem Kinderbuch was mit einem Breughel zu tun hat. Hätte Banville, verdammt nochmal, einfach nur eine Hard Boiled Fiction geschrieben mit irgendeinem harten Hund in der Hauptrolle, es wäre ein passables Buch geworden.

Dieter A. Graber

 

Benjamin Black: Die Blonde mit den schwarzen Augen, Roman, Kiepenheuer & Witsch, broschiert, 288 Seiten, 14,99 Euro.