Kifferidylle bröckelt

Von Dieter A. Graber

HANAU. Lena, deren Namen wir geändert haben ihres Alters wegen, ist 17 Jahre. Sie geht noch – oder auch: wieder – zur Schule, was so nicht absehbar war, denn fast hätte sie ihr junges Leben ebenso an die Wand ge­fahren wie der Kevin und die an­de­ren, die keinen Abschluss ha­ben und auch keine Ausbildung und des­halb keine richtige Ar­beit. Oft habe sie den Unterricht geschwänzt da­mals, erzählt Lena nun als Zeugin in Saal 215. Sie war die Freundin von Stefan. Ihre Eltern wollten diese Beziehung nicht, da hat sie sich heimlich mit ihm getroffen. Das tat sie auch am Tag, nach­dem Hugo gestor­ben war. 

„Stefan erzählte mir die Ge­schichte aus der Nacht zuvor. Von dem Joint und al­lem. Auch, dass erst sein Onkel davon ge­raucht hätte und er zu­sammen­ge­brochen und fast er­stickt sei“, sagt sie. Das bedeutet: Zumindest Kevin und Halil, die den Onkel mit dem Joint hat­ten beglü­cken wol­len, wussten von der Gefähr­lich­keit des syn­thetischen Canna­binoids, das er enthielt. Und später, vor der Kreisreal­schule, habe Kevin den Hugo da­von probieren lassen. Auch der erlitt unverzüglich einen Kreislauf­kollaps. „Stefan meinte noch, man solle einen Rettungswagen rufen, aber der Halil wollte das nicht. Wegen der Drogen und so. Er drohte Stefan: ,Dann brauchst du dich in Gelnhausen nicht mehr blicken zu lassen. Du weißt, wie groß meine Familie ist.‘“ Nein, das ist nicht mehr die Kifferidylle vom Anfang …

Zugegeben: Es sind Zitate aus zweiter Hand. Lena war nicht dabei in jener Nacht. Man kann solche Äußerungen als jugendli­che Fehleinschät­zung einer kriti­schen Lage wer­ten. Aber auch als das, was sie wohl sein sollten – vorausgesetzt, sie stimmen –, näm­lich als Drohung mit einem emp­findli­chen Übel, wie Juristen sa­gen, wenn sie Nö­tigung meinen.

Überhaupt: der Halil. Nichts ge­lernt, nichts geleistet, respektlos gegen Lehrer, gewaltbereit, von der Schule geflogen, vom Ar­beitsamt gefördert mit Geld und gu­ten Worten, aber mehr als Leih­arbeiter ist nun nicht drin, was ihn heute, wir nehmen ihm das ab, von Herzen reue. Die Mutter sitzt an jedem Verhand­lungstag hinten im Saal, eine kleine, ver­härmte Frau mit Kopftuch und traurigem Gesicht. Den Eltern habe es an „Erzie­hungs­kompe­tenz“ gefehlt, sagt Frau Kaiser von der Jugendge­richts­hilfe, die sich gleichwohl für eine Bewäh­rungsstrafe aus­spricht.

Aber so weit ist es noch nicht in diesem Verfahren, das für einen anderen der Angeklagten, den Kevin nämlich, noch schlimmer ausgehen könnte. Denn Ober­staatsanwalt Dominik Mies hält den Tatbestand eines vollendeten Tötungsdelikts für gegeben. Er verlangt von der Kammer einen entsprechenden „rechtlichen Hinweis“. Hintergrund: Der Frankfurter Toxikologe Ste­fan Tönnes kam in seinem Gutachten zu dem Schluss, es hätte für Hugo womöglich Rettung gege­ben, wäre er rechtzeitig in ärztli­che Obhut gekommen. Tönnes verwies auf eine Studie aus dem vergangenen Jahr. Da­nach über­lebten alle Personen, die nach der Einnahme syntheti­scher Canna­binoide zusammen mit Alkohol kollabiert waren – so­fern sie eine entsprechende Not­fallbehandlung erfuhren.

Kevin ist bisher nur eines ver­suchten Tötungsdelikts ange­klagt. Er wird von Rechtsanwäl­tin Beate Düring verteidigt. Keine einfache Aufgabe für die versierte Strafrechtlerin aus Lin­sengericht. Kevins Sympa­thie­werte sind im Keller, erst recht nach der Aussage von Va­nessa, 21. Sie ist seine Cousine. Nach­dem ihr Einzelheiten von dem tragischen Vorfall und die Hin­tergründe bekannt geworden wa­ren, hatte sie ihm vorgehalten, beinahe zwei Menschen umge­bracht zu haben. „Er erwiderte nur, dafür hätte er doch eine Me­daille ver­dient.“ Zynismus am Rande der Menschenverachtung. Vanessa war dann mit einer Freundin zur Polizei gegangen, um alles zu melden.

In den Zeugenstand tritt nun auch Patrick H., ein Freund des Ver­storbenen. Zufällig war er am frühen Morgen des 28. April 2016 mit Umut, damals 16, den er vom Sehen kannte, im letzten Vorortzug von Gelnhausen nach Wirthein unterwegs gewesen. „Wir haben gerade einen ab­gezogen. An der Realschule. Wir haben ihm Spice gegeben. Dann brach er zusammen …“, soll Umut auf der kurzen gemeinsamen Fahrt be­richtet haben. Stolz? Erschro­cken? Cool, wie die Jungs zu sa­gen pflegen? Jedenfalls wedelte er dabei mit dem  Personalaus­weis des Opfers herum.

Da war es 1.29 Uhr und Hugo lebte noch. Um sechs war er dann tot.