Kimbo-Prozess: Wahrheitsfindung hinter Panzerglas

Von Sylvia A. Menzdorf

FRANKFURT.  Man erkennt diesen Gerichtssaal kaum wieder. Düster wirkte er schon immer, weil kein Strahl Tageslicht einfällt und die dunkle Holztäfelung der Wände das ihre beiträgt zu diesem Eindruck. Muffiger Geruch, der den zahllosen hinter dem imposant langen Richtertisch sich türmenden Akten zu entsteigen scheint, hängt wie eine undurchdringliche Wolke in dem großen Raum.

Neu indessen sind die Hochsicherheitseinrichtungen, mit denen die Zuschauer abgeschottet werden. Zutritt bekommen sie erst, nachdem sie ihren Ausweis vorgezeigt haben, ihre Personalien registriert und sie von Polizisten durchsucht worden sind. Taschen, Mobiltelefone, erst recht Tablets müssen draußen bleiben und werden in einen Schrank eingeschlossen. Die Besuchertribüne ist mit Glaselementen vom Gerichtssaal getrennt. Sie sollen schusssicher sein. Es herrscht die höchstmögliche Sicherheitsstufe in diesem Prozess, bei dem es um den gewaltsamen Tod eines Rockers aus dem Drogenmilieu geht.

Er hieß Kibrom T., war 29 Jahre alt und wurde „Kimbo“ genannt. Getötet hat ihn der gelernte Postbote Zubaidullah K. (28) im April dieses Jahres, am helllichten Tag, mit 34 Schüssen in einer Grünanlage am Frankfurter Ben-Gurion-Ring, dem wahrscheinlichen heißesten aller sozialen Brennpunkte der Stadt.  Seine Freunde nennen den Zubaidullah auch „Bombe“, weil er, wie ein Zeuge unlängst vor der Schwurgerichtskammer aussagte, oftmals unkontrolliert ausgerastet sei.

Seit Anfang Juni verhandelt das Gericht gegen „Bombe“ wegen Mordes und zweifachen Mordversuches, weil im Kugelhagel auch zwei Freunde von „Kimbo“ verletzt wurden. Vor ein paar Wochen hat der schmächtige Mann mit dem kurz geschorenen Schopf  ein Geständnis abgelegt. Es sei um Drogengeschäfte gegangen. „Kimbo“ habe ihm oder seinem Bruder 40.000 Euro geschuldet.

Inzwischen wurden viele Zeugen gehört, und Staatsanwältin Miriam Haßbecker hat ihren Antrag gestellt: lebenslange Freiheitsstrafe wegen Mordes aus Heimtücke, zweifacher gefährlicher Körperverletzung und unerlaubten Waffenbesitzes.  Sie wirft „Bombe“ auch ein unfassbares Maß an Rücksichtslosigkeit gegenüber unbeteiligten Anwohnern vor. Vor allem um Anerkennung, Ehre, Macht sei es ihm gegangen. Sie fordert außerdem die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Was bedeuten würde: Selbst bei mustergültiger Führung hätte er keine Aussichten, das Gefängnis nach 15 Jahren auf Bewährung verlassen zu können. Er müsste zwischen 23 und 25 Jahren einsitzen.

Dem Antrag der Staatsanwältin schließt sich Robert Schmelzer an, der als Nebenklagevertreter die Angehörigen des Opfers vertritt. Der Verteidiger von Zubaidullah K. ist Stefan Bonn, ein erfahrener Spezialist für Strafrecht. Er will die Tat seines Mandanten als Totschlag bewertet sehen. Ein Strafmaß nennt er nicht.

Es ist also der voraussichtliche letzte Prozesstag, bevor am  Freitag,  25. September, 9 Uhr, das Urteil verkündet wird. „Bombe“ sitzt lässig neben seinem Anwalt. Im Zuschauerraum sitzen fünf junge Männer, die sich gut kennen und offenbar zu „Bombes“ Freunden gehören oder zumindest zu den Jungs vom Ben-Gurion-Ring.  Es gab Verhandlungstage, da drängten sich bunte Gestalten auf den Klappsitzen: Rockerfreunde von „Kimbo“ und Entourage von „Bombe“ und dazwischen die Polizei.

Die verbliebenen Fünf  hören angestrengt zu, wie die Vorsitzende Richterin Bärbel Stock juristische Hinweise, wie Staatsanwältin Haßbecker eine „dienstliche Erklärung“ abgibt. Trockene Sachen für Zuhörer. Dann soll doch noch ein Zeuge vernommen werden. Einer, der gehört haben soll, wie Zubaidullah vom Dschinn heimgesucht wurde im Untersuchungsgefängnis, von einem Geist, einem  unsichtbaren, dämonenhaften Wesen.  Im Islam werden Dschinn als aus Feuer erschaffen beschrieben.

Während das Gericht noch berät, ob dieser Zeuge für die Wahrheitsfindung von Wert ist, verziehen sich die jungen Herren wieder aus dem Zuschauerraum.

Ein Mensch, so ist es nachzulesen, der einem Dschinn folgt, verschwindet aus seiner Welt und wird nie wieder gesehen. Nicht ausgeschlossen, dass es Zubaidullah K. so ergeht. Wird er zu lebenslänglich mit besonderer Schwere der Schuld verurteilt, kommt er bestenfalls als alter Mann aus dem Knast.