Kleine Fluchten mit dem Kleinkraftroller

Schon immer ein harter Job: Steinsetzer im 19. Jahrhundert

Von Dieter A. Graber

MAIN-KINZIG. Der Beruf des Steinset­zers ist sehr alt, aber ein bisschen aus der Mode gekommen. Er erfordert hohen Körpereinsatz, wird schlecht bezahlt und genießt wenig Ansehen. Es sind die Männer, die Randsteine setzen, Gehwege und Fußgängerzo­nen pflastern und Böschungen und Randbefestigungen herstellen. Heute sagt man Pflasterer zu ihnen.

Günter M. war so einer. „Ich habe Steinsetzer gelernt“, sagt er, was ein wenig stolz klingt. Es muss in einem früheren Leben gewesen sein, das mit seinem heutigen gar nichts mehr zu tun hat. Es ist so einiges passiert in all den Jahren, die sich wie ein träger, trüber Fluss dahingeschleppt und ihn wie einsames Treibgut fortgespült haben, ohne Ziel, ohne Trost, ohne Zuver­sicht. Er zählt heute 58 Jahre. Seine Bandscheiben sind hinüber. Alle Tage schlimme Schmerzen. Das ist die Folge der harten Arbeit bei Wind und Wetter. Er kriegt eine winzige Rente, 113 Euro – richtig gelesen! –, das So­zialamt legt noch 254 Euro drauf, aber davon jeden Tag satt zu werden ist schon ein kleines Kunststück. Sein Zuhause sind 38 Quadratmeter einer Ein-Zimmer-Wohnung. Seine Welt ist angefüllt mit Leere. Nie hat er die große Liebe erfahren, nie echte Freundschaft, nie den Enthusiasmus großer Pläne, Wünsche, Hoffnungen.

Vermutlich wird auch seine Leber am Ende sein, denn Günter M. hat sich dem Alkohol verschrieben, und zwar seit seinem vierzehnten Lebensjahr, wie er traurig berichtet in Saal 124 des Gelnhäuser Amtsgerichts. Eine Flasche Weinbrand sei sein tägliches Quantum gewesen. Einmal versuchte er eine Therapie, halbherzig, erfolg­los. Gelegentlich kifft er auch. Wegen der Schmerzen. Wir wollen da nicht den Zeigefinger heben. Denn der Durst des Gewohnheitstrinkers ist der Durst seiner Seele. „Was machen Sie eigentlich den ganzen Tag?“ fragt Richter Wolfgang Ott. Der Angeklagte denkt nach. Er denkt lange nach. Dann antwortet er unsicher: „Na ja, ich fahre rum, gehe spazieren …“

Heute klagt ihn der Hanauer Amts­anwalt Roland Gollbach an, weil er zweimal betrunken und unter dem Einfluss von Cannabis auf seinem Kleinkraftroller erwischt worden war. In einem Fall hatte er 2,19 Promille intus. Er leugnet nichts. Hätte auch keinen Sinn. Nur erklären will er es: „Ich hatte bis nachts um halb zwei ge­trunken. Mittags bin ich dann zum Einkaufen gefahren…“ Im zweiten Fall hätte er den Roller aus der Werkstatt abgeholt. Wieder mit Restalkohol im Blut. Ohne den wird es in den zurück­liegenden Jahren wohl keine Minute gegeben haben im Leben des Günter M.; stets tankte er rechtzeitig nach. „Was sollen wir bloß mit Ihnen ma­chen?“ fragt der Richter ratlos.

Günter M. trägt ein sauberes weißes Hemd unter einer schwarzen Jacke und einen mageren Haarkranz um den kahlen Schädel. Er hat ein kanti­ges Gesicht und große schwielige Hände, gefaltet wie zum Gebet. Ar­beiterhände sind das, die vom mühe­vollen Broterwerb zeugen. Seine Stimme passt zu diesen Händen: rau, tief, kehlig. „Vor sechs Wochen“, sagt er, „habe ich mich von meiner Le­bensgefährtin getrennt. Nach sechs Jahren!“ Es klingt, als wolle er damit einen Wendepunkt markieren: „Zwei Alkoholiker passen halt nicht zusammen.“ Er versuche jetzt, trocken zu werden. Allein. Es ist ein verzweifelter Versuch. Demnächst will er zur Entgiftung. 1,8 Millionen Alkoholabhängige gibt es in Deutsch­land. 74.000 sterben jedes Jahr an den Folgen ihrer Krankheit.

Richter Ott liest aus dem Strafregister des Angeklagten vor. Es gibt da ei­nundzwanzig Eintragungen. Aus­schließlich Trunkenheitsdelikte. Meh­rere Jahre hat er deshalb im Gefäng­nis verbracht. Zurzeit steht er unter Bewährung, und deshalb könnte es eng werden heute. Günter M. hat den erfahrenen Rechtsanwalt Rainhard Cerny aus Schlüchtern an seiner Seite. „Mein Mandant besucht jetzt auch eine Gruppe anonymer Alkoho­liker“, führt er ins Feld. „Müsste er nun wieder ins Gefängnis, würden seine Bemühungen, von der Sucht loszukommen, zunichte gemacht.“ Amtsanwalt Gollbach fordert zehn Monate ohne Bewährung.

Es werden dann zwar zwölf, aber der Angeklagte bekommt von Richter Ott eine letzte Chance: Bewährung. 750 Euro muss er auch noch zahlen, ab­stottern in kleinen Beträgen. Es ist ein von Mitgefühl getragenes Urteil. Den Roller jedoch lässt der Richter einzie­hen, so ein auf 25 Kilometer die Stunde gedrosseltes Gefährt, für das man keinen Führerschein benötigt. Damit machte Günter M. seine Ausflüge – kleine Fluchten aus der Ein­tönigkeit eines misslungenen Lebens.