Kleiner Mann mit großem Messer

Von Dieter A. Graber

HANAU. An einem Tag im vergange­nen Juni verbrachten Lars, Fabian, Daniel und noch ein paar an­dere Jungs ihre Mittagspause auf dem kleinen Spielplatz hinter der Ludwig-Geissler-Schule. Es war gegen 13 Uhr. Ein junger Bursche radelte heran. Er war nicht eben groß, eher schmächtig und ziemlich mager, aber er hatte ein beeindruckendes Küchenmesser da­bei. „Legt sofort euer Geld auf den Boden“, befahl der kleine Mann mit dem großen Schneidwerkzeug, was die eingeschüchterten Schüler ver­an­lasste, ihre Barschaft vor ihm aus­zu­breiten. Etwa 15 Euro kamen zu­sam­men. Dann gaben sie Fersengeld …

Soufiane J. wird aus der Untersu­chungshaft in den Gerichtssaal 216 gebracht. Er sieht wirklich nicht aus, als müsste irgendjemand Angst vor ihm haben. An seinen mageren Ge­lenken wirken die Handschellen schwer wie geschmiedete Bandeisen. Aber in diesem dünnen Kerlchen steckt eine Menge Aggression. „Er drohte, uns abzustechen, wenn wir ihm zu nahe kämen“, erinnert sich Dominik (16). Und Nathan (17), gut einen Kopf größer als der Angeklagte, ist sicher: „Der hätte Ernst gemacht. Er fragte mich: ,Willst du dein Leben riskieren für ein paar Euro?‘“

Eine Woche nach dem skurrilen Raubüberfall schlug Soufiane J. auf demselben Spielplatz erneut zu. So steht es jedenfalls in der Anklage­schrift. Vermutlich sogar mit demsel­ben Messer. „Er hielt es mir vor den Bauch und verlangte mein Porte­mon­naie“, berichtet Miquel C. (22) im Zeugenstand. „Dann schlug er mir ins Gesicht und riss mir meine Goldkette vom Hals.“ Der junge Mann befand sich auf dem Weg zum Hauptbahn­hof. Das sind vom Spielplatz aus noch 550 Me­ter zu Fuß. Soufiane J. war an die­sem Tag in Beglei­tung eines bislang unbekannten Mittä­ters. Seine Beute betrug 210 Euro in bar sowie das Schmuckstück, ein Geschenk zu Miquels Erstkommunion.

Ein weiteres Ding soll sich der Ange­klagte drei Tage später in einer Tank­stelle an der Leipzi­ger Straße geleistet haben. Dort ar­beitet Frau K. als Kas­siererin. An je­nem Abend war sie al­lein. „Er kam herein, wollte eine Fla­sche Jägermeister und ein Päckchen Marl­boro kaufen. Plötzlich hielt er mir über den Tresen hinweg ein Messer entgegen und sagte ganz ruhig und leise: ,Mach die Kasse auf und gib mir das Geld!“

Claudia K. (54) ist schlank, hat schul­terlange, schwarze Haare und schon eine Menge erlebt. Neulich, erzählt sie so nebenbei, sei sie von einem Sex­strolch überfallen worden. Und an der Tanke ist ja auch immer was los. Da braucht’s Courage. Die hat Frau K. weiß Gott, schnappte sie sich doch einfach die Dose mit dem Tränengas, die für solche Fälle unterm Tresen lag, und nebelte den Räuber orden­tlich ein, dass der die Flucht ergriff. Nur die Marlboros nahm er mit. Auch diesmal war er per Drahtesel unter­wegs gewesen.  Den Jungs aus der Ludwig-Geissler-Schule begegnete Soufiane J. wenig später in der Ha­nauer Innenstadt; sie erkannten ihn gleich wieder und riefen die Polizei. Bei einer Durchsu­chung seines Zim­mers wurden der Nike-Pullover, die Jogginghose und die Turnschuhe si­chergestellt, die er beim Tankstellen­raub getragen hatte. Es gibt davon auch eine Videoaufzeichnung. Die 5. Große Strafkammer hat einen Gut­achter beauftragt, den Angeklagte da­rauf zu identifizieren – oder seine Un­schuld festzustellen. Vielleicht war es ja doch ein anderer …

Trotz Unschuldsvermutung dürfte dies gleichwohl eine eher hypotheti­sche Annahme sein. Der Dominik hat ihn im Gerichtssaal identifiziert, der Philipp, der Nathan, auch Miquel C. ist sich sicher, dass es der Angeklagte war, und Frau K. sowieso. Sie hatte ihn schon bei einer Wahllichtbildvor­lage auf der Polizei wiedererkannt. Obwohl er während des Überfalls eine Baseball-Kappe trug. Und Soufiane J. selbst ist von einer saloppen Ge­ständ­nisfreude: „Die Sache mit den Schü­lern war so“, sagt er: „Ich stand unter Drogen, hatte Amphetamin ge­nom­men, brauchte dringend etwas.“ Die Jungs hätten Haschisch geraucht, sagt er. „Das hab ich denen abge­nommen. Und das Geld auch …“ Er sei nämlich zudem spielsüchtig. Die beiden ande­ren Fälle gesteht er gleich mit, obwohl er sich eigentlich nicht daran erinnern könne. „Aber ich muss es wohl gewe­sen sein.“

Soufiane J. ist 27 und marokkanischer Staasbürger. Ei­nen Beruf hat er nicht ge­lernt. Seit seinem 13. Lebensjahr sei er wegen des Konsums von Betäu­bungsmitteln polizeibekannt, sagt Kommissarin Ju­dith J. im Zeugen­stand. Er selbst behauptet, sich alles reingezogen zu haben, was er in die Finger kriegen konnte: Can­nabis, Schlaftablet­ten, Alkohol. Das lässt Fragen offen. Zum Beispiel die, womit er, berufs- und arbeitslos, seine Süchte all die Jahre finanziert haben will. Tatsäch­lich führen immer mehr Straftäter vor Gericht ihre – tatsächli­che oder an­gebliche –Abhängigkeit ins Feld. „Verminderte Schuldfähig­keit“, wie es in Paragraph 21 StGB heißt, mildert nämlich die Strafe. Ein Gutach­ter wird Soufiane J. deshalb vor dem nächs­ten Ver­handlungstag un­tersuchen. Der Prozess wird fortgesetzt.