Komm Briederchen, trrrink!

Der Iwan an sich: So stellen wir uns einen gestandenen Russen vor (auch wenn dieser hier Hans Rolf hieß und aus Spandau kam)

Von Dieter A. Graber

HANAU. Der Mann mit dem Vorna­men Rzakouli ist von gewaltigem Wuchs, ein Bär mit Oberarmen wie Popeye und einer Stirn, die sich über den massigen Schädel bis zum Hin­terkopf erstreckt, bekränzt von einem Atoll dichten schwarzen Haars. „Vä­terchen“ nennt ihn der Waldemar liebevoll-ehrfüchtig. Die beiden stam­men aus Russland, ebenso wie der Oleg. Drei Freunde, die in Deutsch­land zusammengefunden ha­ben. Die irgendwie Fremde geblieben sind in einer neuen Hei­mat. Die gern zu­sam­menho­cken, ein bisschen schwat­zen und ihre russische Seele spa­zieren führen. An einem Tag im ver­gange­nen März versuchte der Wal­demar, „Väterchen“ Rzakouli bei einer sol­chen Gelegenheit zu er­stechen. Ein­fach so. Grundlos. Jetzt sitzt er auf der Ankla­gebank in Saal 215 des Landgerichts und kann sich selbst nicht erklären, was damals in ihn ge­fahren war.

Es ist eine jener skurrilen Taten, die den gemeinen Juristen verunsichern, weil ihr jegliche Logik abgeht. Kein Motiv weit und breit. Und doch ist es passiert. In der Küche vom Oleg. Die befindet sich im Souterrain eines Einfamilienhauses am Stadtrand von Bad Soden-Salmünster: Drei Plas­tik­stühle um einen Resopaltisch, eine Anrichte mit Herd, Spüle, Besteck­lade. Fertig. Oleg hatte eingeladen, Waldemar eine Flasche Wodka, Wein, Sekt und ein paar Dosen Mixery mit­gebracht. Das ist Bier mit Cola. Alles zu­sammen ergibt eine volle Dröh­nung. Die hatte Waldemar etwa ge­gen 16 Uhr erreicht. 2,58 Promille mindes­tens. Es war ein Frei­tag.

Laut Anklage, die Staatsanwalt Ma­thias Pleuser verliest, schnappte sich Waldemar unvermittelt ein Messer und rammte es dem Rzakouli, der ihm gegenüber saß, in Oberarm und Schulter, Wange und Hals. Vier Sti­che. Der verlor kurz das Bewusst­sein, wobei unklar ist, ob dies dem Blut­verlust oder dem Alkohol ge­schuldet war, lag er doch mit zwei Promille auch nicht schlecht im Ren­nen. Spä­ter soll Waldemar erneut auf ihn los­gegangen sein, aber dazu kommen wir noch.

Waldemar ist das Gegenteil vom „Vä­terchen“: Ein Leichtgewicht von 65 Kilo, verteilt auf 1,74 Metern Größe und so mager, dass er unter der Du­sche herumlaufen muss, um nass zu werden. Er hat ein sympathisches, aber blasses und todtrauriges Ge­sicht. Ein fleißiger Bursche übrigens: Seit vier Jahren arbeitet er bei einem Herstel­ler von Spezialfiltern in Steinau. Eine gute Arbeit mit gutem Lohn. „Unter der Woche“, sagt Wal­demar treuher­zig, „trinke ich keinen Tropfen. We­gen meinem Job!“ Frei­tagnachmit­tag geht’s dann aber los.

Als er vierzehn war, kam er mit sei­nen Eltern von Kirgisistan nach Deutschland, das ist eine Strecke von 5.940 Kilome­tern, doch richtig ange­kommen ist er nicht. Ein Spätaus­siedler mit Sprachproblemen, ohne Schulab­schluss, ohne richtige Berufs­ausbil­dung. Aber auf der faulen Haut lie­gen? Nein! „Ich hab mir selbst was gesucht“, berichtet er stolz. Sein Job als Pro­duktionshel­fer ist verantwor­tungs­voll. Gegen die Einsamkeit des Her­zens halfen ihm seine Freunde. Und der Wodka. Oft hockten sie in Rzakloulis Datscha, tranken das klare Wässerchen und schwadronierten friedlich bis in die Nacht hinein. So hätte es auch an je­nem Tag sein kön­nen …

„Wir bekamen Streit. Es ging um die Frau eines Freundes. Rzaklouli schlug mich, ich stürzte zu Boden. Er lachte. Da wurde ich wütend, ergriff einen Gegenstand und ging damit auf ihn los. Erst später merkte ich, dass es ein Messer war“, schildert Waldemar den Tathergang. Na ja, viel ist ihm ja nicht erinnerlich. Und am nächsten Tag, als er beim Haftrichter saß, hatte er ei­nen „Kater“ zum Steinerweichen und wusste gar nicht zu sagen, was überhaupt passiert war.

Für einen russischen Bären wie Rzakouli ist so eine Attacke jedoch nichts, was ihn besonders beeindru­cken würde. „Als wir eintrafen, stand er in der Küche und tupfte sich see­lenruhig das Blut ab“, berichtet Kommissar Willi W. im Zeugenstand. „Die ganze Wohnung war damit be­sudelt.“ Richter Peter Graßmück zeigt ein paar Tatortbilder auf dem Ge­richtsmoni­tor. Sie erinnern an Standfotos aus einem Splatterfilm.

Einen zweiten Angriff auf seinen Freund, das „Väterchen“, leugnet Waldemar, und weil der Täter, streng juristisch betrachtet, von seinem bö­sen Tun ab­ließ (Rücktritt von der Tat), während sein Opfer vorübergehend ohnmäch­tig war, schrumpft der an­geklagte versuchte Tot­schlag zu einer gefährlichen Körper­verletzung. Im­mer­hin reicht es noch für eine drei­einhalbjährige Freiheits­strafe, die das Gericht schließlich aus­spricht; Walde­mar wird zudem in eine Entzie­hungs­anstalt eingewiesen. Er nimmt das Urteil an.

Ach ja, „Väterchen“ Rzakouli ist dem Waldemar gar nicht mehr böse. Und auch der Oleg kann nur Gutes über ihn sagen. Ein Freund bleibt immer Freund, / auch wenn die ganze Welt zusammen fällt, sangen die Comedian Harmonists. Konjetschno! Jawoll!