Kredithaie unter sich

Und der Haifisch, der hat Zähne, und die trägt er im Gesicht: Manchmal geschieht es auch, dass die Burschen übereinander herfallen. Abb.: Man’s Magazine, 1954

Von Dieter A. Graber

HANAU. Mustafa ist nicht eben groß, aber füllig in der Körpermitte; man könnte auch sagen: ziemlich beleibt für seine 25 Jahre. Mustafa hat ein Problem, das er mit 6,7 Millionen Menschen in diesem Lande teilt: ein Berg Schulden. Heute ist sein Auftritt im Prozess ge­gen seinen ehe­maligen Geschäfts­partner Abdullah in Saal 19 des Ha­nauer Justizgebäudes.

Mustafa juckelt kribbelig auf dem Zeugenstuhl herum und versucht um­ständlich, dem Schöffengericht den Hergang zu schildern. Er spricht flie­ßend Deutsch, das schon, aber mit türkischem Akzent und vor allem: ohne jede chronologische Ordnung. Er hat das ja alles schon mehrmals bei der Polizei vorgetragen, aber stets ein bisschen anders, was Richterin Kohlheim nun das Verstehen der Zu­sammenhänge nicht eben erleichtert. Die Kurzfassung geht so: Mustafa, der mitten in Hanau einen Handyladen betrieb, pumpte den Abdulla um 15.000 Euro an. Der ist Autohändler und nebenbei Diskobetreiber. Er wollte als Sicherheit einen Anteil an Mustafas Geschäft: 50 Prozent – oder 60, so genau lässt sich das heute nicht mehr sagen. Die beiden entwi­ckelten eine grandiose Geschäftsidee. Sie ist eine von diesen Einfällen, die regel­mäßig in der Katastrophe enden, je­denfalls für die meisten Beteiligten: Wer bei kei­ner Bank mehr für einen Cent gut war, konnte gleichwohl von Moham­med bis zu 2000 Euro auf die Hand be­kommen. Dazu musste er nur meh­rere Handyverträge auf einmal abschließen. Bei dem Geld handelte sich um die Auszahlung der Provider an Kunden, die auf teure mo­bile End­ge­räte verzichten. Also Ver­trag ohne Telefon. „Eine unge­wöhnli­che Form der Kreditbeschaf­fung“, fin­det Staats­anwalt Mathias Pleuser.

Mohammed warb dafür auf Facebook. Nicht bekannt ist, wie viele ihm auf den Leim gingen und sich verpflichte­ten, zwei Jahre lang hor­rende Sum­men für eine Vielzahl nutzloser Handy­verträge zu blechen, jedenfalls kletterten seine Schulden weiter in die Höhe. Schließlich forderte Abdullah ungedul­dig seine Einlage samt Zins und Zinseszins zu­rück, angeblich 60.000 Euro – die Summen variieren im Laufe der Verhandlung –, und zwar mit drastischen Methoden: Laut Anklage habe er den Mohammed übel malträtiert und ihm zudem gedroht, seinen Vater umzu­bringen.

Es soll im Hinterzimmer seines La­dens passiert sein: „Er schloss die Tür ab, schlug mir mit der Faust ins Ge­sicht, trat mir mit seinen spitzen Schuhen gegen den Oberschenkel, zog mir ein Ohr lang und schrie, er schneide es mir ab, wenn ich nicht zahle“, schildert der Zeuge den Vor­fall.

Der Angeklagte ist 33 Jahre alt und ein Bär, nicht allein von seinen Aus­maßen her. Das kurze Barthaar be­deckt einen Großteil des Gesichts und zieht sich über sein mächtiges Dop­pelkinn den Hals hinun­ter, um dann im Hemdkragen zu ver­schwinden. Er leugnet. „Ich steckte mehrere Tau­send Euro in den Laden, musste aber feststellen, dass er mich betrog. Er nahm heimlich Geld aus der Kasse!“ Staatsanwalt Pleuser fragt: „Warum investierten Sie als Ge­schäftsmann in so ein dubioses Mo­dell?“ Treuherzig entgegnet Abdullah: „Er steckte in ei­ner verzwick­ten finan­ziellen Lage. Ich wollte nur behilflich sein, nichts daran verdienen.“ Nein, Quit­tungen, Ver­träge gäbe es nicht mehr. Alles verlo­ren gegangen. Mohammed zürnt: „Für 30.000 Euro verlangte er 8.000 an Zinsen.“ Das wären über 26 Prozent. Nicht übel in einer Zeit der Niedrig­zinspolitik. Und daher drängt sich der Eindruck auf, als hätten sich hier zwei Schlaumeier ge­genseitig über den Tisch zu ziehen versucht.

Am Schluss zieht Abdulla den stärks­ten Trumpf: seinen Reisepass. Er reicht ihn Richterin Kohlheim nach vorn. Am angeblichen Tattag befand er sich ausweislichen eines Einreise­stempels in der Türkei.

Das gibt den Ausschlag: Die räuberi­sche Erpressung sei nicht nachweis­bar, meint Pleuser und fordert Frei­spruch. So kommt es auch. „Ich habe viel erfahren über das Handyge­schäft“, sagt er noch. Ja, auch ein Staatsanwalt lernt nicht aus.