Kriegstrauma durchs Telefon

Zu Risiken und Nebenwirkungen des Telefonierens fragen Sie Ihren Psychiater oder Integrationsbeauftragten: Thriller von Don Siegel, 1977 ©United Artists

Von Dieter A. Graber

HANAU. Es ist alles gesagt im Prozess gegen die drei jungen Angeklagten, ihre Lebensgeschichte rauf und run­ter gebetet, die allgemeine Fas­sungslo­sigkeit über ihre kriminellen Karrie­ren in Worte gekleidet, nun also neigt sich die Beweisaufnahme ihrem Ende zu, da stellt Richterin Oberlän­der dem Taher die Frage: „Hät­ten wir früher etwas unternehmen müssen? Sie ins Gefängnis stecken etwa?“ Ratlosigkeit klingt da mit. Und Taher, ein 19-Jäh­riger Schwerkrimineller mit einem sympathischen Jungengesicht und viel Kleister im pechschwarzen Haar, antwortet im Brustton der Überzeu­gung: „Ja! Wenn ich damals was auf die Mütze gekriegt hätte, schon nach meinem ersten Diebstahl … Das Ge­fängnis hat mir jedenfalls geholfen!“ Vier Monate verbrachte er in Untersu­chungshaft (dazu hier).

Irgendwie scheinen die Positionen verschoben zu sein. Ein Angeklagter, der den Richtern die Leviten liest. Prozesstaktik, ohne Zweifel. Aber nicht der Konjunktiv entscheidet da­rüber, ob Taher, Jamea und Ali in die­ser Berufungsverhandlung vor der 2. Jugendkammer noch einmal, viel­leicht ein allerallerletztes Mal, mit ei­nem „blauen Auge“ davon kommen. Tahers Verteidiger, die Strafrechtler Schmelzer und Thiée aus Frankfurt, lassen nichts unversucht, ihrem Man­danten den Strafantritt zu ersparen. Sogar zu einem Psychologen haben sie ihn geschickt. Richterin Susanne Wet­zel trägt das – freilich magere – Er­gebnis der Exploration vor. Fazit: Der Krieg sei schuld, der Staat Is­rael oder die Hamas, die Politik im Nahen Os­ten –  alle, außer natürlich Taher.

Um das zu erklären, muss man etwas weiter ausholen: Die Familie stammt aus Palästina. Flucht nach Deutsch­land in den 90er Jahren. Der Vater studierte und fand eine Anstellung als Bi­ologe an der Universität, dann aber seine Erfüllung in der Betreuung Be­hinder­ter. Bei einer Reise in die Hei­mat vor zwei Jahren geriet er zwi­schen die Fronten. Israel hatte am 8. Juli 2014 als Reaktion auf Raketenbe­schuss der radikalislamischen Hamas und ande­rer Extremisten den Gaza­streifen sys­tematisch bombardiert. Der Krieg dauerte 50 Tage. Regelmä­ßig hatte Taher von zuhause mit dem dort „eingeschlossenen“ Vater tele­fo­niert. Von „bedrückenden Kriegs­er­lebnis­sen“ spricht er jetzt. Trauma­ti­siert in Erlensee? Übers Telefon? Was dem Vater denn im Krisengebiet pas­siert sei, fragt Richterin Wetzel. Der Ange­klagte druckst herum. Nun …  – eigentlich ja nichts. „Aber einmal hörte ich bei ei­nem unserer Gesprä­che, wie im Hin­tergrund eine Rakete einschlug …“ Der Vater sitzt im Zu­schauerraum. Mohammed M. (48) ist ein großer, massiger Mann mit schütterem Haar und einem von Kümmernis gezeich­neten gutmütigen Gesicht. Er wird in den Zeugenstand gerufen. Er darf et­was sagen. Aber wie soll er das alles erklären? „Viel­leicht habe ich bei der Erziehung meines Sohnes etwas falsch ge­macht“, sagt er verlegen.

Der Psychologe absolvierte ein „Em­pathietraining“ mit Taher. Atem­übungen. Gespräche. „Deviantes Ver­halten durch die Kriegserlebnisse des Vaters“ – mehr ist ihm am Ende auch nicht eingefallen. Richterin Wet­zel vermutet, dass seine Konsultation mehr eine von den Verteidigern initi­ierte prozesstaktische Maßnahme war. Bezahlt hat sie übrigens die Kranken­kasse. Irgendwie gerät dieses Verfah­ren zu einem Stück aus dem Tollhaus, erst recht, als sich ein Nachbar der Familie ungebeten mit ei­ner E-Mail ans Gericht einmischt, in der er den jungen Mann über den grünen Klee lobt als außerordentlich hilfsbe­reit, enorm freundlich, hoch in­telli­gent …

Gleichwohl ist Tahers mündliches Ausdrucksvermögen bescheiden, sein Wortschatz begrenzt, seine Sprech­weise abgehackt. Einmal ab­sol­vierte er ein Schülerprak­tikum bei ei­ner Düsseldorfer Event­agentur, und nun ist er überzeugt, dort eine Lehr­stelle zu bekommen. Die Chefin weiß nichts von seinen vielen Vorstrafen. Er jobbt als Paketfahrer für 1.600 netto im Monat, nicht schlecht, aber mit einem einzigen An­ruf fand Richte­rin Wetzel heraus, dass sein Arbeits­vertrag auf einen Subun­ternehmer läuft, der in­zwischen Pleite gemacht hat. Das muss er jetzt hier erfahren, der Ange­klagte, hier in Saal 215 des Landge­richts, und das zeugt nicht un­bedingt von ausgepräg­ter Realitäts­nähe …

Verteidiger Robert Schmelzer kann sich auch keinen Reim auf die krimi­nelle Energie seines Mandanten ma­chen. Doch ist Ratlosigkeit ein Grund zur Nachsicht? In seinem exzellenten Plädoyer bittet er noch einmal um die Aussetzung der Gefängnisstrafe zur Bewährung. Aber die Staatsanwalt­schaft hat noch dermaßen viel auf der Pfanne, dass es, käme es zu neuen Anklagen, für ein paar weitere Mo­nate im Gefängnis reichen würde. Einmal sagt Taher, auf das über ihm schwe­bende Damoklesschwert der Haft an­spielend, larmoyant: „Ich habe keine Zu­kunft, kann keine Pläne ma­chen …“ – „Die Chance, Zukunfts­pläne zu ma­chen, haben Sie sich selbst verdor­ben“, antwortet die Kammervorsit­zende.

Vielleicht ist das die Antwort auf alle Fragen in diesem Verfahren.