Kurz vorm Kippen

Auch Josef K. hatte sich für unschuldig erklärt, und am Ende kam es doch knüppeldick: „Mann an Tisch“, Illustration Franz Kafkas zu seinem Roman „Der Prozess“

Von Dieter A. Graber

HANAU. Manche Seitensprünge ver­folgen einen ein Leben lang. Banu D. wird jetzt von einer – sagen wir mal: – delikaten kleinen Schwindelei einge­holt, zu der sie vor dreieinhalb Jahren gegriffen hat. Damals gab sie in ihrer Vernehmung zunächst an, zur Tatzeit, die Nacht auf den 8. September 2013, mit einer Freundin in Wiesba­den um die Häuser gezogen zu sein. In Wirklich­keit war sie in Begleitung ei­nes Man­nes gewesen. Die Frage, ob es sich bei Cengiz G. um einen Lieb­haber han­delte, mit dem sie seiner­zeit ihren Lebensgefährten Lutz H. betrog, ist bisher zwar unbeantwortet, liefert aber Stoff für al­lerlei friviole Mutmaßun­gen! Jeden­falls brachte ihr die Sache eine Menge Schwierigkei­ten ein. Und so auch jetzt wieder, am elften Ver­handlungstag neuer Zeit­rechnung in Saal 215. (Der Prozess platzte zwei­mal.)

Im Zeugenstand nimmt Platz: Bettina Fauth, 47, Hanauer Staatsanwältin. Eine Anklägerin auf dem „heißen Stuhl“, endlich mal wieder eine kleine Sensa­tion, die heute sogar ein Kame­rateam angelockt hat, auch wenn es nur we­nig bewegte Bilder einzufan­gen gibt. Frau Fauth ist eine bemer­kens­werte Erscheinung, zum einen wegen ihres Schicksals, ohne Seh­vermögen zu sein, andererseits aber auch, weil sie, selbstbewusst und rhetorisch begabt, sich von den scharfen Atta­cken der Ver­teidiger nicht aus der Ruhe brin­gen lässt. Vielleicht zieht sie aus ihrer Be­hinderung einen un­schätzbaren Vor­teil: die Gabe eines nahezu per­fekten Erinnerungsvermö­gens. Sie soll heute zu den Verneh­mungen von Lutz H. und Banu D. be­fragt werden.

Am 10. September 2013 hatte Bettina Fauth die Lebensgefährtin des damals schon tatverdächtigen Lutz H. in ihrer Wohnung aufgesucht, begleitet von einem Ermittlerteam der Kripo. Banu D. lebte damals in Nastätten, einer 4200-Einwohner-Gemeinde im Hintertaunus. Fauth wollte die Mut­ter von zwei kleinen Kindern nach dem Alibi von Lutz H. befragen. Sie traf auf eine zutiefst verunsicherte Frau. Stunden zuvor hatte die Polizei ihre Wohnung auf den Kopf gestellt und ein Chaos hinterlas­sen. „Sie war ziemlich durch den Wind“, erinnert sich die Staats­anwäl­tin, „extrem aufgeregt, sehr an­ge­spannt. Wir konnten kaum ver­nünftig mit ihr reden: Sie erzählte un­strukturiert, manche Fragen ver­stand sie gar nicht …“

Eine bedrückende Situation, Stress pur! Der Mann unter Mordverdacht, die quengelnden Kinder am Rockzip­fel, bellende Hunde im Hof, das schlechte Gewissen wegen der klei­nen Lüge in der vorausgegangenen Nacht, dazu die bohrenden Fragen und ernsten „Ermahnungen“ der Be­amten: „Mit Falschaussagen machen Sie sich strafbar! Denken Sie an Ihre süßen Kinder!“ Es scheint, als werde Banu D. ihre damalige Kopflosigkeit noch heute zum Nachteil ausgelegt. Sie ist keine sprachgewandte Person. Die Enden ihrer Sätze passen biswei­len nicht zu den Anfängen. So jemand re­det sich gern um Kopf und Kragen, erst recht unter Druck. So jemand ist einer routinierten Staatsanwältin nicht gewachsen. Aber dass sie nun im Prozess als einfältig hingestellt wird, ist, gelinde gesagt, entehrend.

Ihre „Widersprüche“ jedenfalls weck­ten den Jagdeifer der Bettina Fauth. Sie will sich festbeißen an die­sem Fall, auch aus persönlichem In­teresse. „Ich dachte während der Vernehmung ständig: dranbleiben, dranbleiben – die kippt gleich …“ Das tut Banu D. denn auch. Kleinlaut räumt sie die Geschichte mit Cengiz G. ein. Die „be­trogene Nacht“ zeitigt Folgen. Spät­folgen. Lutz H. hat die Beziehung, so­zusagen aus der Ge­wahr­samszelle heraus, beendet und Staatsanwältin Fauth sagt non­cha­lant: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht …“

Manches, an das sich die Zeugin mit dem formidablen Gedächtnis noch gut erinnert, gibt es nicht schriftlich. Nicht in den Vernehmungsprotokol­len und auch sonst nicht in den Ge­richtsakten. Die Verteidiger rügen das. Die „Belehrung“ des Lutz H. als Beschuldigter zum Beispiel. Frau Fauth betont: „Er wurde korrekt be­lehrt!“ Aber auch Nemo tenetur se ipsum accusare, wie die Juristen sa­gen, „Niemand ist verpflichtet, sich selbst anzuklagen“? Und welcher konkrete Tatvorwurf wurde ihm ge­macht? Die Zeugin schlägt sich wa­cker. Der Beschuldigte habe sehr spät, nämlich erst am Morgen nach seiner Vernehmung, einen Rechts­bei­stand verlangt, der aber sei zunächst uner­reichbar gewesen und schließlich gar nicht auf der Polizeistation 1 am Frei­heitsplatz aufgetaucht. In einem (ab­gehörten) Telefonat mit Lutz H. sagt der Anwalt jedoch, die Beamten hät­ten ihn förmlich abgewimmelt: „Sie können ihn jetzt nicht sprechen. Wir ermitteln noch auf Hochtouren und sind unterbesetzt.“

Bisher hat die Anklage noch keinen einzigen Punkt für sich verbuchen können. Die Telekommu­nikati­ons­überwa­chung, also abgehörte Ge­sprä­che, und die Aussage des Ver­deckten Ermittlers „Errol“ sollen die Wende bringen. Wie es heißt, will das Bun­desministe­rium des Inneren, der Dienstherr des Poli­zisten, von seiner  „Sperrer­klä­rung“ nicht abrücken. Eine „Tour D’Amour“ als Schuldbeweis ge­gen Banu D. jeden­falls wäre zu wenig. Und man weiß ja: Männer begehen Seitensprünge. Frauen passieren sie …