Leben und sterben auf dem Sofa

Der Tod schreitet voran, und alle folgen. Wer mag da von Schuld sprechen? Szene aus „Das siebente Siegel“ von Ingmar Bergman, 1957

Von Dieter A. Graber

HANAU. Die letzten Jahre ihres Le­bens verbrachte Roswitha I. auf einem Sofa, das ehemals braun gewesen war. In das Polster hatte sich am Schluss die Form ihres Körpers eingedrückt, wie eine Höhle, in die sie sich vor der Welt versteckte. Auf diesem Sofa starb Roswitha I., 64-jährig, irgendwann im Laufe des 4. September 2014, lautlos und unbemerkt von ihrer Familie, in einer Drei-Zimmer-Wohnung im Ha­nauer Stadtteil Südost, umgeben von Essensresten, PET-Flaschen, Mülltü­ten, einer Katze und einem Wellensit­tich. Es war das erbärmliche Ende ei­nes traurigen Daseins.

Wann genau das Sterben der Roswi­tha I. begann, bemüht sich nun die 1. Schwurgerichtskammer zu klären. Es geht um die Frage, ob sich die Familie schuldig gemacht hat einer Körperverletzung mit To­desfolge, begangen durch Unterlas­sen. In seinem Gutachter schildert der Gerichtsmediziner Stefan Potente den postmortalen Zustand der Frau: Ge­lenkstarre an Knien und Händen, Fehlstellungen bei Fingern und Ze­hen. Kaum noch Mus­kelmasse. Ge­storben war sie an einer doppelseiti­gen Lungenentzündung.

Es gibt Fotos in den Akten. Richter Peter Graßmück zeigt sie auf den rie­sigen Gerichtsmonitoren. Bilder des Schreckens: Rücken, Gesäß und Ell­bogen von Roswitha I.  sind mit Wundliegegeschwüren übersät, in de­nen es von Maden wimmelt. „Das Ge­webe war durch die regungslose Lage nicht mehr ausreichend durchblutet worden“, erklärt Potente.

Auf der Anklagebank in Saal 215 sit­zen Patricia S., 44, die Tochter der Verstorbenen, und ihre beiden Söhne Kevin, 24, und Steven, 22. Staatsan­walt Mathias Pleuser wirft ihnen vor, den Tod der pflegebedürftigen Frau verschuldet zu haben. Sie hätten ihre Fürsorgepflicht vernachlässigt.  Ihr Pflege und medizinische Versorgung vorenthalten.  Ihren gesundheitlichen Verfall über Monate hinweg wahrge­nommen, aber sie sich selbst überlas­sen. Es ist eine furchtbare Anklage: Jemanden – noch dazu die eigene Mutter bzw. Oma – einfach so sterben zu lassen, während man in derselben Wohnung unbeeindruckt sein eigenes Leben führt, isst und trinkt, schläft, lacht! Roswitha I. hat vermutlich Tage vor ihrem Tod kaum noch Nahrung zu sich genommen.

Aber es stellt sich schnell heraus, dass der Fall so einfach nicht liegt. Es ist die Geschichte einer Familie, die sich durch das Fehlen von Empathie aus­zeichnet. In der sich jeder selbst der Nächste ist, sogar im Sterben. Aber wa­rum ist ein Mensch, wie er ist? Der Psychiater Bernd Cichon aus Geln­hausen hat mit den Angeklagten aus­führliche Gespräche geführt. Er erin­nert sich im Zeugenstand. Er schildert den Werdegang von drei Menschen, deren Vereinsamung im Lauf der Jahre auf die Spitze getrieben wurde.

Es beginnt mit der Flucht der Männer. Der Vater von Patricia S. verschwand, als sie zwei war. Die Mutter heiratete zwar wieder, aber ihre Kindheit sei die Hölle gewesen. Die Mutter sadis­tisch: Strafen mit dem Kochlöffel. Liebes­entzug. Nie Zärt­lichkeit. Sie habe kein Mädchen gewollt, sagt sie ihrer Toch­ter einmal. Gleichwohl bemüht sich Patricia um ihre Aner­kennung. Und später, so er­zählt sie Cichon, habe sie sich immer um die Mutter geküm­mert. Bis zu­letzt.  Sau­ber gemacht, gekocht. So­weit es eben ging …

Patricia S. ist eine rundliche Frau, ihr dünnes braunes Haar von grauen Fä­den durchzogen. Sie hat es mit den Bandscheiben und einen chronischen Husten dazu. Sie lebt heute von Grundsicherung. Mit 19 wurde sie von einem US-Soldaten schwanger, mit 20 heiratete sie ihn, später ging er in seine Heimat zurück und ließ nichts mehr von sich hören. Auch so ein In­diz für Desinteresse an Nahestehen­den: Aus den Augen, aus dem Sinn. Es wird nicht einfach gewesen sein für sie, sich mit den beiden Jungs durch­zuschlagen; sie hat wechselnde Män­nerbekanntschaften – und dann ist da noch die Mutter, die sich bei den dreien einquartiert, sozusagen die Wohnung okkupiert oder genauer: das Sofa.

Roswitha I. sei ein Messie gewesen, heißt es, die Wohnung vermüllt. Auch davon gibt es Bilder. Eine Kripobe­amtin berichtet von kaum auszuhal­tendem Gestank. Sie habe gegen den Unrat anzukämpfen versucht, er­zählte die Angeklagte dem Psychiater, es aber irgendwann nicht mehr ge­schafft. Die Mutter sei zwar „geistig klar“ gewesen, aber schwierig. Habe niemanden hereinlassen wollen, sich auch nicht mehr aus der Woh­nung getraut. Sie litt an Rheuma. 2007 war sie in einem Krankenhaus. Das wird das letzte Mal gewesen sein, dass sie ihre „Höhle“ ver­lassen hat.

Es kommt darauf an in diesem Pro­zess, zu klären, ob Kevin und Ste­ven S. den Zustand der kranken Groß­mutter überhaupt beurteilen konnten. Zwei junge Männer, die ihre Pri­vat­sphäre mit einer älteren Frau teilen mussten. Kevin ist so ein Gro­ßer, Ma­gerer mit dürftigem Bart­wuchs in ei­nem fahlen Gesicht. Er gab an, verhei­ratet zu sein, und zwar nach islami­schem Recht, wie über­haupt er sich zum Islam hingezogen fühle. Die Ehefrau lebe im Jemen. Sie hielten Kontakt über WhatsApp …

Sein Bruder Steven hat ein weiches Jungengesicht. Die Großmutter be­zeichnete er als „eine herrische Frau“.  Manchmal sei sie auf einem fahrbaren Toilettenstuhl durch die Wohnung ge­schuckelt. Vom Sofa ins Bad. In die Küche. Zuletzt dann nicht mehr. Da wird sie zu schwach gewesen sein. Schon mit dem Sterben beschäftigt. Unter den Augen der Familie.

Der Prozess wird fortgesetzt.