Lebenslänglich light für Herrn M.

Er fand sein Urteil „überraschend“, das Gros der Prozessbeobachter nicht: Dirk M. mit seinen Verteidigern Matthias Reuter und Catrin Runge. Foto: Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU. Am Schluss bleibt eine Frage offen: Warum diese un­fassbare Grausamkeit?  Es scheint gerade so, als habe Dirk M. seiner Frau nicht nur das Le­ben nehmen, son­dern ihren Kör­per zerstören, sie durch unerträg­liche Schmerzen bestrafen wol­len. Von „Gewaltphantasien“ spricht Richter Peter Graßmück in sei­ner Urteilsbegründung. Fast könnte man dieser Tat einen ri­tu­ellen Charakter zusprechen. Als sei es um mehr gegangen als den Tod.

Dirk M. soll dafür mit einer le­benslangen Freiheitsstrafe büßen, urteilte die 1. Große Strafkam­mer. Ein ehemaliger Rechtsan­walt ist er und oben­drein einer aus der Hanauer Schickeria, was das Interesse der Öffentlichkeit an diesem grausigen Fall noch um einiges steigert und den Zu­schauer­raum zum Bersten füllt. Er hat sich nicht wirklich vertei­digt. Geschwiegen hat er, fast trot­zig an jedem Verhandlungs­tag, und bisweilen lächelnd. Er hat die Zeugen gehört und die Gut­achter und mit einem märty­rergleichen Stoizismus der Höchststrafe entgegen ge­sehen.

Zweifel an seiner Schuld bleiben nicht. Fast lückenlos hat die Kammer das Tatgeschehen re­konstru­iert. Vermutlich wollte Petra M. am Abend des 20. März 2017 endlich aus dieser fünfzehnjährigen Ehe, die eine Hölle war, ausbrechen, ihren Mann verlassen. Entsprechende Be­merkungen hatte sie kurz zu­vor ei­ner Bekannten gegenüber ge­äußert. Sie suche sich eine ei­gene Wohnung, einen neuen Job. Schluss mit den Gewaltexzessen. (Die Ge­richtsmedizin wird später zahl­reiche  verheilte Frakturen feststellen – Nase, Rippen, Be­cken.) Es kommt zum Streit, ir­gendwann zwischen 21.55 und 8.02 Uhr am nächsten Morgen. Sie will aus dem Haus flüchten. Er prügelt sie treppauf zurück in die Woh­nung. Hochparterre. Er schleppt sie ins Badezimmer. Er übergießt sie mit Brennspiritus, zündet sie an …

Petra M. ist da bei vollem Be­wusstsein. Sie kneift noch ins­tinktiv die Augen zu, als die Stichflamme an ihr empor schießt. Das lässt sich später an­hand der Brandwun­den in ihrem Gesicht nachweisen. Er duscht sie ab, entkleidet sie, streift ihr ein Nachthemd über, legt sie aufs Bett. So jedenfalls lief es nach Überzeugung des Gerichts ab. Es spricht alles dafür. Es spricht nichts dage­gen. Es ist das Ergeb­nis einer makabren, sorgfältigen Beweisaufnahme.

Zwanzig Prozent ihrer Haut sind zerstört. Und während sie unter schrecklichen Qualen dem Tod entgegen dämmert, fährt er an­derntags nach Frankfurt. Er lun­gert im Laden eines Freundes herum, liest Zeitung, geht zum Essen und später einen Wein trinken. Al­les durch die Geo­daten seines Mobiltelefons und Zeugenaus­sagen dokumentiert. Nach sei­ner Rückkehr ruft er den Not­arzt. Es ist Dienstag, 21. März, 20.26 Uhr.

Der vermutete Tatablauf  lässt sich durch weitere Indizien un­termauern. Da ist das fingierte Telefonat, das Dirk M. im Bei­sein eines Bekannten mit sei­ner Frau „führt“, die zu die­sem Zeit­punkt nachweislich bereits hirn­tot ist. Ein „Schauspiel“, wie der Richter sagt. Da sind wider­sprüchliche Angaben, Blutspu­ren, Fingerabdrücke. Das alles gibt es, aber keinen einzigen Satz vom ihm, nicht den Versuch ei­ner Erklärung. Fast hat es den Anschein, er akzeptiere die Kon­sequenz seines Handelns wie er sein Le­ben hingenommen hat, als eine Abfolge von Unausweich­lich­keiten. So mäanderte er durch die Jahre, ohne Ziel, ohne Be­schäftigung, ohne Einkommen. Er lebt vom Geld seiner Frau, ei­ner kleinen Erbschaft, von der Rente seiner Mutter. Es wird ihn kaum bedrückt ha­ben. Vielleicht, weil er in Petra den einzigen Halt in dieser sinnlosen Existenz sah. Es mag Liebe gewesen sein, eine kranke Art von Liebe, die sich in Gewalt manifestierte, und die Tragödie dieser Geschichte liegt darin, dass Petra M. sterben musste, weil sie aus die­sem La­byrinth des Grauens flüchten wollte und dabei in ein noch grö­ßeres Grauen geriet.

Um die „besondere Schwere der Schuld“, die eine vorzeitige Haftentlassung ausgeschlossen hätte, ist Dirk M. herumge­kom­men. „Eifersucht“, sagt Richter Graßmück, war wo­möglich ein Motiv, also als niedriger Beweg­grund neben der Grausamkeit das zweite Mordmerkmal. Aber das sei halt nicht ganz klar. Er könnte also nach fünfzehn Jahren wieder auf freien Fuß kommen.

Dirk M. nahm das Urteil ohne erkennbare Gemütsregung hin.