Logik und Glaube

Haben sie oder haben sie  nicht? Cengiz G. beteuert, mit seiner Bemerkung lediglich angedeutet zu haben, dass ihr kleines heimliches Abenteuer unerwartete Folgen zeitigte, nicht aber, dass sie wirklich in Hanau waren. © Warner Bros.

Von Dieter A. Graber

HANAU. Der Volkemordprozess biegt in die Zielgerade ein. Richter Peter Graßmück will das Verfahren nach gut vier­zehn Monaten endlich ab­schließen. Weitere Beweisan­träge sind nur noch bis zum Ver­handlungstag 16. März möglich. Nach Ansicht der Ver­teidigung kann es, zumindest für Banu D., nur einen Freispruch geben. Staatsanwalt Mathias Pleuser hingegen rechnet fest mit einer Verurteilung. Die Kammer hat zu erkennen gegeben, dem folgen zu wollen. Es ist der Kampf zwi­schen Logik und Glaube.

War Banu D. zur Tatzeit, die Nacht zum 8. September 2013, tatsächlich mit Cenguiz G. zu­sammen im Wiesbadener Restau­rant Harput, kann sie die Mörde­rin nicht sein. Der Besuch des türkischen Lokals und anschlie­ßend der vorwiegend von Türken besuchten Zurna Bar in Mainz-Kastel war ihr Alibi von Anfang an. Die Polizei hat es zu überprü­fen nicht für nötig befunden. Ei­ne schlampige Ermittlung. Da­mals glaubten die Fahnder, mit Lutz H. den Täter bereits im Vi­sier zu haben. An die Möglich­keit, ein Dritter könne den Mord in der Gallienstraße begangen haben, wurde kein weiterer Ge­danke verschwendet. Lutz H. hat kein Alibi. Er will in der Nacht die beiden Töchter von Banu D. in deren Haus beaufsichtigt ha­ben.

Unmittelbar nach der Tat wurden mehrere Telefongespräche abge­hört. Eins davon muss jetzt, quasi im Nachhinein, als Beweis für die Täterschaft von Banu D. her­halten. Sie führte es mit Cengiz G. am 11. Septem­ber, also drei Tage nach den töd­lichen Schüs­sen, morgens um 9.58 Uhr. Cen­giz G. sagt lachend: „Jetzt woll­ten wir ein­mal was heimlich ma­chen. Scheiße haha.“ Banu D. antwor­tet: „Ja wirklich. Da wol­len wir uns mal heimlich treffen, dass keiner davon Wind bekommt und dann so eine Scheiße …“„…zum Beispiel bis nach Hanau, haha.“„Obwohl wir damit nichts zu tun haben.“„Egal, egal, ich habe genug Zeugen, [die] ganze Zurna Bar war da. Ich bin froh, wenn Sie denjeni­gen erwischen.“„Die [gemeint sind Polizei und Staatsanwalt­schaft] haben gesagt: ,Geben Sie es doch zu, dass sie jemanden schützen‘ oder so. Ich so: ,Nee. Ich sage, wie es ist.‘ Vor allem überleg mal, für irgendjemanden meinen Hals hinzuhalten, und ich habe noch zwei Kinder.“„Das war doch gut, dass ich dich über­redet habe, in die Dings zu ge­hen, [in die] Türken-Bar ....“

Waren sie tatsächlich dort, muss Banu D. unschuldig sein. Soweit die Logik.

Der Dialog wurde im Saal 215 vorgespielt. Die Richter der 1. Großen Strafkammer haben ihn überdies außerhalb des Prozesses studiert. Immer wieder. Mit Kopf­hörern. Es ist ein akustisch schwer verständliches Gespräch, überlagert von Störgeräuschen. Die Angeklagte macht es einem zudem nicht leicht, auch in einer normalen Unterhaltung, ihrer hol­pernden Syntax und ihren Ge­dankensprüngen zu folgen. Vor allem aber: Was meinte Cengiz G. mit „…zum Beispiel bis nach Hanau …“?

Nun der Glaube.

Pleuser nimmt das Zitat als Be­weis, dass die beiden in Wirk­lichkeit nach Hanau gefahren sind, mithin nicht im Harput wa­ren. In der Philosophie heißt das Petitio Principii. Eine Behaup­tung wird durch eine Aussage begründet, welche die zu bewei­sende Behauptung als wahr vo­raussetzt. In diesem Fall: Weil sie in Hanau waren, muss die Äußerung des Cengiz G. in die­sem Sinne gemeint ge­wesen sein. Wortklauberei würde der Volks­mund vielleicht sagen. Aber Wortklauberei kann auch Ironie und Sarkasmus zum Aus­druck bringen. Hat es Herr G. so ge­meint? Machte er sich, die Kon­sequenzen seiner Äußerung nicht ahnend, über die Ermittler  lus­tig? Und was war mit „was heimlich machen“ gemeint? Das nächtliche Rendezvous in Wies­baden oder das Verbrechen in Hanau? Würde einer ernsthaft über einen Mord als „Heimlich­keit“ sprechen?

Es gibt in diesem Verfahren weitere Banalitäten, die nun wie zurechtgestutzte Mosa­ikstein­chen in das „Beweispuz­zle“ ge­gen Banu D. eingepasst werden. Da wird angeblich „se­kunden­langes Schweigen“ wäh­rend des Telefonats (vor: „Ob­wohl wir damit nichts zu tun ha­ben.“) als Indiz ge­wertet, eine Aussage in eine Frage umgedeutet und so weiter, und zwar so lange, bis das umgefrickelte Telefonat als Schuldbeweis zu taugen scheint.

Im Anschluss an seine insgesamt zwanzigstündige Zeugenbefra­gung– wohlgemerkt: nachher – besuchte Cengiz G. erneut das Harput, auf dem Heimweg, ge­meinsam mit seinem Rechtsan­walt. Und zwar zum Essen. Es war an ei­nem Januartag dieses Jahres. Die Kammer findet das „verdächtig“.

Verteidiger Axel Küster kriti­siert, dass bei der Vernehmung des Cengiz G. „überspannte An­forderungen an das Erinnerungs­vermögen“ gestellt worden seien. „Von ihm wurde erwartet, minu­tiös Vorgänge wiederzugeben, die  fast vier Jahre zurückliegen.“ Nebenbei: Später beantragt Ver­teidiger Edgar Gärtner die Ver­nehmung des Staatsanwalts. Pleuser solle zu einer Aussage von Banu D. aus dem ersten Volkemordpro­zess, in dem sie noch als Zeugin auftrat, befragt werden. Pleuser winkt ab. Daran könne er sich beim besten Willen nicht mehr erinnern. Es ist, wie gesagt, nicht mal eineinhalb Jahre her. So viel zum Thema Gedächtnisleistung.

Die Verteidigung von Banu D. zieht noch einmal alle Register. Sie beantragt unter anderem ein Sachverständigengutachten, das „durch Verlangsamen und Her­vorheben bzw. Ausblenden von einzelnen Tonspuren, durch Ver­änderung der Höhen und Tiefen … eine genaue Wie­dergabe“ des Telefonats ermögli­chen soll. Die Kammer wird da­rüber vermutlich bis zum nächs­ten Verhandlungs­tag entschei­den.